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Dienstag, September 19, 2006

Der Fall Karl Hau


Vor ziemlich genau hundert Jahren erregte ein deutscher Justizskandal weltweit Aufmerksamkeit. 1906 wurde in Baden-Baden die reiche Witwe Josephine Molitor auf offener Straße erschossen. Der Verdacht fiel auf ihren Schwiegersohn Karl Hau, der sich zur fraglichen Zeit in Baden-Baden aufhielt. Da es weder verwertbare Zeugenaussagen noch sonstige klare Beweise für die Tat gab, wurde Hau aufgrund eines reinen Indizienprozesses überführt und schließlich zum Tode verurteilt. Bis zum Schluss beteuerte er seine Unschuld.

Der Fall wurde seinerzeit in der Region heiß diskutiert, und am Tage seiner Verurteilung befand sich vor dem Gericht eine derart große Menschenmenge, dass das Militär einschreiten musste. Noch mehrere Jahre wurde sein Vater mit Interviewwünschen der internationalen Presse belagert. Schließlich wurde das Urteil abgemildert in lebenslänglich, und nach 19 Jahren Haft konnte Hau wegen guter Führung entlassen werden.

Im Jahr seiner Entlassung, 1925, veröffentlichte er zwei Bücher, beide bei Ullstein Berlin erschienen: Das Todesurteil, in dem er seine Geschichte von der Verhaftung bis zur Verurteilung erzählt, und Lebenslänglich, in dem er die Phase seines Gefängnisaufenthalts bis zur Entlassung beschreibt.

Carl Hau, wie er sich auf dem Buchtitel - auch wegen seines längeren Amerika-Aufenthalts nennt - ist sicherlich kein geborener Autor. Gerade der Anfang des ersten Bandes wimmelt von Allgemeinplätzen und Redensarten. Ähnlich wie im Prozess selbst rückt er erst ganz am Ende damit heraus, was er zur fraglichen Zeit in Baden-Baden gewollt hatte. Das macht die subtile Spannung dieser Roman-Biographie aus, auch wenn ich mir zeitweilig gewünscht habe, er würde nicht so ewig um diese zentrale Frage herumreden.

Manche Dinge am Roman überzeugen wenig. So hat Hau in London, unmittelbar vor seiner ungeplanten Abreise nach Baden-Baden, ein Telegramm bekommen, das im Prozess eine nicht unwesentliche Rolle spielte. Im Roman erzählt er nun, dieses Telegramm sei eigentlich für einen Earl Howe gewesen, den der Bahnhofsbeamte ausgerufen hat. Erst im Zug habe Hau bemerkt, dass er sich verhört habe und das Telegramm in Wirklichkeit gar nicht für ihn bestimmt war. Diese Version klingt so unglaubwürdig, dass unwillkürlich die Frage aufkommt, was Hau mit dem Buch eigentlich bezweckte.

Insofern ist der Titel als einzige Lektüre zum Fall kaum zu empfehlen. Das Buch ist ein Puzzlestein für jeden, der am Fall Hau Interesse gewonnen hat. So veröffentlichte Bernd Schroeder im August 2006 zum hundertsten Jahrestag des Verbrechens seinen Roman Hau, in dem er den Fall auf drei Ebenen aufrollt. Mehr dazu an anderer Stelle (Leseprobe - Hörprobe). Dies ist aber beiweitem nicht der erste Versuch einer literarischen Bearbeitung des Falles. 1956, also zum 50 Jahrestag, entstand der Roman Mordaffäre Molitor von Rolf Avena. Und Jakob Wassermann schrieb bereits 1928, wahrscheinlich angeregt durch die beiden Veröffentlichungen Carl Haus, mit Der Fall Maurizius einen Schlüsselroman zur Affäre, in dem er sich eng an die Figurenkonstellation des Originals hielt und den Stoff nur leicht verfremdete.

Der Fall Hau ist nach wie vor ungeklärt. Auch Bernd Schroeder, der die Chance hatte, den kompletten Briefwechsel zwischen Hau und seiner Frau Lina zu lesen, ließ die Frage nach der Schuld Haus in seinem Roman offen. Dass Hau in Das Todesurteil an seiner Unschuld keine Zweifel lässt, liegt in der Natur der Sache. Seine subjektive Schilderung der Ereignisse ist spannend zu lesen, wenn man den Fall aus einem der vorgenannten Bücher oder dem Internet kennt. Ohne diesen Kontext jedoch wirkt der Roman wie eine selbstgefällige Apologie - leicht belanglos.

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