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Mittwoch, August 30, 2006

Martin Kluger: Die Gehilfin


Dumont, geb., 300 S., 19,90 €

Leseprobe     Hörprobe

Ein viel beachtetes Buch, das vielleicht ein wenig im Schatten von Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt steht, hat Martin Kluger geschrieben. Sein Roman Die Gehilfin hat sich des immer noch geliebte Themas "Frau in der Männergesellschaft" angenommen. Damit ist ihm eine breite Leserinnenschicht gewiss. Daneben ist die Gehilfin, ähnlich wie Kehlmanns Weltvermessung, ein historischer Wissenschaftsroman, der uns geistige Größen neu vermittelt wie den Entdecker des Tuberkuloseerregers und späterer Nobelpreisträger Robert Koch, den Gründer der modernen Pathologie Rudolf Virchow, den jüdische Serologen Paul Ehrlich und den Stabsarzt Emil Behring, der für seine Verdienste in der Serumtherapie, vor allem im Kampf gegen die Diphtherie, den ersten Medizinnobelpreis überhaupt gewann. Also sozusagen eine Mütze voll Bildung. Damit ist die Stoßrichtung eindeutig geklärt.

Zur Geschichte: Henrietta Mahlow heißt die Protagonistin dieses männergeschriebenen Frauenromans. Sie wird im 19. Jahrhundert im Nordosten Berlins, in der Charité, zur Welt gebracht. Die Mutter stirbt bei der Geburt. Ihr Vater, ehemals Tischler mit einem gut gehenden Geschäft, wird durch den Tod seiner Frau zum Säufer, der es gelegentlich zu Hilfsjobs als Krankenpfleger bringt. Er wird Henrietta später in eben jenes berühmteste Berliner Krankhaus einschmuggeln, um sie nicht allein zu Hause zu lassen. Dem Mädchen gefallen die Reagenzgläser und Präparate - und die Wissenschaftler, die sich in jenen Jahren hier tummeln. Jeder kennt sie, niemand hat etwas dagegen, wenn sie bei den diversen Versuchen zuschaut. Aber Henrietta wird es nicht beim Zuschauen belassen. Sie ist ein kluges Kind, nimmt schnell auf und ist wissensdurstig ohne Grenzen. So wird sie schnell von der kleinen Laufbotin über die Laborgehilfin zur Konkurrenz. Vorbei sind die Jahre der Unschuld. Als Mann verkleidet versucht sie, in Berlin offiziell Medizin zu studieren. Aber natürlich kommt das heraus. Der Skandal ist komplett. Mit diesem unfreiwilligen Outing jedoch ist Henriettas Kampfgeist erst richtig erwacht...

Der Plot dieser Geschichte ist nicht neu. Die Päpstin von Donna Woolfolk Cross fällt mir spontan ein. Oder der Film Yentl mit Barbara Streisand als wissbegierige Studentin in Männerkleidern. Neu ist das Setting, in dem Martin Kluger seine Gehilfin angesiedelt hat. Und dieses Setting macht den Reiz des Lesens dieser an sich bekannten und vorhersehbaren Geschichte aus. Wir lesen einen historischen Roman, und ein Hauch Medicus weht durch die ersten Seiten des Buches: ein erster Blick auf das wilde Treiben ins Berlin der Gründerzeit, hin zu den einfachen Leuten, die sich auf der Straße tummeln. Ein Blick in die Hinterhöfe der Arbeiter jener Zeit, zwei drei kleine Anekdoten über das Eheleben von Paul und Luise, und dann die Geburt von Henrietta, bei der die Mutter stirbt.

So nett Kluger fabuliert und erfindet, so wenig überzeugen mich viele Dialoge. Da finden sich Gespräche, die Charaktere zeichnen sollen, letztlich aber nur flach und klischeehaft sind, wie jener aus der Leseprobe, in der Henrietta sich mit ihrem Friseur Max unterhält und versucht, ihm zu vermitteln, was die Arbeit in der Charité so spannend macht. Natürlich versteht Max nichts davon und versucht ihr klar zu machen, dass die Zukunft im Frisieren von Hunden läge. Nun gut.

Trotz allem sind die Rezensionen dieses Romans fast durchgehend positiv bis euphorisch. Spannend erzählt, sauber geplottet, dabei weitgehend frei von Sozialromantismen, so die einhellige Meinung. Und tatsächlich schafft Kluger in erzählenden Passagen eindrucksvolle Bilder, die manchmal gar poetisch daherkommen: "Er drehte an einem Rädchen des Mikroskops, und nun sah Henriette nie gesehene Wesen, beschwanzte und unbeschwanzte, dreihändige und hunderthändige, vieläugige und einäugige Wesen und solche, die überhaupt nur aus einem Auge bestanden, sie wimmelten miteinander, durchdrangen einander, flüchteten voreinander, sie strampelten und bissen um sich, sie lebten, sie waren gemein und pflanzten sich ungemein schnell fort, sie waren häßlich, sie waren schön."

Der Schluss des Romans, soviel sei verraten, ist ein wenig pessimistisch. Am Ende erkennt Henrietta nämlich, "dass die Menschheit durch die Wissenschaft überhaupt nicht vorangekommen ist, sondern dass der Mensch, wie sie sagt, sich tarnt, und der Erreger, also die Dummheit oder die Unmenschlichkeit, sich ebenso tarnt und dass man sie nicht unter das Mikroskop legen und mit Medikamenten oder Erforschungen heilen kann." (Zitat Kluger)

Weitere Rezensionen lesen Sie bei: Perlentaucher, Berliner Morgenpost, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Neue Zürcher Zeitung, Rheinische Post (auch als Audio-File), taz, Welt, Hamburger Abendblatt, Die Zeit, Deutschlandfunk, Thieme


Marin Kluger liest am 23. September 2006 in der Uniklinik Frankfurt/Main und am 25. Oktober 2006 im Rahmen einer Verlagsvorstellung im Literaturbüro Düsseldorf.

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