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Dienstag, September 12, 2006

Ilija Trojanow: Der Weltensammler


Hanser, geb., 480 S., 24,90 €

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Wenn es beim Deutschen Buchpreis 2006 einen Publikumspreis gäbe, ginge er mit einiger Sicherheit an Ilija Trojanows Der Weltensammler. Das zeigt das Tippspiel zum Buchpreis, das das Branchenfachblatt Buchmarkt ins Leben gerufen hat. Dort führt Trojanow mit derzeit über 21% der Stimmen vor dem Zweitplatzierten Peter Stamm mit seinem Aussteigerroman An einem Tag wie diesem, der gerade noch 11% der Stimmen auf sich verbuchen kann. Sicher, das Spiel ist nicht repräsentativ (und hat derart wenige Teilnehmer, dass es sich noch lohnt, um die Kiste Wein, die als Preis ausgelobt ist, mitzukämpfen). Trotzdem ist die Tendenz deutlich.

Ilija Trojanow knüpft mit seinem Der Weltensammler an die Abenteuerliteratur des 19. Jahrhunderts an. Er erzählt die Geschichte des britischen Spions, Offiziers der britischen Krone und Abenteurers Richard F. Burtons. Immer wieder treibt es ihn an, das Wesen fremder Kulturen zu verstehen. Statt wie andere Diplomaten ihre Tage mit dem Bridgespiel zu vertreiben, lernt er verbissen die Landessprachen, weil er erlebt, dass Sprache Macht ist. Ebenso beschäftigt er sich mit den Religionen der Einheimischen, um ihre Beweggründe besser zu verstehen. Und so dringt Burton, der mittlerweile 29 Sprachen beherrscht, um Schichten tiefer in diese fremden Welten als all jene, die sich auch in der Fremde vor allem zu Hause fühlen wollen und sich deshalb nur oberflächlich neugierig in unbekannte Kulturen begeben.

Der Leser reist mit in den drei Teilen dieses Romans, durch Britisch-Indien, Arabien und Ostafrika. Ganz postmodern wechseln Erzählform und Perspektive. Protokolle, Briefe Burtons, und immer wieder der leicht distanzierte Blick der Einheimischen auf Burton bestimmen den Roman. So wird aus dem britischen Spion einmal Saheb Burton (Indien), dann Sheik Abdullah (Arabien) oder der Wazungu (Afrika). Von seiner Haddsch beispielsweise erfahren die Behörden erst durch die Veröffentlichung seines Reiseberichts. Bis dahin hat kaum ein Westlicher sich je auf die Pilgerreise nach Mekka begeben. Nun beginnt die Zeugenbefragung. Aber keiner derjenigen, die Burton auf der Reise gesehen oder gar begleitet haben, wäre auf die Idee gekommen, dass es sich bei dem persischen Arzt, denn als solcher hat er sich ausgegeben, um einen Ungläubigen handelte.

Und natürlich fehlen auch die Liebesgeschichten nicht in diesem preisverdächtigen Werk. Burton verliebt sich in Indien in die Tempeldienerin Kundalini, teilt diese Liebe aber mit seinem Diener, ohne davon zu wissen. Später, nach dem Tod Kundalinis, werden sie die junge Frau gemeinsam zur Verbrennung tragen. Da ist die italienische Ehefrau Burtons, zunächst ebenfalls eine aufgeladene Beziehung. Sie wird später aus Angst vor Repressionen sämtliche Tagebücher Burtons verbrennen und nach dessem Tod versuchen, ihm die letzte Ölung zukommen zu lassen, um ihn so ins Christentum zurückzuholen. Diese Episode bildet den Rahmen des Romans, denn der herbeigeholte Priester setzt alles daran herauszufinden, ob Burton diese Ölung denn verdient habe - letztlich also, wer dieser Mann hinter seinen vielen Masken tatsächlich sei. Er scheitert an dieser Aufgabe, denn Burton wäre in der mythologischen Nomenklatur eines Campbell der klassische Trickser, der sich jeder Begebenheit optimal anzupassen versteht, ohne dabei sein wahres Naturell bloßzulegen.

Dass Trojanow die diversen Perspektiven authentisch vermitteln kann, liegt daran, dass er sich selbst in jene Regionen aufgemacht hat, die er beschreibt. Sieben Jahre lang hat er für diesen Roman recherchiert. Das spürt man seiner sinnlich dichten Erzählweise ab. Bei aller Fabulierkunst spricht hier jemand, der weiß, wovon er redet.

Das einzige, was gegen die Verleihung des Deutschen Buchpreises an Trojanows Der Weltensammler spricht, ist die Tatsache, dass er für das Buch bereits den Preis der Leipziger Buchmesse im Frühjahr 2006 abgeräumt hat. Wird sich Frankfurt dazu durchringen, das gleiche Buch auszuloben wie die Konkurrenzmesse? Bis auf die Shortlist, also die letzten 6 Bücher, die in die engere Wahl für den Preis kommen, hat es Trojanow geschafft. Es bleibt also spannend. Aber wie das Ergebnis aus aussehen mag: lesenswert ist der Roman auf jeden Fall.

Weitere Rezensionen finden Sie unter: Braunschweiger Zeitung, FAZ, Freitag, Hamburger Abendblatt, Die Presse, Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, taz, Die Welt, Die Zeit, Das Erste (Video), ZDF (Videos: Buchkritik, Interview), BR, Deutschlandradio (Audio-File), NDR, ORF (mit kurzem Audio-Zitat), WDR5, Falter, Glaube aktuell, Literaturkritik, Netzeitung, Poetenladen

Ein Interview mit dem Autoren finden Sie bei Qantara - Dialog mit der islamischen Welt.

 

 

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