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Donnerstag, August 31, 2006

Judith Kuckart: Kaiserstraße


Dumont, geb., 320 S., 19,90 €

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Eine Reise in die deutsche Geschichte hat Judith Kuckart mit ihrem Roman Kaiserstraße unternommen. Sie beginnt ihre Sight-Seeing-Tour in den 50er Jahren und besucht vieles, was für die ehemalige Linke interessant und bedeutsam war. Das heißt, ob die alte Linke sich sonderlich für den Tod der Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt interessiert, mit dem der Roman seine Zeitreise beginnt, mag dahin gestellt bleiben. Insofern ist die Zielgruppe dieses Romans nicht hundertprozentig abgegrenzt. Aber sehen wir uns weiteren Stationen des literarischen Bilderbogens an: der Besuch des Schahs, Benno Ohnesorg, Rudi Dutschke, Burkhard Driest, die Ermordung Hans Martin Schleyers - das ist eine Auswahl, die den Interessentenkreis eingrenzt und definiert. Aber Achtung: Leo Böwe ist, wie jeder Vater einer sich emanzipierenden Tochter, der Böse, Protagonist und Antagonist der Heldin zugleich. Er wird später, wie sollte es anders sein, in die CDU eintreten und im sächsischen Landtag aktiv werden.

Erzählt wird die Geschichte aus zwei Perspektiven. Auf der einen Seite Leo, den Judith Kuckart von seinem Abitur an begleitet. Ein Unsympath, der später zu einem erfolgreichen Vertreter für Waschmaschinen wird. »Der Verkauf beginnt, wenn der Käufer Nein sagt« ist seine Devise, und genauso penetrant verhält er sich über die 340 Seiten des Romans. Er hat eine Tochter, die schon früh beschließt, ihn zu erschießen, wie die Polizei Benno Ohnsorg erschossen hat. Sie ist die andere tragende Perspektive des Romans. Sie revoluzzt, wird notwendig links, notwendig älter in diesen 50 Jahren - und am Ende ist sie es, die ihren Kampf aufgibt und ins Bürgertum abgleitet, während Papa langsam aber sicher seine rebellische Ader entdeckt und auslebt.

Die Geister scheiden sich an diesem Roman. Jubelnde Hymnen auf das Buch lassen sich genauso finden wie wütende Verrisse. Von «der starken Imaginationskraft und Empathie der Autorin» schreibt Gabriele Killert in Die Zeit. Und Andrea Köhler meint in der Neuen Zürcher Zeitung, Judith Kuckart «hauche dieser traurigen Prosa der Wirklichkeit dadurch Leben ein, dass sie die Sprache ihrer Figuren zu einem "poetischen Kunstjargon" forme und zum Sprechen bringe. Hinter den "flotten Parolen" und "hemdsärmeligen Sprüchen" zeigten sich die "Wünsche", die "stumm rebellieren".» (Zitat Perlentaucher) Dagegen steht Stephan Maus in der Süddeutschen Zeitung auf: er verpasst den Roman böse das Etikett "Neobiedermeier". Nichts als "billige Symbolschminke", die keiner der Figuren auch nur die Spur eines Geheimnisses lässt, allenthalben "gewollte Symmetrien und Korrespondenzen" aufbietet, nach deren Sinn der Leser vergeblich fahndet.

Der Name Kaiserstraße übrigens steht für eine Parallelmontage: in der Frankfurter Kaiserstraße lebte und starb die Prostituierte Nitribitt, die im ersten Erzählabschnitt eine zentrale Rolle spielt, wenn auch nur als Leiche, oder bestenfalls als Abziehbild eigener Wünsche. In der Kaiserstraße in Schwelm lebt Familie Böwe. Sowohl Vater Leo als auch Tochter Jule lassen es sich nicht nehmen, die Wohnung in der Frankfurter Kaiserstraße zu besuchen. Zu ihren ganz privaten Recherchen.

Trotz aller Kritik wurde das Buch sowohl für die Shortlist (5 Titel) des Preises der Leipziger Buchmesse als auch aktuell für die Longlist (21 Titel) des Deutschen Buchpreises 2006 nominiert. Warten wir ab, ob und wie sich die Diskussion neu entfacht.

Zum Roman Kaiserstraße von Judith Kuckart sind bereits unzählige Rezensionen erschienen. Hier können Sie weiterschmökern: Perlentaucher (Übersicht), Zitatübersicht auf Kuckarts Homepage, Frankfurter Rundschau, Freitag, Main-Echo, Schweizer Illustrierte, taz, Die Welt, Wiener Zeitung,Die Zeit, Spiegel, NDR Kultur, MDR Figaro (Audio-File), Deutschlandradio Kultur (auch als Audio-File), ORF, Poetenladen, Literaturkritik, Ixlibris, Berliner Literaturkritik, Pep Magazin, Netzmagazin, Espace

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