Thomas Hürlimann: Vierzig Rosen
Ammann, geb., 350 S., 19,90 €
Maria Katz hat Geburtstag. Wie jeden Morgen steht sie früh auf, ärgert sich über ihre Haushälterin und versucht, mit ihrem Sohn am Frühstückstisch ein Gespräch zu beginnen. Keiner scheint sich für das Besondere am Datum zu interessieren. Lediglich ihr Mann, der im fernen Basel Politik macht, schickt wie jedes Jahr 40 Rosen, die darüber hinwegtäuschen sollen, dass Maria schon lange keine 40 mehr ist. Damit versucht er nicht weniger als sie, sich gegen das Älterwerden zu wehren. Und irgendwie findet Maria diese Geste lieb.
Später wird sie sich aufmachen und mit dem Auto quer durch die Schweiz zu ihrem Mann fahren. Und während der Fahrt wird sie ihre eigene Lebensgeschichte Revue passieren lassen. Sozusagen als Ablenkung. Und bis zu einem gewissen Grad wird sie dabei sich selbst Rechenschaft ablegen über ihr Leben, ihre eigenartig symbiotische Beziehung zu einem Mann, der sie braucht und benutzt und über das, was wirklich zählt. Denn ihr Sohn hat Krebs und nicht mehr lange zu leben.
Thomas Hürlimann ist eher Erzähler denn Romancier. In Vierzig Rosen erzählt er von seiner Mutter und ihrem Verhältnis zu seinem Vater, den Politiker. Und von seinem Bruder, der in jungen Jahren an Krebs gestorben ist. Er fiktionalisiert hemmungslos, denn er schreibt einen Roman, keine Biographie. Wie schon in den vorangegangenen Werken Der große Kater und Fräulein Stark treibt seine Protagonisten kein konkretes dramatisches Ziel. Sie leben, agieren und reagieren und in den besten Momenten kann man in diesem Leben ein Stück der eigenen Erfahrung wiederfinden.
Maria Katz wurde am Konservatorium zu einer fähigen Pianistin ausgebildet. Sie stellt jedoch ihre Fähigkeiten ganz in den Dienst ihres mittelmäßig begabten Mannes aus einfachen Verhältnissen, der sich in den Kopf gesetzt hat, ein großer Politiker zu werden. Sie ist es, die ihm dies ermöglicht. Daran lässt Hürlimann keinen Zweifel. Das ist seine Art, mit dem übermächtigen Vater umzugehen.
Die Nebenfiguren des Romans bleiben - und das ist verwunderlich angesichts der Hürlimannschen Versuchsanordnung - eigenartig blutleer und eindimensional, je weiter sie sich aus dem Zentrum des Geschehens entfernen. Dies sollte bei einem Buch, das sich so stark wie Vierzig Rosen auf die Charaktere stützt, nicht passieren. So ist der Leser ganz darauf geworfen, sich von Hürlimanns leicht lesbaren Stil einnehmen zu lassen und in Gedanken an der wunderbar mehrdimensionalen Mutterfigur Maria Anteil zu nehmen. Ob damit der Deutsche Buchpreis zu gewinnen ist, bleibt hingegen fraglich.
Weitere Rezensionen finden Sie in der: Basler
Zeitung, Neuen
Zürcher Zeitung, RRB
Radio eins (Audio-File),
Tagesspiegel,
Weltwoche,
St.
Galler Tagblatt, Blick,
Ein älteres Interview Hürlimanns mit Radio
Prag, das allerdings zum Verständnis der Figur des Sohnes Max im Roman
Vierzig
Rosen nicht unerheblich ist, können Sie als Audio-Stream
hören.
Am 2. September 2006 um 20:00 Uhr wiederholt DSR2
eine Lesung und ein Gespräch mit Heini Vogler zum Roman.
Am 17. 09. 2006, 13.30 Uhr, ist Thomas Hürlimann
zu Gast im Literaturclub
auf 3sat.
Die Buchpremiere
findet am Do, 28.09.2006, 20:00 Uhr in der Berliner "Akademie der Künste"
statt.
Mi 18. Oktober, 20:00 Uhr findet ein Auftritt in der Kellerbühne
St. Gallen statt.
Labels: Buchrezensionen


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