Shakespeare and more:
Neuerscheinungen und Rezensionen

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Name:Ennka
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Freitag, Februar 18, 2005

Der Traum von der Pariser Bohème


Mittlerweile ist es draussen vor dem Fenster wieder hell geworden. Der Tee auf dem Stövchen hinter mir verbreitet einen leichten Geruch nach Bergamotte, ist aber zu stark geraten, um mir wirklich gut zu tun. Seit 6 Uhr morgens sitze ich am Schreibtisch, mit dem festen Vorsatz, für Shakespeare and more endlich ein eigenes Weblog ins Leben zu rufen. Um sieben Uhr war tatsächlich ein erster Entwurf fertig, aber ein falscher Tastendruck machte alles in Sekundenbruchteilen zunichte. Ein wenig sehnsüchtig denke ich an jene Autoren, die Balsac in seinem Roman "Verlorene Illusionen" beschreibt - und das nicht nur, weil sie noch mit der Feder arbeiteten und Papier ein weniger vergängliches Medium ist als die Bits, mit denen moderne Autoren sich herumschlagen.

Natürlich bin ich als Buchhändler Vielleser. Und natürlich liegt es nahe, euch, den Besuchern dieser Site, ein wenig Anteil zu geben an dem, was ich verschlinge. Sei es als Buchtipp, oder sei es einfach nur dafür, euch ein Gespür für diesen Laden zu vermitteln, mitsamt seinem leicht verschrobenen Inhaber und seiner nicht minder sonderbaren Katze Kami-Vera, deren Lieblingsquartier die noch nicht ausgepackten Bücherkartons im Hinterzimmer sind, von denen sie sowohl einen guten Blick ins Freie als auch eine gewisse Nähe zu mir hat.

Aber zurück zu Balsac und den "Verlorenen Illusionen". Ich bin damals auf dieses Buch gestoßen, weil irgendjemand es im Vorwort zu Murgers "Das Leben der Bohème" als realistischen Gegenentwurf zu Murger gepriesen hat. Zuerst tat ich mich ein wenig schwer mit Balsacs Langatmigkeit, aber es dauerte nicht lange, bis mich der Roman packte. Er schildert den Werdegang des kleinen Provinzdichters Lucien, der sich voller Illusionen auf nach Paris macht, um dort als Autor endlich einen Verleger zu finden - und natürlich reich und berühmt zu werden, wie das jeder insgeheim hofft, der irgendwann einmal angefangen hat zu schreiben. Lucien versteht den Pariser Kunstbetrieb nicht wirklich, sondern bleibt Spielball der unterschiedlichen Kräfte, die auf ihn einwirken. Und diese Naivität, mit der er seine eigene Karriere verfolgt, hat etwas Rührendes.

Balsac jedoch weiß, wovon er schreibt. Und das macht dieses Buch lesenswert für jeden, der irgendwo in seiner Schublade ein Manuskript liegen hat - nur für sich selbst. Denn das, was er so gänzlich bar jeder Naivität seinen Helden Lucien erleben lässt, ist absolut deckungsgleich mit dem, was jeder werdende Autor auch heute noch erleben kann. Die Erfahrungen, die ich selbst mit meinen ersten Schreibversuchen gemacht habe, unterscheiden sich nur unwesentlich von denen Luciens. Insofern lege ich diesen Roman jedem ans Herz, der sich mit dem Gedanken trägt, seine eigenen Gedanken oder Geschichten veröffentlichen zu lassen. Ich zumindest greife mittlerweile regelmäßig zu diesem Buch, um mich ein wenig zu erden - aber auch, um in der meisterhaft geschilderten Atmosphäre der Pariser Bohème des 19. Jahrhunderts zu schwelgen.