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Mittwoch, August 02, 2006

Radsport - Die ARD und das Doping


Ich gebe es zu: meine Neigung, aufs falsche Pferd zu setzen, ist nahezu sprichwörtlich. Da hatte ich vor einem Jahr beschlossen, meinen Buchladen auf Radsport-Bücher zu spezialisieren, weil mich dieser Sport von jeher fasziniert hat. Ich entdeckte Radsport-Romane, Radsport-Krimis, einen eigenen Verlag, der sich auf Radsport-Titel spezialisierte, - und natürlich jede Menge Biografien. Holte verlagsneue und antiquarische Exemplare in meinen Bestand. Und was passiert? Der Radsport gerät in seine tiefste Krise seit Jahren. Das ZDF überlegt, selbst die Tour de France, das wichtigste Radrennen der Welt, nicht mehr zu übertragen. Einige reden bei den großen Rennen gar von "Pharma-Leistungsschau", wie es die FAZ am 01.08. in ihrem Artikel Fernsehthema Doping: Öffentlich-rechtlicher Gedächtnisschwund? getan hat.
Natürlich ist der FAZ-Artikel in altbekannter Weise voller nachdenkenswerter Fakten. So redet alle Welt über den Tour-de-France-Sieger 06, Floyd Landis, und seinen überhöhten Testosteron-Wert. Ich selbst habe nach der Tour zunächst alle zugänglichen Artikel zum Thema gelesen. Dass der Wert aber gleich elffach erhöht war, und somit ein bloßes "Verrechnen" beim regenerativen Testosteronpflaster mehr als unwahrscheinlich ist, erfuhr ich erst gestern.
Und dann natürlich der Sturz unseres eh. Nationalhelden Jan Ullrich. An den Ecstasy-Genuss bei einer Party habe ich nie so recht geglaubt. Wer weiß, dass Ecstasy die Nutzer vor allem bis zum Umfallen von der eigenen Erschöpfung ablenkt, wird kaum annehmen, dass Jan solche Drogen bei Feten zu sich nimmt, aber nicht im Wettkampf oder Training. Das machte einfach vorn und hinten keinen Sinn. Aber dass diese Ausrede aus der Zusammenarbeit mit Hagen Boßdorf an dem Buch "Ganz oder gar nicht" resultierte, war mir neu - erklärt aber einiges. Boßdorf ist Sportkoordinator der ARD, und die wollte vom Thema Doping lange Zeit nichts wissen: erst vor wenigen Wochen hat sie den Schwimmreporter Hajo Seppelt von seiner Spezialdisziplin abgezogen, weil der sich zum Dopingexperten mauserte. "Nun könne er sich ja um sein Lieblingsthema Doping kümmern", soll Boßdorf ihm lakonisch mit auf den Weg gegeben habe. Und dann "kam es auch noch zu einem Prozeß der ARD und ihres Sportkoordinators Hagen Boßdorf gegen den Dopingexperten Werner Franke. Dieser hatte die ARD der Mitschuld am Doping durch Verschweigen bezichtigt und kam damit vor Gericht durch. Eine nicht für die Öffentlichkeit gedachte Email von Seppelt diente als Beleg." (Zitat aus der FAZ)
Natürlich sind die öffentlichen Medien Illusionsträger. Und das Konzept von Brot und Spielen funktioniert nur so lange, wie wir, die Zuschauer, daran glauben, dass im Sport ehrliche Gegner ihre eigenen Kräfte miteinander messen, statt als chemiegeklonte Laborratten für die Pharmaindustrie zu agieren. Wen wundert es da, dass die Öffentlich-Rechtlichen kein Interesse daran haben, ihre eigenen Inszenierungen kritisch zu hinterfragen.
Aber ist damit der ganze Radsport tot? Sicherlich: was derzeit bei den Rennen zu sehen ist, wirkt teilweise absurd. Wenn bei den Deutschen Straßen-Radmeisterschaften der Viertliga-Fahrer vom VC Frankfurt 1883, Dirk Müller, locker an allen Profis vorbeiradelt, bleibt den Kommentatoren kaum etwas anderes, als von "sonderbar" zu reden. Und wenn Floyd Landis nach einem absoluten Kräfteeinbruch bei der Tour de France am nächsten Tag mal eben 7 Minuten auf das Feld herausholt, drängt sich eine Assoziation zum derzeitigen Radsport-Thema Nr. 1 förmlich auf. Man mag davon reden, dass die Tour dieses Jahr spannender war als in den letzten Jahren - aber eigentlich fiel vieles von dem, was wir dort sahen, in die Kategorie Absurdität.
Trotzdem werde ich weiter meine Runden auf dem Rad drehen, mich von Autofahrern beschimpfen lassen, und abends müde, aber irgendwie glücklich, ins Bett fallen. Ich werde weiter Radsport gucken, und sei es wegen seiner Mischung aus Taktik und Landschaft. Ich werde weiter Radsportbücher lesen und sammeln, weil Doping zwar die Leistung erhöht, die Vita hinter den Radfahrern aber nach wie vor authentisch ist - wenn eben auch nicht lückenlos berichtet. Aber welche Biografie wendet sich schon gern den dunklen Seiten zu? Im Profisport ist Leistungsoptimierung oberstes Ziel. Und solange Sieger prämiert werden, wird es Leute geben, die versuchen, sich diese Siege zu ertricksen.

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