Shakespeare and more:
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Freitag, September 22, 2006

Indizierte Titel der Bild Erotik-Bibliothek


Gegen vernünftige Neueditionen erotischer Belletristik ist nichts einzuwenden. Neulich unterhielt ich mich auf einer Party mit einer jungen Frau über erotische Literatur, und stellte fest, sie hatte noch nie von der Geschichte der O von Pauline Réage gehört. Wie soll sie auch, wenn sie keine Kennerin der Szene ist. Denn verkauft werden darf das Buch nur in speziellen Räumen, die für Jugendliche nicht zugänglich sind. Und da die wenigsten Buchhandlungen, im Gegensatz zu Videotheken etwa, über solche Räume verfügen, wird sie kaum zufällig über das Buch stolpern. Immerhin ist das Werk durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften laut BAnz. Nr. 170 vom 14.09.1981 indiziert.

Ebensolches gilt für den bisher vor allem in Insiderkreisen bekannten José Pierre, eigentlich bei Rowohl veröffentlicht, aber ebenfalls nur an Personen über 18 Jahren abzugeben, weshalb seine Bücher in Deutschland nicht offen beworben werden dürfen - also schon gar nicht frei im Internet. Und im Laden herumliegen, wo jedes Kind darauf zugreifen kann, geht schon gar nicht, heißt es zum Beispiel über den wunderschönen Roman Thérèse oder Wenn die Kastanienbäume blühen im BAnz Nr. 241 vom 16.11.1982. Das mag mich als Buchhändler ärgern, aber so ist es halt. Und Abmahnungen sind teuer.

Umso verwunderlicher, dass die Bildzeitung in ihrer dieses Jahr auf den Markt geworfenen Bild Erotik-Bibliothek all diese netten, aber leider indizierten Werke neu veröffentlicht, in großen Werbekampagnen für sie Publicity macht - und die Bücher tatsächlich in jeder größeren Buchhandlung vorrätig sind. Als Stapelware, oft direkt neben den Abteilungen für Kinderbücher. Habe ich da irgend etwas nicht mitbekommen? Ist die Liste der indizierten Titel mittlerweile aufgehoben? Dürfen bei Shakespeare and more jetzt auch jene indizierten Erotika verkauft werden, die bisher nur auf Suchanfrage weitergegeben werden konnten? Sollte mich ja freuen, aber so recht daran glauben will ich noch nicht. (Falls jemand nähere Informationen hierzu hat, kann er mich gern über das Kontaktformular ansprechen. Ich werde die Infos dann hier weiterreichen.)

Nun könnte man ja mit ein wenig Blauäugigkeit den Vorstoß der Bildzeitung als Versuch werten, die Indizierung jugendgefährdender Titel auf diesem Wege auszuhöhlen und so den Weg freizumachen für einen etwas weniger repressiven Umgang mit erotischer Literatur in Deutschland. Es fällt mir schwer vorzustellen, dass sich die Herausgeber bei der Auswahl der Titel nichts gedacht haben. Weniger schwer vorstellen kann ich mir jedoch, dass die Bundesprüfstelle keine Lust auf einen Kampf mit den hochbezahlten Justiziaren des Axel-Springer-Verlags hatten. Denn in die Werbemaßnahmen für die Erotik-Bibliothek dürften ziemliche Summen geflossen sein, von den Kosten für die Buchrechte und den Druck einmal ganz abgesehen. Es war also nicht zu erwarten, dass die Bild-Zeitung das Projekt kampflos - und ohne populistische Medienbegleitung - aufgegeben hätte. Eher war zu erwarten, dass die Zeitung auf den großen Eklat hoffte, um damit den Verkauf der Bücher medienwirksam weiter zu steigern.

Nun verhielt sich die Bundesprüfstelle genau so, wie zu erwarten war. Sie kuschte vor der Bildzeitung. Zu einer Anzeige kam es offensichtlich bis jetzt nicht, denn die Bücher liegen noch immer in jeder größeren Buchhandlung offen herum. Wie gesagt, ich würde das gern als Schritt in Richtung Medienfreiheit werten und dies auch für meine eigene Buchhandlung nutzen - allein, ich hege arge Zweifel. Hat die Bildzeitung mit ihrer Erotik-Bibliothek so etwas wie einen Präzedenzfall geschaffen, um die Liste indizierter Bücher aufzuhebeln? Dafür hätte es zum Prozess kommen müssen, aber den wollte keiner. Schon gar nicht die Bundesprüfstelle, die Angst vor einer ernsthaften Hinterfragung ihrer Liste hatte. Und wo kein Kläger ist, kann Deutschlands größte Tageszeitung natürlich machen, was sie will. Damit blieb zwar der gewünschte Eklat aus, für uns Einzelhändler bleibt auch alles beim Alten, aber immerhin: die Bild Erotik-Bibliothek verkauft sich ja auch so recht gut. Was wollen Axel Springers Erben mehr...

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