Günter Grass bei Ulrich Wickert
Natürlich saßen wir alle popcornbewaffnet vor dem Fernseher, als gestern abend um 22:45 Uhr das heißersehnte Fernsehinterview zwischen Ulrich Wickert und Günter Grass ausgestrahlt wurde. Nach dem ewigen Hin und Her in den Medien über Grass' jüngste Enthüllungen, er sei bei der Waffen-SS gewesen, wurde es Zeit für ein ausführlicheres Bekenntnis des Nobelpreisträgers zu dem Thema. Ohne Frage.
Dabei munkelt nicht nur der Berliner Kurier, es gäbe vielleicht einen direkten Zusammenhang zwischen der Sprengkraft dieser Offenbarung und der Tatsache, dass die erste Auflage des neuen Buches bereits fast vergriffen ist (andere Quellen reden gar davon, sie sei schon ausverkauft).
Die Atmosphäre ist gemütlich, wenn nicht betulich. Die Fragen sind ernst, und man sieht, wie Grass teilweise seine in den letzten Tagen oft gegebenen Antworten hervorsprudelt, dann wieder - dort, wo er selbst nicht weiter weiß - nach Sätzen ringt, nach Erklärungen. Oft gibt es nicht mehr als ein hilfloses Schulterzucken von dem alten Herrn mit Schnauzbart, bevor er von neuem ansetzt, nach Erklärungsmustern für sich sucht und diese nachdenklich präsentiert. Dem allen merkt man an, dass das Interview nicht im luftleeren Raum entstand, sondern nur ein weiteres Stück Wegs in einer Kette von Medienanfragen ist. Viele Fragen kontert Grass souverän. Er kennt sie, er hat seine eigenen Antworten parat. Neues war wohl nicht zu erwarten, auch wenn wir darauf gehofft haben.
Wer sich das Spektakel noch einmal ansehen will, hat heute abend, um 0:30 Uhr auf MDR die Gelegenheit dazu. Dort wird die Sendung wiederholt. Und wer bis dahin noch ein wenig schmökern will, findet im Hamburger Abendblatt ein Interview mit Wickert über die Sendung. Und natürlich gibt es die ersten Pressereaktionen: Handelsblatt, Netzeitung, Welt, Spiegel und Focus berichteten bereits.
Erwähnenswert in dem allgemeinen Gerangel um die Enthüllungen scheint mir allein John Irvings offener Brief an die Frankfurter Rundschau, in der der amerikanische Erfolgsautor starke Worte findet: «Mein Freund und früherer Mentor Kurt Vonnegut würde das nationalistische Geplapper in den deutschen Medien wohl als "shit storm" bezeichnen. Was ich aus all den Leitartikeln, den pathetischen Bemerkungen meiner Kollegen, der Kritiker und Journalisten aus den verschiedenen politischen Lagern herauslese, ist Folgendes: All dies ist eine vorhersehbar scheinheilige Demontage des Lebens und Werks von Günter Grass, ausgeführt von dem ach-so-feigen Standpunkt der nachträglichen Einsicht. Und von dieser Position aus nehmen jetzt viele der so genannten Intellektuellen sicher ihr Ziel ins Visier.»
Labels: Literaturbetrieb


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