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Donnerstag, September 14, 2006

Matthias Zschokke: Maurice mit Huhn


Ammann, geb., 239 S., 18,90 €

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Die meisten von uns schlagen sich mit mehr oder minder existenziellen Fragen herum, die von "warum werde ich nicht geliebt" bis "warum werde ich älter" reichen. Bei mir war es in den letzten Monaten die Frage nach dem qualitativen Unterschied in der Weltwahrnehmung von Kindern und Erwachsenen. Aufmerksam geworden bin ich auf diesen Unterschied durch das Buch Warum ist Landschaft schön? von Lucius Burckhardt. Darin geht es um die Kunst des Spazierengehens, und an einer Stelle stellt Burckhardt fest: «Ein Kind streut auf seinen Spaziergängen von einem Erlebnisgegenstand zum andern, ohne die Umgebung als ganzes in den Blick zu bekommen, ältere Erwachsene bleiben immer wieder hier und da stehen, um das Wiedererkennen bestimmter Sehmotive zu testen und minimale Varianten zu deuten.»

Dieser Text hat mich lange Zeit fasziniert, und der aktuelle Roman von Matthias Zschokke, Maurice mit Huhn, schließt hier nahtlos an. «Wenn wir jederzeit offen genug wären, zu sehen, was uns umgibt, dann hätten wir ein Leben voller Überraschungen, den Traum eines Lebens, einen Roman, ein ewiges Abenteuer», heißt es an einer Stelle. Ist dies nicht genau jene Lebensqualität des Kindes, das sich noch auf seine Umwelt vollkommen einlässt? Das noch nicht alle Zusammenhänge des Lebens für sich geklärt hat, sondern Phänomenen mit jener Neugier des Neuen gegenübertritt, die eine Erweiterung des Horizonts überhaupt erst möglich macht? Kein Wunder also, dass Zschokke seinen Roman Maurice mit Huhn nennt, nach einem Bild des Schweizer Malers Albert Anker, auf dem der seinen eigenen Sohn gemalt hat, mit großen Kulleraugen, ein Huhn in der Hand. Das Leben kann so spannend sein, wenn wir uns nur darauf einlassen.

Der Protagonist seines neuen Romans, Maurice, hat viel Zeit. Sein Kommunikationskontor, in dem er den Berliner Ureinwohnern, «ausländischen und orthographisch benachteiligten Mitbürger», beim Verfassen von Behördenbriefen und ähnlichem helfen will, geht schlecht. Zumindest wirft es kaum Geld ab. Jeden Morgen und jeden Abend setzt er sich aufs Rad, um den Weg von seiner Wohnung zum Kontor und zurück für gemütliche Gedankenkaskaden zu nutzen. Immer wieder bleibt sein Blick an Dingen hängen, entfesselt Assoziationsketten, malt er die kurzen Szenen, die er erlebt, zu Miniaturen aus. Das ist die Kunst des Spazierenfahrens, und im besten Fall ist das die Kunst, wieder Zugang zur eigenen Erlebniswelt, zum Sein zu finden und damit der ewig zunehmenden Zeitverflachung ein Schnippchen zu schlagen.

Alles wird hier zum Abenteuer: die Spatzen beim Sandbad, ein Besuch beim Arzt, die erfolglosen Versuche seiner Nachbarn, sich ihren Lebensunterhalt mit Läden zu verdienen, die keiner haben will; der Wechsel der Jahreszeiten, die alte Frau, die den ganzen Tag auf der Fensterbank lehnt; und der bereits aus dem Erzählband Ein neuer Nachbar bekannte, nie zu Gesicht bekommene Cellospieler, der Maurices Fantasie beflügelt. All dies zusammen ergibt keinen wirklichen Plot, auch wenn sich Maurice irgendwann auf die Reise begiebt, Berlin verlässt und sein kindliches Staunen in den Schweizer Bergen fortsetzt, wo er auf die Bilder eben jenes titelgebenden Malers Albert Anker stößt. Eher noch ist es als Kunstgriff zu werten, der Figur des Maurice den erfolgreichen Freund Hamid entgegenzusetzen, dem Maurice regelmäßig Briefe schreibt. Der ist mit einer Kaviarfirma reich geworden, was aber auch nur dazu führte, dass er seine Frau verließ, seinen Sohn in ein Internat steckte - und am Ende des Romans an Krebs sterben wird. Nein, erfolgreich sein ist auch keine Lösung, scheint Zschokke zu sagen.

Ob ich diesen Roman auch lieben würde, hätte ich nicht selbst ein Jahr in solch einem "Kommunikationsbüro" wie dem von Maurice gearbeitet? Würde ich nicht selbst jeden Abend aufs Rad steigen, um so, mehr oder weniger lautlos, die allmählichen Veränderungen meiner Umgebung im Laufe der Jahreszeiten zu konstatieren? Die Frage ist müßig. Ich will keine Antwort darauf geben, nur feststellen, dass mich schon lange kein derart hartnäckiges Grinsen beim Lesen eines Textes verfolgt hat, kein so häufig aufbrodelndes "genau, das kenne ich" meinem Lesefluss Dynamik verlieh wie bei Maurice mit Huhn. Dass dies hemmungslos subjektiv ist, ist mir durchaus bewusst. Aber genau diese hemmungslose Subjektivität ist ja die Stärke des Romans.

Weitere Rezensionen finden Sie unter: FAZ, FR, Märkische Allgemeine, Neues Deutschland, Neue Zürcher Zeitung, Süddeutsche Zeitung, taz, Der Tagesspiegel, Die Wochenzeitung, Die Zeit, Deutschlandradio, Literatur-Kritik, Titel-Magazin, Volltext, Perlentaucher, Ammann


Matthias Zschokke ist noch bis Januar auf Lesereise, allerdings vor allem in kleinen, gemütlich klingenden, doch kaum zu lokalisierenden Orten wie Lenzburg, Oberwil und Nussbaumen. Wer sich zu den dortigen Anwohnern zählt, mag sich über einen gemütlichen Abend mit gemütlicher Literatur freuen.

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