Bernd Schroeder: Hau
Leseprobe beim Hanser-Verlag Hörprobe
Zum hundertjährigen Jubiläum eines spektakulären Indizienprozesses hat uns der Hanser-Verlag einen Doku-Roman beschert, der zu den heißen Anwärtern für den Deutschen Buchpreis 2006 zählt. Bernd Schröder hat ihn geschrieben, Hau heißt er, und wenn ich das Interview mit Schröder, das das Literaturportal veröffentlichte, richtig interpretiere, dann gab es um diesen Titel ein heißes Ringen mit dem Verlag.
Eigentlich hatte Schröder das Projekt schon in den 70er Jahren angedacht. Damals wollte er noch einen Film daraus machen, zusammen mit Regisseur Peter Beauvais. Der starb aber, bevor die Projektplanung präsentiert werden konnte, und so, das Material war ja längst gesichtet, ist eben ein Buch daraus geworden.
Um einen Paradiesvogel geht es, einen Lebemann, der im Kaiserreich weit über seine Verhältnisse lebte und sich dies zum großen Teil von seiner Frau Lina finanzieren lassen. Die begriff von all dem wenig, und als der Prozess gegen Karl Hau die Fakten ans Licht brachte, tötete sie sich selbst. Denn Hau soll ihre Mutter, Josephine Molitor, kaltblütig ermordet haben. Eindeutige Beweise dafür gibt es keine, und auch Schröder, der jetzt einmal mehr die Spuren des Prozesses und des Lebens Haus nachzeichnet, lässt die Antwort auf die alles entscheidende Frage offen.
In drei Strängen erzählt Schröder die Geschichte von Karl Hau, munter verwebt und unchronologisch: einmal berichtet er vom Leben Haus und seiner Frau bis zur Tat, beginnend von der ersten Begegnung der Molina-Töchter Olga und Lina mit dieser schillernden Persönlichkeit 1901 auf Korsika. Hier verfällt Schröder oft in eine Art Gartenlauben-Literatur, leicht verschnörkelt, gefühlsüberfrachtet, kitschig. Daneben erzählt er in typischer Weise vom Prozess selbt, in Rede und Antwort, selten mit kurzen Zwischenbemerkungen, die oft die Perspektive sprengen. Gut und schnell zu lesen, wenn auch wegen der zahlreichen Wiederholungen - aufgrund der zahlreichen einsilbigen Antworten Haus - manchmal ein wenig nervig. Als dritter Strang gesellt sich der Gefängnisaufenthalt Haus dazu, den Schröder aufgrund der beiden Bücher (Das Todesurteil und Lebenslänglich), die Hau selbst geschrieben hat, ebenfalls gut recherieren konnte.
Der Roman gehört sicher nicht zur großen Literatur. Obwohl Schroeder schon ein paar Romane hinter sich hat, ist seine Schreibe deutlich Imitat. Er imitiert die Prozesssprache, den blumigen Gefühlsüberschwang der unzähligen Briefe, die Lina ihrem Mann geschrieben hat. Und letztlich Karl Hau selbst. Ob diese Grenze dadurch legitimiert wird, dass Schroeder sich die ganze Zeit über im Grenzbereich zwischen Fiktion und Dokumentation bewegt, mag dahin gestellt bleiben. Ihm hätte aufgrund der Fülle durchaus die Möglichkeit offen gestanden, eine Kollage aus dem ihm zugänglichen Material anzufertigen, statt dieses weiter zu fiktionalisieren.
Dies aber ist eindeutig die Stärke Schroeders: er weiß, wie er seine verschiedenen Erzählstränge zusammenknüpft. So liest sich sein Roman, sobald man sich an den Stil gewöhnt hat, spannend wie ein Krimi. Dass er dabei auf eine gradlinige Erzählstruktur verzichtet, kann man ihm als künstlerisches Plus anrechnen. Letztlich lebt der Roman durch seinen schillernden Protagonisten Karl Hau. Dessen Weg nachzuvollziehen und bis über das Ende des Romans hinaus über seine Schuld grübeln zu können, das ist das große Kunststück des Autoren.
Weitere Rezensionen finden Sie in: FAZ, 3sat (mit Video-Stream), DLF (auch als Audio-File), NDR, SWR, Perlentaucher
Über den Prozess gibt es einen 28seitigen Aufsatz von Reiner Haehling von Lanzenauer im Internet. Und über den Fall selbst ist 1998 bereits das gut lesbare, wenn auch stark fiktionalisierte Sherlock Holmes und der Fall Hau im Baskerville Verlag erschienen. Daneben hat ein Enkel Carl Haus eine englischsprachige Internetseite ins Leben gerufen, auf der er ausführlich über das Verfahren und seinen Opa berichtet. Dort finden sich weitere Links zu Zeitungsausschnitten und Berichten, sogar ein Diskussionsforum für alles, was mit Hau zusammen hängt, hat er ins Netz gestellt.
Labels: Buchrezensionen


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