Indizierte Titel der Bild Erotik-Bibliothek
Gegen vernünftige Neueditionen erotischer Belletristik ist nichts einzuwenden.
Neulich unterhielt ich mich auf einer Party mit einer jungen Frau über
erotische Literatur, und stellte fest, sie hatte noch nie von der Geschichte
der O
von Pauline Réage gehört. Wie soll sie auch, wenn
sie keine Kennerin der Szene ist. Denn verkauft werden darf das Buch nur in
speziellen Räumen, die für Jugendliche nicht zugänglich sind.
Und da die wenigsten Buchhandlungen, im Gegensatz zu Videotheken etwa, über
solche Räume verfügen, wird sie kaum zufällig über das Buch
stolpern. Immerhin ist das Werk durch die Bundesprüfstelle für
jugendgefährdende Schriften laut BAnz. Nr. 170 vom 14.09.1981 indiziert.
Ebensolches gilt für den bisher vor allem in Insiderkreisen bekannten
José Pierre, eigentlich bei Rowohl veröffentlicht, aber ebenfalls
nur an Personen über 18 Jahren abzugeben, weshalb seine Bücher in
Deutschland nicht offen beworben werden dürfen - also schon gar nicht frei
im Internet. Und im Laden herumliegen, wo jedes Kind darauf zugreifen kann,
geht schon gar nicht, heißt es zum Beispiel über den wunderschönen
Roman Thérèse
oder Wenn die Kastanienbäume blühen
im BAnz Nr. 241 vom 16.11.1982. Das mag mich als Buchhändler ärgern,
aber so ist es halt. Und Abmahnungen sind teuer.
Umso verwunderlicher, dass die Bildzeitung in ihrer dieses Jahr auf den Markt
geworfenen Bild Erotik-Bibliothek
all diese netten, aber leider indizierten Werke neu veröffentlicht, in
großen Werbekampagnen für sie Publicity macht - und die Bücher
tatsächlich in jeder größeren Buchhandlung vorrätig sind.
Als Stapelware, oft direkt neben den Abteilungen für Kinderbücher.
Habe ich da irgend etwas nicht mitbekommen? Ist die Liste der indizierten Titel
mittlerweile aufgehoben? Dürfen bei Shakespeare
and more jetzt auch jene indizierten Erotika verkauft werden, die bisher
nur auf Suchanfrage
weitergegeben werden konnten? Sollte mich ja freuen, aber so recht daran glauben
will ich noch nicht. (Falls jemand nähere Informationen hierzu hat, kann
er mich gern über das Kontaktformular
ansprechen. Ich werde die Infos dann hier weiterreichen.)
Nun könnte man ja mit ein wenig Blauäugigkeit den Vorstoß der Bildzeitung als Versuch werten, die Indizierung jugendgefährdender Titel auf diesem Wege auszuhöhlen und so den Weg freizumachen für einen etwas weniger repressiven Umgang mit erotischer Literatur in Deutschland. Es fällt mir schwer vorzustellen, dass sich die Herausgeber bei der Auswahl der Titel nichts gedacht haben. Weniger schwer vorstellen kann ich mir jedoch, dass die Bundesprüfstelle keine Lust auf einen Kampf mit den hochbezahlten Justiziaren des Axel-Springer-Verlags hatten. Denn in die Werbemaßnahmen für die Erotik-Bibliothek dürften ziemliche Summen geflossen sein, von den Kosten für die Buchrechte und den Druck einmal ganz abgesehen. Es war also nicht zu erwarten, dass die Bild-Zeitung das Projekt kampflos - und ohne populistische Medienbegleitung - aufgegeben hätte. Eher war zu erwarten, dass die Zeitung auf den großen Eklat hoffte, um damit den Verkauf der Bücher medienwirksam weiter zu steigern.
Nun verhielt sich die Bundesprüfstelle genau so, wie zu erwarten war.
Sie kuschte vor der Bildzeitung. Zu einer Anzeige kam es offensichtlich bis
jetzt nicht, denn die Bücher liegen noch immer in jeder größeren
Buchhandlung offen herum. Wie gesagt, ich würde das gern als Schritt in
Richtung Medienfreiheit werten und dies auch für meine eigene Buchhandlung
nutzen - allein, ich hege arge Zweifel. Hat die Bildzeitung mit ihrer Erotik-Bibliothek
so etwas wie einen Präzedenzfall geschaffen, um die Liste indizierter Bücher
aufzuhebeln? Dafür hätte es zum Prozess kommen müssen, aber den
wollte keiner. Schon gar nicht die Bundesprüfstelle, die Angst vor
einer ernsthaften Hinterfragung ihrer Liste hatte. Und wo kein Kläger ist,
kann Deutschlands größte Tageszeitung natürlich machen, was
sie will. Damit blieb zwar der gewünschte Eklat aus, für uns Einzelhändler bleibt auch alles beim Alten, aber immerhin: die
Bild Erotik-Bibliothek verkauft sich ja auch so recht gut. Was wollen Axel Springers Erben mehr...
Labels: Literaturbetrieb


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