Felicitas Hoppe: Johanna
Fischer, geb., 176 S., 17,90 €
Der Verlag hat das neue Buch von Felicitas Hoppe, Johanna, für Ende August angekündigt. Wieso er trotzdem für den Deutschen Buchpreis 2006 nominiert wurde, ist nicht so ganz deutlich. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass eine ausgewählte Schar Feuilleton-Kritiker bereits vorab Leseproben (oder gar Leseexemplare) erhalten hat.
So bleibt uns nichts, als auf die wenig tröpfelnden Informationen auszuweichen, die bisher an die Öffentlichkeit gelangt sind. Da ist zum einen die Hörprobe, die mich ein wenig ratlos zurücklässt. Hoppe beginnt mit einem Prolog: der Geburt der Johanna, im nächsten Satz schon springt sie zu Johannas Verurteilung, der Begnadigung, der Verbrennung. All dies mag vielleicht die erste Seite einnehmen. Sie vermengt dort Legende mit Faktenwissen. «Johanna wurde in der Dreikönigsnacht geboren. Die Tiere begannen zu sprechen. Die Brüder hielten den Sternen die Höhe. Nur die Könige konnten sich nicht einigen. 19 Jahre später, als der Bischof endlich begann, das Todesurteil zu verlesen und der Scharfrichter sich mit dem Karren näherte, verließen Johanna die Kräfte.» Ist das nun dicht gedrängter Erzählstil oder schon eine Persiflage auf den historischen Roman?
Es folgt ein harter Wechsel im Erzählton: «Damen und Herren. Was ist das? Heult wie ein Hund, fällt auf die Knie wie ein Bettelbruder und feiert sich wie ein französischer König?» Und prompt befinden wir uns irgendwo im Mittelalter, im Jahr 1431, mit einem Protagonisten, der Dr. Peitsche heißt, dazu einer zunächst nicht näher identifizierbaren Ich-Erzählerin, einer Zeitzeugin, die im Gerichtssaal ihren Doktor anhimmelt. Und die einen Hund mindestens ebenso interessant findet wie all die Geschichten um Johanna, die derzeit kursieren. Felicitas Hoppe ergeht sich auf diesen ersten Seiten in Andeutungen, und will damit neugierig machen auf die Ich-Erzählerin, ihr sonderbares Verhältnis zu Dr. Peitsche, der Papierhüte faltet. Solche, wie Johanna sie am Kreuz getragen hat, als sie verbrannt wurde.
Aus diversen Interviews ist bekannt, dass Hoppe früh schon die Absicht aufgegeben hat, einen historischen Roman über Johanna von Orleans zu schreiben. Die Figur ist ihr zu groß, um sie fassen zu können. So sagt sie in Bezug auf ihre berühmten Vorgänger in der Beschreibung der Johanna, wie Brecht, Schiller, Shaw: «Jede Beschreibung, Bearbeitung, Verfilmung ist eine Jeanne-Schrumpfung, weil in Jeanne so viel drinsteckt, das man sie unfreiwillig verkleinert.»
Und so ändert sie die Schlagrichtung, schreibt ein Buch über genau diese Unfähigkeit, einen Metatext. Folglich liest sich der Klappentext des Buchs ein wenig kryptisch: «Wie geht man mit einer Figur um, die jeder zu kennen glaubt, und über die auch in der Kunst längst alles gesagt scheint? In einer Zeit, in der zwar viel erzählt aber nichts gehört wird, bleibt Johanna eine Provokation. Dies ist ein Buch, das davon handelt, wie man Geschichte macht, wenn man erzählt. Auf den Gang der Geschichte antwortet diese "Johanna" mit der Passion der Literatur, auf die Passion der Johanna mit einem Gespräch über unsere eigene Angst. Felicitas Hoppe verzichtet auf die Rekonstruktion der Biographie. Stattdessen erzählt sie mit historischer Genauigkeit und poetischer Intensität einen Traum von der Wirklichkeit - denn was sind Bücher gegen die Welt?»
Auch den wenigen zugänglichen Onlinerezensionen ist nicht klar zu entnehmen, wie Hoppe der Spagat gelingt. In Ivo Kaufmanns Rezension für den ORF klingt der Plot des Romans noch relativ spannend: «Drei Personen, Doktor Peitsche, ein fanatischer Verehrer, ein schrulliger Professor, der mit gesicherten Daten und Fakten viele Heldensagen relativiert und die studierende Ich-Erzählerin machen sich gemeinsam auf die Suche nach einer möglichen Wahrheit. Im Hörsaal und auf Reisen zu den Original-Schauplätzen spürt das ungleiche Trio jedem Detail der unglaublichen Geschichte nach.» Das könnte technisch gesehen einen interessanten Plot für einen Historien-Roman über Johanna abgeben, der sich geschickt der Herausforderung entzieht, direkt Gegebenheiten schildern und so zwangsläufig Partei ergreifen zu müssen.
In Johanna Schwanbergs Rezension fürs Spectrum liest sich das dann bereits etwas anders: «Zwar trägt das Buch die Gattungsbezeichnung Roman, es handelt sich aber mehr um assoziative, philosophisch-poetische Gedankensplitter. Um kurzprosaartige Kapitel, in denen die Ich-Erzählerin ihre Befindlichkeiten - ihre Einsamkeit, ihre Träume und Sehnsüchte, vor allem aber ihre Ängste - vor dem Spiegel der historischen Gestalt entwickelt.»
Trotz allem sind die meisten Rezensenten begeistert. Das Buch ist nicht nur für den Deutschen Buchpreis 2006 nominiert, für einige wie die FAZ-Kritikerin Felicitas von Lovenberg gehört es gar zu den heißen Favoriten. Warten wir also mit Spannung auf das offizielle Erscheinen dieses Bandes.
Weitere Rezensionen finden Sie unter: ORF, NDR, Die Presse
Am 09.07.06 gab Felicitas Hoppe auf DLF ein Interview "Gott
ist tot" in der Reihe: "Irrtümer der Moderne", das Sie auf
deren Website nachlesen
oder auch nachhören
können.
Am Montag, 28.August
2006 12:30 Uhr rezensiert Tobias Lehmkuhl den Roman Johanna
auf NDR Kultur.
Felicitas Hoppe liest am 16.Oktober
2006 20:00 Uhr in der Stadtteilbibliothek Dornberg aus dem Roman.
Am 05.
November 2006, 11 Uhr ist sie dann zu Gast in der Aargauer Kantonsbibliothek.
Die dortige Lesung wird vom Radio DRS2 live übertragen.
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