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Freitag, August 25, 2006

Wolf Haas: Das Wetter vor 15 Jahren


Hoffmann und Campe, geb., 224 S., 18,95 €

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Nachdem Wolfgang Haas vor allem durch unorthodoxe Krimis von sich reden gemacht hat, erzählt er in seinem neuen Buch Das Wetter vor 15 Jahren eine Liebesgeschichte. Und weil chronologischem Erzählen mittlerweile etwas Anachronistisches anhaftet, vor dem sich jeder moderne Erzähler hütet, beginnt die Geschichte mit einem Kuss, jenem ersten Kuss nach 15 Jahren, auf den der Protagonist Vittorio Kowalski wartet, seitdem ihn das Jahrhundert-Unwetter von seiner damaligen Flamme Anni getrennt hatte. Die ausgewählten Feuilleton-Kritiker, die Haas' Meinung nach ohnehin alle voneinander abschreiben, bezeichnen diesen Kuss als technokratisch und führen das darauf zurück, dass Kowalski mittlerweile als Ingenieur sein Dasein fristet. Dabei wollte Haas nur jenen Punkt verorten, an dem der Kuss nachwirkt, noch lange nachdem Anni wieder verschwunden ist. Eins steht damit aber fest: Anni und Vittorio sehen sich wieder. Und: das Buch beschreibt eine Liebesgeschichte.

Aber so einfach ist das alles nicht. Jener Kuss, über den breit debattiert und der angeblich von den Feuilletons immer wieder lobend herausgestellt wird, ist bestenfalls Thema eines fiktiven, aber nicht dieses Buches. Haas' Das Wetter vor 15 Jahren beschreibt nicht nur die Liebesgeschichte, sondern in erster Linie die Rezension eben jenes Buches, in dem die Liebesgeschichte erzählt wird, ist somit Meta-Roman, in dem es um einen Roman geht, der von einem gewissen Wolf Haas über einen Mann geschrieben wurde, der Vittorio heißt, und der die Wetterdaten seines österreichischen Feriendomizils wie kein anderer kennt. Und eben dieses Buch wird in dem Interview einer "bedeutenden Literaturbeilage" ellenlang erläutert. Das liest sich zunächst irritierend. Aber Dialoge haben gemeinhin ein schnelles Tempo, und somit eine große Sogwirkung. Hat man sich einmal an den Stil gewöhnt, macht es richtig Spaß, so, als lese man ein ellenlanges Feuilleton-Interview über einen Roman, mit dem man dann ganz nebenbei vertraut wird. Wir kennen diese Technik aus unzähligen "Making of"-Filmen, die als Werbemaßnahme jeden aktuellen Spielfilm begleiten und die einen anheizen sollen, den kompletten Film zu sehen, obwohl man die besten Szenen ja nun schon kennt. Nur, dass es im Fall Haas keinen Roman gibt, den wir nach Lektüre von Das Wetter vor 15 Jahren kaufen könnten.

Insofern trifft der offizielle Text des Verlags nur die eine Ebene, die Erzählebene jenes Romans, der im Buch gelegentlich zitiert wird. In diesem Klappentext heißt es: «Seit fünfzehn Jahren studiert Vittorio Kowalski wie besessen das Wetter in einem fernen Alpendorf. Er kennt die Hoch-und Tiefwetterlagen eines jeden Datums auswendig, ist mit den täglichen Luftdruckschwankungen, Niederschlagsmengen und Sonnenscheindauern per Du. Eines Tages wird er mit diesem verrückten Spezialwissen sogar Wettkönig bei Wetten, dass...?. Niemand kann sich diese Leidenschaft erklären. Nur in dem achthundert Kilometer entfernten Urlaubsort seiner Kindheit sitzt eine junge Frau vor dem Fernseher, die den schüchternen Wettkandidaten nach fünfzehn Jahren wiedererkennt. Anni war die Tochter der Zimmervermieter, Vittorio der Sohn der deutschen Urlaubsgäste. Die beiden Kinder verbrachten jeden Sommer gemeinsam – bis sie in ein Jahrhundert-Unwetter gerieten, das sie für immer trennte.»

Dabei hat Wolfgang Haas in den letzten Jahren zunächst als mehr oder weniger traditioneller, wenn auch guter Krimiautor von sich reden gemacht. Seine Brenner-Romane um den Wiener Privatdetektiv Simon Brenner stehen in der Tradition des von Dashiell Hammett und Raymond Chandler begründeten hardboiled detective-Genres und wurden von den Feuilletons überschwänglich gelobt. Die erfolgreiche Serie wurde mit dem Deutschen Krimipreis, dem Burgdorfer Krimipreis und dem Literaturpreis der Stadt Wien ausgezeichnet. Die Romane wurden in mehreren Sprachen übersetzt und fürs Kino verfilmt. Sie befänden sich »auf einem Niveau, das Mount-Everest-mäßig über dem Krimi-Hügelland liegt«, sagte etwa die Frankfurter Rundschau. Und der Spiegel berichtet: »Dank Simon Brenner ist Haas einer der meistprämierten deutschsprachigen Krimi-Autoren, gefeiert von der Literaturkritik und von den Lesern kultisch verehrt.« Nach so viel Lob nun einen völlig neuen Weg einzuschlagen, ist zumindest mutig.

Weitere Rezensionen zu Das Wetter vor 15 Jahren finden Sie unter: Hamburger Abendblatt, Köllner Stadtanzeiger, Die Presse, Der Standard, Stutgarter Zeitung, Tagesspiegel, Welt, Stern, 3sat, ZDF (Video), Deutschlandradio Kultur (Audio-File 1 2), NDR Kultur, ORF

Wolfgang Haas ist seit geraumer Zeit zu einer ausführlichen Lesereise unterwegs. Sie endet am 18. Oktober in Bern. Bis dahin ist er unter anderem in Hamburg, Berlin und München zu sehen und zu hören.)

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