Thomas Hettche: Woraus wir gemacht sind
Kiepenheuer & Witsch, geb., 336 S., 19,90 €
Bereits seit Urzeiten sitzen Philosophen und Dichter über der Frage, woraus wir gemacht sind. Es ist eins der großen Themen, deren Thomas Hettche sich annimmt, wenn auch seine Antwort keineswegs neu und originell ist. Vielleicht ist es der Schock des 11. Septembers, der ihn an Gryphius Gedicht "Alles ist eitel" erinnerte: «Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein», heißt es dort. Und etwas später: «Ach! Was ist alles dies, was wir für köstlich achten, als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind.» Genau dieses Gefühl zieht sich beim Lesen zusehends durch den Roman: Ein Hauch sind wir, nichts als ein Hauch.
Ein wenig erinnert mich der Protagonist Niklas Kalf und der Erzählstil in Thomas Hettches Woraus wir gemacht sind an Katharina Hackers Die Habenichtse (s. Rezension vom 25.08.06). Kalf ist in den 40ern, irgendwie erfolgreich in dem, was er treibt, verheiratet und werdender Vater. Und er steht dem, was mit ihm passiert, grenzenlos ohnmächtig gegenüber. Die Wirklichkeit lähmt ihn, und statt in angemessener Weise darauf zu reagieren, treibt er dahin, ein halbes Jahr lang, träumt von Amerika als dem Land der Freiheit und vergisst über dem ganzen Räsonnieren seine Frau, die in der Gewalt von Entführern sitzt.
Thomas Hettche beschreibt all dies mit Bildern, die das Feuilleton originell finden mag, die aber kilometerweit an der Erfahrungswelt der Protagonisten vorbeischrammen, die genau diese Metaphern denken sollen. Wer um alles in der Welt empfindet beim Anblick einer entzündeten Kerze: «Lichtschein der Kerzen (...), der das weiße Rund des Tischtuchs umzirkelte und sich für einen kurzen Moment in den Pupillen der vier spiegelte, mit einem seltsam technoiden Flimmern, das aufbrach und wieder verschwand wie zitterndes Diodenlicht»? Das mag originell sein, ansonsten ist es nichts als artifiziell, geschrieben, um als Geschriebenes bewundert zu werden, aber jede Perspektive sprengend.
Auch bei Hettche beginnt das Buch am 11. September, bzw. mit jener bedeutungsschwangeren Luftblase, die George W. Busch anlässlich des Attentats über den Äther schickt. Aber an diesem Punkt enden die Gemeinsamkeiten mit Hacker auch schon.
Thomas Hettche hat sich mit Woraus wir gemacht sind an einem Thriller-Plot versucht: Kaum in Amerika angekommen, wo er, der Biograf, für ein neues Buch über den jüdischen Physiker Eugen Meerkaz recherchieren will, wird seine schwangere Frau Liz entführt. Die Täter wollen im Gegenzug für die Freilassung wichtige Papiere haben. Pläne für ein geheimes Raketenprojekt, um genau zu sein. Jene Pläne, die Meerkaz angeblich vor seinem Tode angefertigt hat - und die Kalf natürlich nicht besitzt. Auf der Suche nach Antworten reist Kalf durch das ganze Land, bis es schließlich - ein halbes Jahr später - zu einem filmreifen Showdown kommt.
Ein wenig Hitchcock schwingt da mit, ohne Frage. Und doch ist dieser Plot nichts anderes als das Drahtgerüst einer Story, in der es um die Faszination Amerika mit ihren Mythen und Filmlegenden geht. Denn Niklas Kalf ist keiner jener Helden, die sich mutig in ihre Aufgaben stürzen. Über weite Strecken scheint er seine Frau und das in ihr heranwachsende neue Leben fast vollständig zu vergessen und sich in langen Elegien über die Weite und die Unberührtheit der Natur zu ergehen. Das mag für einen Roadtrip funktionieren, wirkt aber angesichts der Bedrohung seiner Frau ein wenig hergeholt.
Anders lautenden Gerüchten beginnt das Buch nicht wie ein Thriller, denn das erste Kapitel führt gähnend in die schicke Welt der New Yorker Upperclass mit ihren Konventionen und Eitelkeiten ein, ohne das Grundthema des Buches oder gar das Sujet auch nur ahnen zu lassen. Und nein, zum Road Movie wird der Roman auch nicht, mit einiger Sicherheit nicht. Wer um alles in der Welt darf jetzt eigentlich alles für die FAZ schreiben?
Je näher der Protagonist L.A. kommt, desto mehr häufen sich die Filmzitate. Da taucht ganz surreal plötzlich der Teufel selbst in Gestalt diverser Schauspieler von Al Pacino über Christopher Walken bis Marlon Brando auf und führt philosophische Gespräche mit Kalf. Nun gut. Und zugegeben, der Showdown liest sich dann tatsächlich, als wenn er einem echten Thriller entstamme.
Ob wir auf diese Art erfahren, woraus wir gemacht sind, bleibt hingegen fraglich. Was will uns Hettche mit diesem Plot sagen? Ist Amerika mit seinen Filmlegenden wirklich unser Ursprung? Sind wir so verblendet von den dort entstandenen Stilen und Stoffen, dass wir unsere Entstehung direkt von dort ableiten müssen? Oder sind wir «nichts als ein Hauch» - so das letzte Resümee, das Kalf, längst vollständig amerikanisiert, am Ende des Romans zieht?
Weitere Rezensionen finden Sie bei: FAZ, Merkur, Süddeutsche Zeitung, amazon, NDR, Perlentaucher, Poetenfest Erlangen
Hettche ist noch bis Mitte Dezember auf Lesereise.
Labels: Buchrezensionen


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