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Donnerstag, August 24, 2006

Katharina Hacker: Die Habenichtse


Suhrkamp, geb., 308 S., 17,80 €

Hörprobe beim Literaturport

Kaum wage ich es, ein Buch in die Hand zu nehmen, das vom deutschen Feuilleton bereits allerorten in den höchsten Tönen gelobt wird. Wie soll ich eine eigene Meinung fassen zu einem Titel, der von der Frankfurter Rundschau als beeindruckender "Fortschritt in der deutschen Gegenwartsliteratur" gewertet wird? Bestenfalls mit spitzen Fingern, möchte ich meinen.

Aber der Reihe nach: Katharina Hacker beschreibt in Die Habenichtse zwei junge Leute, die wahrscheinlich zu früh geheiratet haben. Er, Jakob, ist Jurist; sie, Isabelle, Graphikerin. Am 11. September 2001 verliert Jakobs Kollege Robert in einem der Manhattener Twin Towers bei einem Geschäftstermin sein Leben. Eigentlich hätte Jakob diesen Termin wahrnehmen sollen, aber weil an jenem Abend in Berlin eine Party steigt, auf der seine Jugendliebe Isabelle anwesend sein soll, überredet er Robert, statt seiner dorthin zu gehen. So rettet Jakob seine Liebe zu Isabelle das Leben. Und mehr noch: Jakob bekommt Roberts Posten angeboten, eine Stelle in einer renommierten Londoner Kanzlei. Er nimmt an. Gelegenheit genug, Schuldgefühle zu entwickeln.

Sie heiraten, weil es «so passend» ist, im kleinen Rahmen, ohne auch nur den Eltern Bescheid zu geben. Gemeinsam ziehen sie in Londons Norden, nach Kentish Town in die Lady Margaret Road mit ihren pittoresken viktorianischen Reihenhäusern. Nun kann bzw. muss Isabelle die Berliner Werbeagentur, deren Teilhaberin sie ist, von London aus führen. Aber wozu ist denn die Generation der heute Dreißigjährigen kosmopolitisch erzogen worden, wenn nicht genau zu diesem Zweck. Was für Jakob nach einem interessanten Sprung auf der Karriereleiter klingt, entpuppt sich als Beginn eines alltäglichen Desasters: Isabelle verliebt sich in den Dealer Jim, Jakob ist von seinem schwulen Chef, dem jüdischen Anwalt Bentham, fasziniert. Glücklich ist keiner von beiden.

Nebenan, Wand an Wand zu Isabelle und Jakob, leben zwei Alkoholiker, die sich pausenlos streiten. Der Vater misshandelt seine Kinder Dave und Sara, das Mädchen wird wie ein Tier gefangen gehalten. Eine Zeitlang gelingt es Dave, sich um seine kleine Schwester zu kümmern und so etwas wie Hoffnung in ihr zu wecken. Aber irgendwann verschwindet er. Sara versteckt sich tagsüber hinter dem Sofa. Dass sie regelmäßig einnässt, wundert eigentlich nicht. Isabelle hört zuweilen den Lärm aus dem Nachbarhaus, bleibt aber unentschlossen. Als Sara dann eines Tages weinend und kotzend im Garten steht, ist es Polly, die Nachbarskatze, die Isabelles angestaute Ohnmacht abbekommt.

Ein beinahe typisches Buch über die Thirty-Somethings ist es geworden, und auch das Lamento über die Hoffnungslosigkeit der jungen Reichen, über deren Gefühlskälte und Unfähigkeit, mit dem Leben adäquat umzugehen, ist nicht unbedingt neu. Hackers Sprache, vielerorts bejubelt, ist adjektivisch verstärkt, auch da, wo man dies als Autor tunlichst vermeiden sollte. Sie evoziert neue Bilder, um die alten zu umgehen, und ist dabei banal künstlich und bisweilen bricht sie deutlich aus der subjektiven Perspektive der jeweiligen Charaktere aus. Wenn der WDR-Rezensent Martin Becker beim Lesen denkt: «Genau so muss Literatur heute geschrieben werden», deckt er eben damit den stilistischen Bruch auf: wir lesen Literatur, aber wir stecken nicht in der Handlung, eben weil sie dafür zu artifiziell ist.

Was bleibt, ist eine Geschichte, die mit dem 11. September eine geschickte Metapher für das Leben an sich gefunden hat. Wir sehen das Desaster, wissen, es hat eigentlich mit uns zu tun, sind aber emotional nicht in der Lage, dies zu handhaben. Und selbst Bushs grandiose Worte, nichts würde nach diesem Datum so sein wie zuvor, sind nichts als hirnloses Geplapper. Denn die Welt ist uns längst eine Nummer zu groß geworden. Wir haben auf Autopilot geschaltet und versuchen, irgendwie zu überleben. Aber unsere Fähigkeit, mit all dem Chaos sinnvoll umzugehen, haben wir längst verloren. Und so ahnen wir, dass der erste Satz des Romans, »Alles wird anders«, lediglich anzeigt, dass nichts sich ändern wird und kann.

Das Buch lässt mich ein wenig ratlos zurück. Hacker zeigt auf; sie zieht Bilder heran und bringt die aktuellen Themen, ohne eine Antwort zu haben. Die beiden Protagonisten Isabelle und Jakob stehen am Ende mit leeren Händen da. Allenfalls die Randfiguren, so der Jurist Bentham oder Andras, Isabelles Kollege in der Agentur, haben sich irgendwie so arrangiert, dass sie ihre kleinen Häppchen vom Glück abbekommen. Glücklich sind nur die anderen.

Zu diesem Buch sind bereits unzählige Rezensionen erschienen. Einen kurzen Überblick bietet der Perlentaucher. Vollständige Besprechungen finden Sie in der FAZ, FR, Hamburger Abendblatt, Süddeutsche Zeitung, taz, Zeit, Spiegel WDR (auch als Audio-File), ORF, Textem, Titel-Magazin, Am Erker, Ixlibris, Jungle-World, My Culture

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