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Mittwoch, September 13, 2006

Feridun Zaimoglu: Leyla


Kiepenheuer & Witsch, geb., 528 S., 22,90 €

Leseprobe     Hörprobe ( Hörprobe im Rahmen eines Interviews: 3sat-Video)

Feridun Zaimoglus Leyla gehört zu jenen Romanen, die so ziemlich alle Rezensenten zu Begeisterungsstürmen veranlassen. Das ist so verwundersam nicht, denn der Türke Zaimoglu richtet seinen Blick auf die archaische Welt seines einstigen Heimatlandes und zeigt die patriarchalen Strukturen, die wir schon immer hinter den hiesigen Einwanderern geahnt haben, in all seiner schillernden Buntheit. Sein Thema ist die Unterdrückung der Frauen in den ländlichen Regionen der Türkei, und auch dies haben wir ja irgendwie schon immer gewusst. Wenn wir uns nun also in den opulenten Bildern Zaimoglus suhlen können, bestätigen wir gleichzeitig unsere Vorurteile, und können betroffen Anteil nehmen. Was will Literatur mehr?

Zaimoglu beschreibt die Geschichte der kleinen Leyla, die in den fünfziger Jahren als jüngste von fünf Geschwistern irgendwo in Anatolien aufwächst. Wir erleben das kleine Mädchen, hören ihr zu, wie sie mit Freundinnen über sich und ihre Familie spricht, erleben Teufelsaustreibungen und Prophezeiungsträume, Brautwerbung und Entjungferung, Unfälle und Abtreibungen. Wir sehen, wie sie sich Stück für Stück aus dieser Enge befreit. Erst nach Instanbul zieht, und schließlich nach Deutschland ausreist, mit Mann und gerade geborenem Sohn. Immer erleben wir sie im Kampf gegen Konventionen, gegen ihren übermächtigen Vater und für eigene Freiräume. Dass diese dann nicht immer so frei sind, wie sie sich das vorstellt, ist das eigentliche Drama ihrer Geschichte.

Sein Text ist poetisch, vielleicht ein wenig zu gewaltig in seiner Bildsprache für das Mädchen, dem er seine Stimme leiht. Zaimoglu erzählt von Erfahrungen, die er norddeutschen Türkinnen abgelauscht hat. Wie kann ein Autor dabei die Grenze ziehen zwischen der künstlichen Folklore eines Museumsdorfes und dem Rückgriff auf eine Kultur, die es so vielleicht noch in wenigen entlegenen Winkeln geben mag, die aber insgesamt doch eine Gestrige ist? Ist nicht jedes Heraufbeschwören einer vergangenen Zeit ein Spiel mit der Neugier, mit dem folkloristischen Voyeurismus der Nachkommen?

Die Frage, die Zaimoglu zu diesem Roman trieb, ist durchaus eine legitime. Irgendwann, so berichtet er in einem Interview, habe er in Kiel in einem Café gesessen und die türkischen Frauen beobachtet, die vor dem Fenster ihren Weg gingen. Und er habe sich gefragt, welche Schicksale, welche Hoffnungen zu ihrem jetzigen Leben führten. Mit welchen Erwartungen sie sich auf den Weg gemacht haben ins fremde Deutschland? So hat er angefangen, sich mit verschiedenen Frauen, vor allem aber seiner eigenen Mutter über das Thema zu unterhalten. Und hat mit Leyla eine Bestandsaufnahme gemacht. Die ist ihm als solche gelungen.

Offen bleibt, ob dieses Bild, das er nachzeichnet, tatsächlich etwas ändern kann am aktuellen Konflikt zwischen Christen und Moslems, oder ob er nicht letztlich all jene Vorurteile bestätigt und Klischees bedient, die sich ohnehin in der Bevölkerung halten: welche Rolle spielt der despotische Vater Leylas, der die Familie grün und blau prügelt, sich in dunklen Geschäften ergeht und die älteste Tochter schwängert? Ein Roman muss sich daran messen lassen, ob er tiefer in eine fremde Welt einführt und diese verständlicher macht, oder ob er lediglich schaulüstern an der Oberfläche des Fremden kratzt. Dazu gehört auch, sich das Setting und die Charakteristik seiner Protagonisten gezielt auszuwählen und sie nicht als etwas Gegebenes anzusehen. Es ist eben nicht so, dass Bewerten und Moralisieren erst dann beginnt, wenn ein Autor eine auktoriale Stimme, eine kommentierende Metaebene einsetzt. Sein Statement beginnt bei der Wahl des Themas, bei der Auswahl jener Szenen, die er beschreibt und jener, die er nur andeutet. Seine Entscheidung, ausgerechnet das dörfliche Anatolien zum Ausgangspunkt seiner Zeitreise zu machen und dort hinein eine junge Rebellin zu setzen, spricht von einem gewissen Geschick im Umgang mit Lektoren und Leserschaft. Aber Marktgesetze sind nicht immer der ideale Nährboden für Verständigung.

Weitere Rezensionen finden Sie bei: FAZ, Märkische Allgemeine, Nürnberger Nachrichten/Stuttgarter Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Welt am Sonntag, Das Erste (Video), 3sat (Video), ZDF (Video) BR, HR, Echo, Glaube aktuell, Islamische Zeitung, Justmag

Über die ca. 160 Parallelen zwischen Feridun Zaimoglus Leyla und Emine Sevgi Özdamars vierzehn Jahre älteren Das Leben ist eine Karawanserei, die eine junge Gerministin aufgedeckt und damit den Literaturskandal des Frühjahrs 2006 heraufbeschworen hat, berichten Die Zeit, BR-Online, Netzeitung, Literaturkritik, Titel-Magazin

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