Shakespeare and more:
Neuerscheinungen und Rezensionen

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Dienstag, August 01, 2006

Rundumschlag August 2006


Früher habe ich mich oft dabei ertappt, dass mein erster Blick in fremden Wohnungen auf die Bücherregale fiel. Auf keine andere Art konnte ich so schnell so viel über einen Mitmenschen erfahren, als durch das, was er liest. Später dann übertrug ich dies Verfahren auf die Buchhandlungen jener Städte, die ich bereiste. Denn hier zeigte sich, was die Einwohner lasen. Eine Buchhandlung in Göttingen war völlig anders bestückt als eine in Lübeck. Im Bestand spiegelt sich jedoch nicht nur die Vorlieben der Kunden, sondern auch die der Buchhändler. So gibt es bei mir um die Ecke heute noch den kleinen, ehemals linken, jetzt eher esoterischen Höker mit seinen 25 km2 Ladenfläche, und in der selben Straße, allerdings fünfhundert Meter weiter, einen altehrwürdigen Laden für den gehobenen belletristischen Bedarf, deren Verkäuferinnen mich jedesmal kritisch beäugten, wenn ich es wagte, ein Goldmann-Taschenbuch oder gar - in Ausnahmen - mal einen Bastei-Lübbe-Titel zu ordern. Leider geht der Charme dieser kleinen Buchläden durch die Konzentration auf die großen Buchhäuser immer weiter verloren. Bei Hugendübel und Thalia finden sich die gleichen Bestseller-Titel, egal ob in Hamburg oder München, und von persönlichen Vorlieben werden die eingesetzten Standortmanager unter Garantie nicht ausgehen. Wahrscheinlich fänden sie einen solchen Ansatz sogar ziemlich anachronistisch.

Sei es drum. Als Idealist und Buchhändler aus Leidenschaft kann ich mir solche Anachronismen erlauben. Sicherlich unter Verzicht auf das große Geld, dafür mit dem Gefühl, mich wirklich mit den Büchern zu umgeben, die meiner Ansicht nach interessant und lesenswert sind. Zwei Titel aus der Masse der August-Neuerscheiungungen haben mich besonders angesprochen.

Da ist zum einen ein verheißungsvoller Titel aus dem Berliner Phaidon-Verlag: Es kommt nicht darauf an, wer du bist, sondern wer du sein willst - Das erfolgreichste Buch der Welt von Paul Arden. Kann man an so einem Titel vorbei gehen? Gerade für mich ein Muss, als einem der wahrscheinlich recht wenigen Antiquare, die den gesamten Sartre bei sich im Regal stehen haben [von der dt. Erstausgabe der Situationen (Rowohlt, 1965) bis hin zu den Reiseskizzen Königin Albemarle oder Der letzte Tourist (Rowohlt, 1994)]. Paul Arden hat nun also eine kleine Fibel für Existentialisten geschrieben, reich illustriert, mit großen Überschriften, kurzen prägnanten Texten. Dass er dabei vom "erfolgreichsten Buch der Welt" spricht, zeugt von seinem Selbstmarketing-Talent. Immerhin, als er es veröffentlichte, war es sein erfolgreichstes Buch - nämlich sein einziges. Inhaltlich richtet sich das Werk vor allem an Leute in der Werbung. Es geht um Kreativität, Pitching, Umgang mit Kunden. Natürlich auch auf den Privatbereich übertragbar - aber eben nicht dafür gemacht. Seine Sprache ist leicht lesbar und eingängig, der Lesestoff reicht für einen vergnüglichen Nachmittag auf dem Balkon. Für alle, die sich noch nicht entschieden haben, ob für sie das Sein das Bewusstsein prägt oder andersrum , empfehle ich jedoch eher Sartres Drei Essays. :-)

Der andere Band, der umgehend meine Neugier weckte, war Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft von Lucius Burckhardt. Ein Hinweis in der Literarischen Welt vom 22. Juli 2006 machte mich darauf aufmerksam. Dort heißt es in einer Rezension des Buches: Alter, Sprache, Verkehrsmittel - all diese Momente haben einen großen Einfluß auf das, was wir sehen. Ein Kind streut auf seinen Spaziergängen von einem Erlebnisgegenstand zum andern, ohne die Umgebung als ganzes in den Blick zu bekommen, ältere Erwachsene bleiben immer wieder hier und da stehen, um das Wiedererkennen bestimmter Sehmotive zu testen und minimale Varianten zu deuten. Burckhardt versteht den Spaziergang als "eine Sequenz, eine Perlenkette", die minimale Eindrücke aneinanderreiht und zu einer Komposition verbindet. Ich hatte natürlich schon von Burckhardt gehört, wenn ich mir auch nie seinen Namen gemerkt habe. Er ist der Typ, der Bilderrahmen im Wilhelmshöher Landschaftsgarten in Kassel aufhängte, um so den Blick der Spaziergänger zu kanalisieren. Und der seine Studenten dazu anstiftete, Windschutzscheiben vor sich hertragend durch die Kasseler Innenstadt zu laufen, um so den eigenen Blickwinkel zu verändern. Die Wissenschaft vom Spazierengehen nennt er kurz Strollologie, und viele der in diesem Band zusammengefassten Texte wirken ein klein wenig versponnen. Keine Spur von Romantizismus, wie man ihn beim Titel vielleicht erwarten könnte. Ein Leckerbissen eher für jene, die sich einer Landschaft vom Kopf her nähern.