Shakespeare and more:
Neuerscheinungen und Rezensionen

 Mein Foto
Name: Ennka
Standort: Hamburg, DE

Samstag, August 12, 2006

Günter Grass war bei der Waffen-SS


Als ich noch jung war, damals, nach dem Krieg, voller gerechter Empörung über die Untaten der Väter, da gab es für meinen Vater das Thema Krieg nicht. Es hat Jahre detektivischen Forschens gebraucht um herauszufinden, mein Vater war während des Zweiten Weldkriegs Funker, stationiert in Norwegen. Und weil während des Zweiten Weltkriegs irgendwie ja alle Väter Funker oder Sachbearbeiter waren, nahm ich diese Eröffnung mit einiger Skepsis zur Kenntnis.

Erst als mein Vater deutlich im Rentenalter war, fing er langsam, zögerlich an, von seinen Kriegserfahrungen zu erzählen. Das war eine Zeitlang spannend, wurde dann aber auch schnell eintönig. Irgendwann waren alle Anekdoten bekannt, Neues folgte nicht mehr nach. Mittlerweile ist mein Vater gut über Achtzig. Sein Kurzzeitgedächtnis funktioniert nur noch über ganz kurze Strecken und seine Erinnerungen kreisen fast ausschließlich um die Greuel, die er im Krieg miterlebt hat. Das ist schwierig, wenn auch normal.

Jetzt also der 1927 in Danzig geborene Grass. Günter Grass arbeitet seine Autobiographie auf. "Beim Häuten der Zwiebel" heißt sie, kommt im September auf den Markt. Und worum geht es? Seine Kindheit in Danzig, Kriegsdienst und Kriegsgefangenschaft sowie seine Anfänge als Künstler im Nachkriegsdeutschland. Das wäre kaum überraschend, bestenfalls ganz nett, hätten seine bisherigen Biographen nicht alle - in Absprache mit Grass höchstpersönlich - erzählt, der junge Günter sei lediglich Flakhelfer gewesen und später dann als normaler Soldat eingezogen worden. Mit dem Alter aber drängt sich eine Wahrheit nach vorn, die anders aussieht. Grass war SS-ler, Mitglied der gefürchteten Waffen-SS. Natürlich ohne einen Schuss abzufeuern, so wie unsere Eltern, die ja auch alle nur in den Schreibstuben und Funkstationen saßen. Soviel der Ehre muss sein. Aber immerhin war er dabei. Er habe das immer als Makel empfunden, sagt er in einem Interview mit der FAZ, und irgendwie kann ich ihm das nachempfinden.

Alle, die in ihm immer noch das ungeliebte Gewissen der Nation sehen, wird das freuen. Schaut her, der selbsternannte Saubermann hat ebenfalls eine befleckte Weste. Noch im Mai hatte er sich bei einigen unbeliebt gemacht, als er auf dem 72. Internationalen Pen-Kongress in Berlin lauthals verkündete, Bush und Blair seien Heuchler - der von der amerikanischen Regierung gewollte und die Gesetze der zivilisierten Welt missachtende Krieg fördere den Terror und könne nicht enden. Klare Worte hat er eigentlich immer gefunden. Und es ist nicht wirklich damit zu rechnen, dass es jetzt leiser um ihn wird.

Die Frage scheint eher, wie unsere Nation mit dieser Neueröffnung umgeht. Ich gebe zu, die bisherigen Reaktionen der Feuilletons machen mir ein wenig Angst. Alles klingt, als wolle man Grass freundlich auf die Schulter klopfen: "Das macht doch nichts." Sollte die ehemalige Mitgliedschaft bei der SS auf diese Weise salonfähig werden, kommen wir in unsere schwierigste Phase der Vergangenheitsbewältigung. Grass selbst sagt ja nicht: "Das war ein Fehler", sondern gibt zerknirscht lediglich zu: "Ich habe das immer als einen Makel empfunden" - womit er aber lediglich hinterfragt, was diese Mitgliedschaft mit ihm, nicht, was die SS mit einer Nation gemacht hat. Und das ist eindeutig die falsche Blickrichtung für eine sinnvolle Geschichtsaufarbeitung. Die Biografisierung des Terrors beinhaltet fast notwendig die Verharmlosung, denn Autobiografien haben von jeher eine apologetische Funktion.

Schließen wir: Grass wird bald 80. Das ist nicht notwendig das Alter der Demenz, auf jeden Fall aber ein Alter, in dem die jüngeren Ereignisse immer weniger Raum einnehmen, die länger zurückliegenden jedoch in der eigenen Erinnerung an Raum gewinnen. So ist "Beim Häuten der Zwiebel" ein typisches Alterswerk: schwammig an den Stellen, die prekär werden könnten. Wann hatte er eigentlich gemerkt, dass er bei der SS gelandet ist? "War es schon am Einberufungsbefehl zu erkennen, am Briefkopf, am Dienstgrad des Unterzeichners? Oder habe ich das erst gemerkt, als ich in Dresden ankam? Das weiß ich nicht mehr", sagt er im FAZ-Interview. Und damit unterscheidet er sich in nichts von den anderen Kriegsteilnehmern: der Krieg ist ihm passiert, Schuld hatten bestenfalls die anderen.

Labels: