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Dienstag, August 15, 2006

Martin Walser: Angstblüte


Rowohlt, geb., 528 Seiten, 22,90 €

Leseprobe Hörprobe

Sorry, ein wenig verspätet nachgereicht wird nun eine Besprechung von Martin Walsers Roman "Angstblüte". Sicherlich gehört Walser mit seinen 79 Jahren zur Altherrengarde der deutschen Literatur, aber übersehen kann und darf man sein im Juli bei Rowohlt erschienenes Buch nicht. Ums Altwerden geht es, um die Zeit vor dem Tod und jene Blüten eben, die manche Pflanzen kurz vor dem Ableben noch einmal treiben, um so ihrer Nachwelt die Chance zu geben, durch sie hindurch weiterzuleben. Ein letztes potentes Aufbäumen sozusagen. Und natürlich stellt sich hier die Frage, in wieweit der Autor mit diesen Angstblüten sich, bzw. sein jüngstes Werk meint.

Sein neuer Roman handelt von Wahn, Scheinheiligkeit, Freundschaft, Liebe: zwei Mal innerhalb kürzester Zeit wird der Anlageberater Karl über den Tisch gezogen. Unter der Vorspiegelung, sein bester Freund liege im Sterben, wird ihm ein Vertrag zum Verkauf der gemeinsamen Tennisschlägerfirma untergeschoben, den er normalerweise nie unterschrieben hätte. Und dann taucht eine junge Schauspielerin auf, die ihn dazu bringen will, sein Geld in ein Filmprojekt zu stecken. Um zwei Millionen geht es, und auch hier beißt Karl an, vögelt sich in einen Rausch, der ihn Frau und Kinder vergessen lässt, um irgendwann zu merken, dass er allein dasteht.

In einem Interview mit der Welt am Sonntag sagt Walser dazu: "Es geht ums Aufhörenmüssen. Das Leben möchte enden. Und dann zeigt diese Angstblüte, was zustande kommt, wenn ein Wesen, und sei es ein Baum, spürt, daß die Beschränkung des Lebens erlebbar wird. Davon handelt mein neuer Roman." Das Feuilleton reagiert gespalten: Rainer Moritz von der Stuttgarter Zeitung nennt das Buch einen "maßlosen, ausschweifenden Roman, dessen Lektüre zum Wellenritt von Zustimmung und Befremdung wird" und findet darin "famos kluge Betrachtungen über die Moralität des Aktienmarktes, über die Strategien von Kahns Säulenheiligem Warren Buffett, beängstigend offene Geständnisse über die Einsamkeit im Alter, über das Gespinst von Lüge und Wahrheit oder über Freundschaften, die keine mehr sind, vielleicht nie welche waren." Gisela Mackensen (DPA) mäkelt, allem Identifikationspotential zum Trotz: "Die Grundfrage eines alten Menschen, ob das nun schon alles gewesen sein soll und was am Ende eines Lebens eigentlich bleibt, lässt auch Walser unbeantwortet. Wie schon in früheren Romanen flüchtet er sich in erotische Fantasien und derbes Sex-Vokabular."

Da mag amazon eine Leseproben der ersten wohl-gefeilten Seiten des Buches zur Verfügung stellen. Da mag die taz aus späteren Passagen zitieren: «"Bist du nichts als eine geile Fotze."- "Ich bin nichts als eine geile Fotze." - "Soll der Schwanz dir die Fotze vollspritzen." - "Der Schwanz soll mir die Fotze vollspritzen", und so weiter und so explizit.» An Walser scheiden sich nach wie vor die Geister, und so soll es im Literaturbetrieb ja auch sein. Wer will schon ein Buch lesen, das alle gleichermaßen mögen und zu dem es nichts zu diskutieren gäbe.

Mehr zu dem Buch sehen Sie in einem 30minütigen Interview mit Martin Walser (Video-Stream), das der Sender 3sat am 28.07.06 ausstrahlte.

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