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Montag, September 25, 2006

Christopher Moore: Die Bibel nach Biff


Goldmann, kart., 572 S., 10,90 €

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Wieder mal einen Schatz gehoben, der eigentlich seit Jahren schon keiner mehr ist. Bereits Dezember 2002 veröffentlichte Goldmann die deutsche Übersetzung des "Gospel according to Biff", etwas übertrieben als "Die Bibel nach Biff" bezeichnet. Mag sein, dass ich als häretischer Theologe eine besondere Affinität zu Christopher Moores trockenem Witz habe. Es heißt ja, dass Humor seine volle Kraft nur im Kontext des eigenen Wiedererkennens entfalten kann. In diesem Fall schrenke ich also meine Begeisterung ein wenig ein und sage: jeder, der sich beruflich oder aus glaubenserbaulichen Gründen mit dem Evangelium beschäftigt (hat), und der gern lacht, ist mit diesem Buch gut beraten.

Kennen Sie Kevin Smiths Film Dogma von 1999? Christopher Moores Roman Die Bibel nach Biff lebt von einer ganz ähnlichen Art Humor. Und je nachdem, ob sie Dogma als Blasphemie oder als augenzwinkernden Seitenhieb auf die gängige Religionspraxis sahen, werden Sie Biff lieben oder hassen.

Die Bibel nach Biff beginnt, als der Engel Raziel auf die Erde geschickt wird. Die Waffen könne er im Schrank lassen, sagt Auftraggeber Erzengel Stephan, diesmal sei es kein Rachejob. Vielmehr gehe es um ein neues Buch, ein Evangelium zum 2000jährigen Jubiläum der Geburt Jesu, geschrieben von Jesus' Jungendfreund und Begleiter Levi, genannt Biff. Einem jener Apostel, über die sich die Bibel bisher lieber ausschwieg - aus naheliegenden Gründen, denn Biff war, zumindest Raziels Meinung nach, ein Arschloch. Aber Jesus ist der Ansicht, dass es Zeit wäre, einmal die ganze Geschichte zu erzählen, und dafür ist keiner besser geeignet als eben Biff. Also reist Raziel nach Jerusalem und lässt Biff kurzerhand auferstehen.

Nun sitzen die beiden, Stephan und Biff, im Hyatt Regency, St. Louis, und Biff kritzelt die Briefbögen des Hotels mit dem neuen Evangelium voll, während der Engel sich im Fernsehen seichte Soaps ansieht und Schokoriegel futtert. Tatsächlich lässt Biff in seinem Buch nichts aus, von jenem Tag, als er Jesus zum ersten Mal gesehen hat, bis zu seinem eigenen Selbstmord, ein paar Minuten, nachdem er Judas Ischarioth umgebracht hat. Schon damit wird klar: so übergenau nimmt es Christopher Moore mit den historisch überlieferen Tatsachen nicht.

Sie fehlen nicht, die biblisch überlieferten Geschichten, vom Weinwunder in Kanaan, Krankenheilungen, Totenauferweckungen, Bergpredigt. Aber es gibt eben noch eine Menge mehr zu erzählen. Die Jahre Jesu in Tibet zum Beispiel, als er auf einem Holzpflock balancierend auf Erleuchtung hofft. Überhaupt seine ganze buddhistische Ausbildung. Die Begegnung mit einem Yeti. Sein erstes Wirken, als er in einem Tempel des Kahns eine Kinderopferung stoppte.

Theologisch ist Moore schwer zu verorten. Er macht keinerlei Versuche, die Wunder Jesu rational zu erklären. Sie passieren eben, und allenfalls lässt sich eine gewisse Zurückhaltung feststellen, mit der er sie beschreibt. Auch seine Lehre wird kaum uminterpretiert, wie man nach den Tibet-Episoden erwarten könnte. Bestenfalls wird sie ironisch gebrochen, etwa wenn Jesus und seine Jünger lange über die Bergpredigt und insbesondere die Seligpreisungen diskutieren, oder wenn immer wieder darauf hingewiesen wird, dass die Lehre vom Heiligen Geist einigen der Mitreisenden zu hoch ist. Aber Moore lässt keinen Zweifel daran, dass Jesus seine Gottessohnschaft durchaus ernst nimmt und seinen Weg als Retter zielstrebig geht, auch wenn alle um ihn her ihn davon abzuhalten versuchen.

Dem Roman ist abzuspüren, dass er gründlich recherchiert wurde. Christopher Moore hat sich nicht nur mit dem Neuen Testament auseinander gesetzt, sondern hat die Gegenden, in denen die Geschichte spielt, selbst bereist, hat sich Hintergrundwissen angeeignet, mit dem er seinen Roman anreichert. Dies macht die Lektüre auch jenseits des Spaßes lohnend. Orte, die in der Bibel nur namentlich genannt sind, werden im Roman vor Augen geführt, Alltagsbräuche erklärt und das jüdische Leben durchleuchtet. Wem es bisher nicht gelang, Pharisäer und Saduzäer auseinander zu halten, kommt hier genauso auf seine Kosten wie jene, die wissen wollen, mit was für einer Art von Geißel Jesus vor seiner Kreuzigung wohl misshandelt wurde.

Um zum Ausgangspunkt zurück zu kommen: Lachen ist gesund. Gerade dann, wenn es gelingt, über sich und sein eigenes Wertesystem zu lachen. Insofern sei Christopher Moores "Die Bibel nach Biff" allen wärmstens empfohlen. Für junge Leute, die sich gerade mit Konfirmandenunterricht rumschlagen, ist es ohnehin ein Gewinn. Und wenn es dazu anregt, mal bei den anderen vier Evangelisten nachzuschlagen, kann dies auch nichts schaden. Angst vor Häresie ist unbegründet. Zwar wird das Buch aus Sicht von Biff erzählt, der es selbst mit der Religion nicht ganz so genau nimmt, Jesus und sein Wirken wird dabei jedoch in keiner Weise diffamiert. Sieht man von Ereignissen ab, die im Buch lediglich als Faux-pax erscheinen: so, als Jesus den Geist eines Besessenen in eine Schweineherde fahren lässt und diese völlig verängstigt ins Meer stürzen. Da hat er verständlicherweise die Besitzer eben jener Schweine gegen sich. Die Jünger müssen flüchten. Jesu lakonischer Kommentar: "Mit jüdischen Schweinen hätte das geklappt."

Da das Buch schon ein paar Jahre alt ist, gibt es leider kaum noch Online-Rezensionen. Zu nennen sind: Infomaniax, Literaturtipp, Literaturschock und einige englischsprachige Rezensionssplitter auf der Homepage von Christopher Moore.

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