Ludwig Fels: Reise zum Mittelpunkt des Herzens
Jung und Jung, geb., 158 S., 17,80 €
Vom ersten Atemzug unseres unbedeutenden Erdendaseins ahnen wir, dass wir unaufhaltsam auf das große Nichts zugehen. Und auch wenn wir es immer wieder bewusst verdrängen, schlagen die Bomben links und rechts von uns ein und dezimieren unseren Bekannten- und Freundeskreis durch Krankheiten, Unfälle und gelegentlich höchst überflüssig wirkende Suizide. Für einen Moment stehen wir fassungslos da, umso irritierter, je jünger die Leute sind, die der Schnitter holt. Leicht übersehen wir dabei, dass dieses Sterben von Anfang an in uns angelegt ist. Wir kommen nicht darum herum. Die Frage lautet lediglich "wie", nicht "ob".
Literatur, die sich mit dem Tod auseinander setzt, umgibt eine Aura der Ernsthaftigkeit. Das ist gut so, gerade in unserer Konsumgesellschaft, die eher dazu neigt, dem Big Easy nachzulaufen. "Don't make me think" ist das große Credo, das uns wie eine Rangierlok von unserer eigenen Mitte wegschiebt. "Wir schulden Gott einen Tod", sagt William Shakespeare, und OK, akzeptieren wir endlich, dass er uns jeden Tag treffen kann.
Ludwig Fels nun hat einen neuen Roman veröffentlicht. Reise zum Mittelpunkt des Herzens heißt er, und auf ganz unaufdringliche Art verknüpft er die Themen Liebe und Tod, führt uns unsere eigene Vergänglichkeit vor Augen und schafft es dabei, uns eine Lebenshungrigkeit vor Augen zu führen, mit der wir uns sofort identifizieren können. Der Roman nimmt von Anfang an gefangen, und diese inhärente Spannung hat ihm die Nominierung für den Deutschen Buchpreis 2006 eingebracht.
Vielleicht liegt das auch daran, dass der Protagonist Tom, so wie wir uns das zumeist nur erträumen, von einer mehr oder weniger heilen Welt aufgenommen wird, als er aus dem Krankenhaus entlassen wird, wissend, dass seine Lebensperspektive aufgrund eines Gehirntumors nur noch sehr begrenzt ist. Seine Frau Linda und Freund Jack stehen ihm zur Seite, fangen ihn auf in einem Sicherheitsnetz der Liebe. Und letztlich verkörpert dies Szenario eine Ursehnsucht, genau das, was wir alle uns für unsere Stunden der Ohnmacht wünschen, auch wenn wir noch ein paar Jahre mehr vor uns zu haben glauben.
Ein Picknick soll es werden. Jack, der Fotograf, will noch einmal ein paar Bilder schießen, die letzten Stunden festhalten. Ein Ausflug zur Insel, auf der die drei einmal ihre schönsten Stunden miteinander verbracht haben. Einmal noch auf den staubigen Feldern des Hochplateaus tanzen. Und immer versuchen Frau und Freund, ihn in seiner Eifersucht, seiner Ruhelosigkeit zu tragen und zu stützen. Das klingt nach kolossalem Kitsch, und vielleicht ist dies das Bemerkenswerte an diesem Buch, dass Fels mit knappen Dialogen, poetischen Wendungen und teilweise bitter-zynischen Passagen uns diese harmonisierende Künstlichkeit des Plots vergessen lässt und uns hinein nimmt in das allmähliche Sterben des Protagonisten.
Das Ende ist in diesem Roman unausweichlich. Die letzte Szene schwankt zwischen surrealer Metapher und erhöhter Lebenswirklichkeit: einmal noch mit seinen Freunden am Tisch, einmal Mittelpunkt sein. Und dann aufhören zu atmen.
Rezensionen: Perlentaucher,
Lyrikwelt,
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