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Name: Ennka
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Samstag, August 26, 2006

Paulus Hochgatterer: Die Süße des Lebens


Deuticke, geb., 293 S., 19,90 €

Hörprobe (Kap. 0)     Leseprobe (Kap. 3)

Ein wenig konfus vielleicht kommt Paulus Hochgatterers Die Süße des Lebens daher. Wir werden bedrängt mit einem Locke-Zitat als Motto, einem Zitat, das der Zeit der schwärzesten Pädagogik zu entspringen scheint. Wissend, dass Paulus Hochgatter selbst Kinderpsychologe ist, können wir dies nur deuten, indem wir dort hinein eine erste von vielen Anklagen interpretieren: Die Welt, die er beschreibt, ist schlecht hinter der glatten, gemütlichen Oberfläche. Und tatsächlich ist der Roman bevölkert mit vielen kleinen Verrückten: «Ein psychopathischer Familienvater schlägt seine Tochter krankenhausreif, ein dauerlaufender Benediktinerpater hört Stimmen und eine junge Mutter glaubt, ihr neugeborenes Kind sei der Teufel. Das Psychogramm dieser Kleinstadt ist alles andere als beruhigend», heißt es auf dem Klappentext.

Wie in jedem besseren Krimi derzeit beginnt das Buch mit einem Prolog, einem Kapitel Null. Dieser Prolog nun wieder beginnt mit einem Mädchen, das genüsslich einen Kakao trinkt. Beschrieben in Bildern, die zeigen sollen: «Achtung, dies ist ein Buch für Erwachsene. Ich kann lange Sätze schreiben und starke Bilder finden.» Und tatsächlich wiederholt er das Bild von den Fingern, deren Kuppen langsam über die Oberfläche des Getränks streichen, am Ende des Romans. Was eine eliptische Erzählstruktur ist, weiß er also.

Zum Glück lässt er dann aber das literarische Geplänkel und beginnt, ganz aus der Perspektive des Kindes, eine anrührende Geschichte zu erzählen, in der es ein wenig um Weihnachten geht, um Schnee, um ein beinahe schon rituelles «Mensch ärgere dich nicht»-Spiel. Und um den Tod des Großvaters, geschildert so diskret, dass niemand ihm einen Vorwurf daraus konstruieren kann.

Dann wechselt die Perspektive, und erst in Kapitel drei taucht die Polizei am Fundort der Leiche auf. Es ist wohl kein Zufall, dass der Verlag genau dieses Kapitel drei zur Leseprobe anbietet und damit darüber hinwegzutäuschen versucht, dass der Mordplot eben nur einer von vielen Strängen in diesem Buch ist, auch wenn am Ende doch die meisten zusammengefügt werden. Bis dahin führt uns Hochgatterer in Die Süße des Lebens durch einen Irrgarten kleinstädtischer Tristesse.

Das alles liest sich gut. Hochgatterer ist stilsicher und schreibt eine einfache, sehr präzise Sprache. Das Setting, das niederösterreichische Furth am See mitten im Winter, beschreibt er mitsamt knirschendem Schnee und krachenden Eis so eindrucksvoll, dass das Buch zur idealen Winterlektüre wird.

Um seine Message zu verstehen, muss man allerdings genau hinsehen: Eines Tages werden die Polizisten zu einem zerstörten Bienenstock gerufen, der nichts anderes ist als eine Metapher für den emsig vor sich hinwirtschaftenden, im Inneren aber völlig verstörten Ort Furth. Eine anwesende Polizistin fragt konstaniert, wer nur einen solch sinnlosen Akt der Zerstörung verüben könne. Und Kowak, der Ermittler auch im Mordfall, antwortet lakonisch: «Ein Mensch, der ein Problem mit der Süße des Lebens hat.»

Weitere Rezensionen finden Sie unter: Die Presse, RBB Kulturradio, WDR (auch als Audio-File), Der Standard, Falter




Eine Kurzbesprechung des Buches ist für heute, Samstag, den 26. August 2006 17:05 Uhr im SWR2 Forum Buch geplant. Ebenfalls Thema ist es im Literaturclub, den das SF1 am Dienstag, 5. September, 22:20 Uhr ausstrahlt (die Sendung wird auf 3sat: Sonntag, 17. September 2006, 13.30 Uhr wiederholt). Eine Radiolesung mit anschließender Diskussion hören Sie am 30.09.2006 um 20:05 Uhr im Deutschlandfunk.

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