Literatur über und aus Serbien
Ein paar Dinge auf dieser Welt sind weniger schwierig zu verstehen als andere. Man muss sie sich nur merken und kann dann mit seinem Wissen prahlen. Zum Beispiel, dass Peter Handke zu den Bösen gehört, weil er sich in seiner Trilogie über den Jugoslawien-Konflikt (Abschied des Träumers, Winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag) einfach auf die Seite der Bösen gestellt hat. Jedes Kind, oder zumindest jeder Zeitungsleser, weiß doch, dass die Bosnier die Guten sind, und einfach in die Region zu fahren, mit ein paar Leuten zu reden und dann zu behaupten, jedes Ding hätte zwei Seiten, nein, das geht nun einmal nicht. Ganz belesene Zeitgenossen fügen dann noch an, dass Handke ja auch zur Beerdigung des ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic gefahren sei, und das sei doch nun wirklich Zeichen genug.
Weil es ja so unglaublich viele Nachrichten gibt, die der gebildete Mensch verarbeiten muss, ist es in diesem Sommer einer leicht vergesslichen Jury passiert, dass sie dem Handke trotzdem den mit 50.000 Euro dotierten Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf verleihen wollten. Erinnern Sie sich? Erst war der Stadtrat von Düsseldorf sauer, dann Handke, und schließlich die ganze deutsche Intelligentia, die sich in den Feuilletons die Finger wund schrieb und doch irgendwie ganz glücklich war, das Sommerloch mit einem handfesten Literaturskandal füllen zu können. (Zum Nachlesen: Zeit, SZ, Spiegel, um nur die üblichen Verdächtigen zu nennen.) Naja. Handke sagte kurzerhand, er wolle den Preis ohnehin nicht haben, und überhaupt hätte er nie behauptet, Srebrenica sei schon in Ordnung, oder Milosevic per se ein toller Mann. Aber da hat er die Falschen angesprochen, denn um das nachzuprüfen, müsste man sein Werk gelesen haben oder mal wieder neu lesen. Und das ist dann doch ein bisschen viel verlangt.
Da haben es die Serben selbst ein wenig leichter. Doch, es gibt sie, die ins Deutsche übersetzte serbische Gegenwartsliteratur, die sich irgendwie auch mit dem Krieg auseinandersetzt. Besonders einfach ist es freilich für jene, die in ihren Romanen Kriegsverbrecher auftreten lassen.
So für Miljenko Jergovic in seinem Roman Buick
Rivera, den sogar die Elke Heidenreich positiv besprochen hat.
Herausgekommen ist ein wunderbarer leicht lesbarer, stellenweise sehr komischer
Roman, der den Krieg als Hintergrundmatrize benutzt, ohne moralisch zu werden:
«Vor dem Krieg hatte Vuko für das Busunternehmen Lasta-Beograd auf
der Linie Titovo Uzice–Sarajevo als Fahrer gearbeitet, fuhr anschließend
sechzehn Monate lang einen Panzer T-55, dann gehörte ihm als Kommandant
der Cajnice-Abteilung der serbischen Armee ein Jeep, den sie einem Basketballspieler
aus Niksic weggenommen hatten. Aber bei den ersten Gerüchten, dass ihn
die überlebenden Visegrader Muslime auf einer ihrer Listen führten,
um ihn in Gorazde und anschließend in Den Haag vor Gericht zu stellen,
setzte sich Vuko in einen weißen Polizei-Golf, der bei Bajina Basta die
Grenze zu Jugoslawien passierte, riss sich unmittelbar nach seiner Ankunft in
Belgrad die Uniform vom Leib und stand am nächsten Tag in der Schlange
vor der amerikanischen Botschaft.» (Zur Leseprobe)
Ausführliche Rezensionen in: Literatur-fast-pur,
ORF, ZDF
(auch als Video),
Falter,
Literatur.de,
Die
Presse, BR-Zündfunke
und dem Perlentaucher
Nicht ganz so euphorisch ist die Reaktion des Feuilletons auf Rujana
Jegers Darkroom.
Sie wartet mit keinen Kriegsverbrechern auf und vermeldet ohnehin eher, dass
die Bewohner von Zagreb vor dem Krieg eigentlich genauso bunt und verrückt waren wie in jeder anderen Stadt Europas. Ihren Roman bevölkern Esoteriker, Schwule,
Grufties, das ganze Klientel einer Generation X, das sich eigentlich nur lösen
will von seiner Heimat. Eine durchgehende Handlung gibt es nicht, dafür
manch schöne Metapher, wie die titelgebende: «Das Leben ist wie ein
Darkroom, sagt Kristijan. Du weißt nie, wer dich wie fickt und wen du
wie fickst. Aber es ist zu aufregend, als dass du einfach so rausgehen könntest.»
(Zur Leseprobe)
Rezensionen: Freitag,
Die Zeit,
Perlentaucher,
Textem, Deutschlandradio,
Literatur-fast-pur,
Titel-Magazin,
ORF, Lyrikwelt
Zoran Feric's Engel
im Abseits ist schon ein wenig älter, 2000 erschienen. Der Band enthält
neun Erzählungen, getragen vom Leitmotiv des Engels, der überall dort
auftaucht, wo er es für nötig hält, sebst dort, wo er nun wirklich
nichts auszurichten vermag. So an der Front, wo sich etwa zwei befeindete Soldatengruppen
im serbisch-kroatischen Krieg bei gekochtem Fisch verbrüdern. Dass sie
eben diesen Fisch mit Menschenfleisch geködert haben, scheint dabei fast
nebensächlich. Die Geschichten schwanken zwischen Komödie und Tragödie,
lesen sich leicht und trotzdem schwingt ein trister Blues im Ton, nicht depressiv,
aber von einer überaus lakonisch-sarkastischen Weltsicht.
Viele wiesen kurz auf das Buch hin oder reproduzierten den Klappentext, wirkliche
Rezensionen sind rar. Dank an den Perlentaucher
und Dorothea Dieckmann in Die
Zeit.
Labels: Literaturbetrieb


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