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Mittwoch, August 23, 2006

Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind


Deuticke, geb., 222 S., 17,90 €

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Die Zeiten, in denen in meinem Briefkasten handgeschriebene Briefe zu finden waren, sind längst vergangen. Wenn Freunde sich schriftlich bei mir melden, dann per SMS oder gelegentlich per Email. Manchmal trauere ich jener Vergangenheit nach, in denen der Gang zum Kasten noch etwas Erwartungsvolles barg.

Schriftliche Kommunikation wird mittlerweile durch elektronische Medien übertragen, und es macht wenig Sinn, darüber zu weinen. Wir leben im Internet ein virtuelles Leben, das unsere körperlichen Defizite ausblendet und durch die Verzögerung des geschriebenen Wortes selbst unbeholfene Stotterer noch eloquent erscheinen lässt. Stärker als im wirklichen Leben wird so unser Gegenüber zu einer Leinwand unserer Projektionen, in der das geschriebene Wort nunmehr die Rolle der Selbstdarstellung übernimmt. Wie weit da Wirklichkeit und Erwartung auseinander gehen können, zeigte Nora Ephrons Email für dich (1998) par excellence.

Nun ist das Genre des Briefromans eines der ältesten überhaupt. Bereits in Jean de Meuns Rosenroman von 1280 findet sich ein langer amouröser Briefwechsel, und im 18. Jahrhundert erreichte das Genre seinen erotischen Höhepunkt mit den Gefährlichen Liebschaften von Choderlos de Laclos. Auch die moderne Unterhaltungsindustrie entdeckte dieses Sujet für sich, und nach dem Erfolg von Email für dich dauerte es nicht lange, bis Cecelia Ahern mit ihrem Roman Für immer vielleicht einen Bestseller vorlegte, der über weite Strecken aus Emails, Chats und SMS bestand.

Eigentlich war also von Daniel Glattauers Gut gegen Nordwind wenig Neues zu erwarten, bzw. waren die Anforderungen an ihn, innerhalb der altehrwürdigen Tradition des Briefromans etwas Neues zu erschaffen, ziemlich hoch gesteckt. Ob er sich dem durch bewusstes Ignorieren oder durch naive Lust am Fabulieren entzog, ist nicht eindeutig zu beantworten. Fakt ist, der Plot des Romans entspringt einer bekannten Schablone (s. Nicholson Bakers Vox). Nur verwählt sich niemand mehr am Telefon. Statt dessen geraten Emails an die falsche Adresse:

An seinem Computer sitzt der Kommunikationsberater und Uni-Assistent für Sprachpsychologie Leo Leike und ärgert sich über diverse Abbestellungen eines Abos, das eigentlich der Zeitschrift Like zugehen sollte. Er mailt der Absenderin Emmi Rothner zurück, diese entschuldigt sich ganz förmlich, was sie aber nicht daran hindert, bald eine neue Abbestellung hinterher zu schicken. Und fröhliche Weihnachtsgrüße, die in bewehrt-üblicher Werbemanier an ihr gesamtes Emailadressbuch gingen. Denn Frau Rothner hat sich auf das Erstellen von Internetseiten spezialiert, und in dem Metier gehören Massengrußsendungen zu allen Festen zu den gebräuchlichen Ritualen. Leike, der derzeit an einer Studie über den Einfluss der E-Mail auf das Sprachverhalten und über die E-Mail als Transportmittel von Emotionen arbeitet, reagiert prompt. Und es passiert, was passieren muss, und was keiner anders erwartet: die beiden kommen sich näher, verlieben sich, machen Pläne, schrecken vor sich selbst zurück.

Zugegeben, schon die ersten Zeilen des Email-Romans sind derart konfliktträchtig und komisch, dass es mich als Leser unmittelbar hinein gezogen hat. Und für einen Standardplot ist Gut gegen Nordwind in seinem Spannungsaufbau sauber konstruiert und auch rhythmisch durchdacht. Das macht das Lesen einfach, macht aus dem Buch aber noch keine große Literatur. Darüber hinaus behandelt Glattauer die Standardthemen, die eine virtuelle Romanze im neuen Jahrtausend eben behandeln muss: Ängste, Erwartungen, Sehnsüchte - all dem gibt der Roman Raum, so dass das Identifikationspotential beim Lesen gewahrt bleibt. Leider ist das Geplänkel nicht halb so tiefgründig wie der Emailwechsel bei Nora Ephron.

Weitere Rezensionen finden Sie bei: Wiener Zeitung, Falter, ORF

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