John Fowles: Der Sammler - und der Fall Kampusch
Langsam bahnte sich die Blog-Notiz ihren Weg an die Oberfläche des öffentlichen Bewusstsein, wurde von den Medien aufgegriffen und führte zu einem kurzfristigen Hype. So etwas passiert öfter. In diesem Fall löste ein Blog den Run auf einen vor über 40 Jahren veröffentlichten Roman aus: Am 26.08., einen Tag, nachdem Natascha Kampusch ihrem Geiselnehmer entwischte, wies der Hamburger Blogger Matthias Wagner als erster auf die Parallelen zwischen dem 1963 erschienene Psychothriller Der Sammler (Originaltitel: The Collector) von John Fowles und dem Fall Kampusch hin.
Nun braucht es generell ein paar Tage, bevor ein Blog-Post bei google gelistet wird. Am 28.08. hatten bereits einige Blogs die Meldung übernomen, und nach und nach reagierten die Printmedien. Die Folge: bei amazon rangierte das 40 Jahre alte Buch plötzlich unter den Hot 100. Bei den Internetantiquariaten war es fast vollständig vergriffen, die wenigen, die es noch hatten, trieben ihren Preis bis auf 45,- € hoch. Bei ebay-Auktionen stand das Buch mit mehreren Exemplaren bei 15,- €; angesichts der Tatsasche, dass das Buch in jeder normalen Buchhandlung für einen Neupreis von 8,95 € zu bestellen ist, wahrhaft erstaunlich.
Der Sammler erzählt die Geschichte des Schmetterlingssammlers Ferdinand Clegg, der sich in die Kunststudentin Miranda Grey verliebt. Als er ein beträchtliches Vermögen erbt, kauft er sich ein Haus. Er baut dessen Keller zu einem schalldichten Gefängnis um und richtet ihn wohnlich her. Anschließend zerrt er die junge Frau in seinen Lieferwagen und bringt sie in das Verlies. Die Beziehung der beiden ist ambivalent: er vergöttert sie, spielt sich gleichzeitig aber als ihr Gebieter auf. Und sie, die genau weiß, dass sie nur eine einzige Chance zur Flucht haben wird, versucht, sich sein Vertrauen zu erschleichen. Das Buch schildert im ersten Teil die Ereignisse aus der Sicht Cleggs: stringent und ohne Abschweifungen erzählt Fowles die Vorbereitungen für die Tat, den Überfall auf die junge Frau und ihre Zeit in der Kellerhaft. Im zweiten, etwa gleich langen Teil wechselt die Perspektive. In Form von Tagebucheinträgen schildert Fowles dieselben Vorgänge nun noch einmal aus Mirandas Sicht und versucht so, das harmonistische Bild, das Clegg von sich hat, aufzuhebeln. Teil 3 und 4, beide nur wenige Seiten lang, berichten abschließend aus der Sicht Cleggs die letzten gemeinsamen Tage.
Tatsächlich reichen die Parallelen zum Fall Kampusch wesentlich weiter, als Matthias Wagner in seinem Blog wissen konnte, zumal das Kampusch-Interview, in dem diese ausführlich über ihre Gefangenschaft berichtete, zu dem Zeitpunkt noch nicht vorlag. Wagner wusste vom Lieferwagen, mit dem Natascha Kampusch entführt wurde und vom Keller, in dem Priklopil sie gefangen hielt. Später kam heraus, dass Priklopil wie Clegg ein Regal vor der Tür zum Verlies der jungen Frauen postierten, um diesen Zugang für andere zu verbergen. Wie Miranda begann auch Natascha in ihrer Ohnmacht zunächst, mit Gegenständen gegen die Wände zu schlagen, um so auf sich aufmerksam zu machen. Priklopil enthielt ihr zunächst genau wie Clegg Zeitungen und andere Medien vor, um so ihre Einsamkeit und das Gefühl der Abgeschnittenheit weiter zu steigern. Später durften die jungen Frauen dann in der Wohnung des Täters baden. Beide Frauen schrieben Tagebuch. Und beide Entführer, Priklopil wie Clegg, drohten, sich umzubringen, sollten die Mädchen fliehen. Was Priklopil schließlich auch tat.
Die Frage, ob Priklopil den Roman gekannt hat, ist legitim. So suchte die Polizei nach Angaben der Süddeutschen Zeitung «im Haus des Entführers Wolfgang Priklopil nach dem Buch oder einem Video des danach gedrehten Films, wie ein Sprecher des österreichischen Bundeskriminalamtes sagte.» Der Zeitung Standard zufolge wurden allerdings weder das betreffende Buch noch der Film in Priklopils Haus gefunden. Dennoch planten die Ermittler, sich das Werk anzusehen. Fakt ist, dass nicht nur Priklopil selbst, sondern auch Natascha, die den Roman im Alter von 10 Jahren mit Sicherheit nicht gelesen hatte, sich sehr ähnlich dem Romanvorbild verhielt. Insofern lohnt es sich zu überlegen, ob die Geschichte, die Fowles erzählt, nicht nahezu zwangsläufig ist in ihren Details.
Wir landen damit bei der Frage, ob die Kunst das Leben oder das Leben die Kunst imitiert. Natürlich wäre es denkbar, dass sich kranke Gehirne eine Anregung beim Lesen von Krimis und Psychothrillern hohlen. Auch die Medienberichterstattung über die Parallelen in diesem Fall schlägt ja in dieselbe Kerbe, in die sie seit seit Jahren in Bezug auf Video-Spiele und Horrorvideos zielt. Krimifans wird dies nicht davon abhalten, aus aktuellem Anlass den alten Fowles-Band wieder hervorzukramen.
Mehr zum Thema finden Sie bei: Krone, Neue Zürcher Zeitung, RP, Der Standard, Süddeutsche, Stern, Die Welt, law-blog
Labels: Buchrezensionen


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