Didier Daeninckx: Statisten
Irgendwann, vor langer Zeit, lief auf arte ein Beitrag über die Erben Simenons, die jungen Wilden der französischen Krimizunft. Und weil der Name Didier Daeninckx so hübsch unaussprechlich war und die Informationen über ihn so verführerisch, besorgte ich mir den Band Nazis in der Metro. Das Buch war bevölkert mit einem bunten Arsenal distinguierter Konservativer, verdeckt operierender Neo-Nazis und deren medialer Kumpanei, mit frustrierten Linken, aufrechten Anarchisten und verrückten Alten. Sehr links, sehr gesellschaftskritisch, sehr neo-noir. Eigentlich eine ideale Mischung. Trotzdem habe ich nie wieder einen Daeninckx-Roman in die Hand genommen. Keine Ahnung, wieso.
Gestern nun blättere ich in der taz und stoße dort auf Katharina Granzins bösen Verriss des neusten Daeninckx-Bandes Statisten. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass es in diesem Buch um Filmfreaks geht, die von einem Festival zum nächsten jagen und ihre Zeit damit verbringen, zu Spezialisten auf Gebieten zu werden, nach denen niemand je fragen wird: ist es wichtig, sämtliche Statisten des Monumentalepos "Ben Hur" namentlich zu kennen? Oder steckt dahinter eine subtile Form von Weltabgewandtheit, die im Mikrokosmos des Films jenen Überblick sucht, den sie im Makrokosmos dieser Welt längst aus den Augen verloren hat? Granzin, unsere linksambitionierte Rezensentin ärgert es, dass Daeninckx mit seinem Kurzroman nicht zu Potte kommt. 49 Seiten lang erzählt er von diversen Festivals und den Marotten derer Teilnehmer, was für einen 400-Seiten-Roman vielleicht noch funktionieren würde, allerdings wirklich ein wenig grob geplottet ist, wenn der Roman (oder besser die Erzählung) auf Seite 89 bereits wieder endet.
Sicher, mit ein bisschen gutem Willen lässt sich die Entdeckung des Films als Zentraler Punkt der Handlung interpretieren, und dann liegt er in der Mitte der Story genau richtig. Aber seien wir ehrlich: bei einem guten Krimi sollte das Verbrechen, um das es geht, nicht erst als Zentraler Punkt auftauchen, sondern spätestens als erster Wendepunkt der Story, also nach knapp einem Viertel des Textes.
Auf jener Seite 49 nun bekommt unser normale Alltagsheld Notermans ein Filmchen zu sehen, einen frühen, schwarz-weißen Snuff, wunderbar ausgeleuchtet und damit über jeden Trash-Verdacht erhaben. Technisch so realistisch umgesestzt, dass der Verdacht naheliegt, trotz aller Künstlichkeit könnten die Protagonistinnen den Dreh nicht überlebt haben. Und schon sind wir bei den Recherchen wieder in der alten Okkupationszeit, die Daeninckx von jeher als Thema gereizt hat, weil die alten Kollaborateure in Frankreich eben auch erst allmählich absterben, ähnlich wie bei uns.
Trotz des etwas windschiefen Plots hat es Statisten auf Rang 5 der KrimiWelt-Bestenliste geschafft (ja, ja - ich weiß: Februar, eigentlich Schnee von gestern). Es gab also wohl einige, die den Roman nicht ganz so misslungen fanden wie unsere taz-Redakteurin, die schlicht, wenn wohl auch vor allem als Zugeständnis an ihre alliterativen Fähigkeiten, meinte: «So kann's gehen mit der Kunst. Und wenn es auch noir ist, so ist es doch Nonsens.»
Rezensionen zum Roman finden Sie bei: Hinternet, Freitag, WDR, DLF, EuroPolar, Mordlust, SoZ - Sozialistische Zeitung, arte
Labels: Buchrezensionen


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