Peter Stamm: An einem Tag wie diesem
Fischer, geb., 208 S., 17,90 €
Es gibt sie noch, die gute alte Aussteigerliteratur. Geschichten von Männern, die irgendwann in der Mitte ihres Lebens die Nase voll vom nervenden Job und dem Verrinnen der Zeit haben, und die völlig neu anfangen mit dem Carpe diem. Die schonungslos die Tristesse und das ennui des täglichen Lebens analysieren, aber nicht in der Hoffnungslosigkeit verharren, sondern einen Neuanfang wagen, und sei es, indem sie etwas absolut Verrücktes tun. Anfang der 80er war es Avery Corman, der Autor von Kramer gegen Kramer, der mit Ein Mann steigt aus die Aussteigergeneration literarisch festigte. In den 90ern schrieb Alexandre Jardin gleich mehrere Bestseller, die letztlich nur um das eine Thema kreisten. Und jetzt, ein wenig spät - aber für Lebensüberdruss ist es eigentlich nie zu spät - veröffentlicht Peter Stamm sein An einem Tag wie diesem, in dem sein Held radikal mit der Gegenwart bricht, um in eine bessere Zukunft zu reisen, die eigentlich nichts anderes ist als eine verpasste Chance der Vergangenheit:
Andreas ist Lehrer. Seit 18 Jahren lebt er in Paris, fährt jeden Morgen mit dem Zug in den Vorort, wo er an einem Gymnasium unterrichtet. Trotz all der Zeit, die er mittlerweile in Paris verbringt, fühlt er sich noch immer fremd in der Stadt, wie ein Tourist. Sein Leben ist eintönig, und einen Sinn kann er in dem langsamen Verrinnen der Stunden und Tage ohnehin nicht ausmachen. Sie gleichen sich, die Tage, und so ist der Kalender das einzig sichtbare Zeichen dafür, dass er seine Zeit vertut. Als sein Arzt auf der Lunge einen Fleck entdeckt, kündigt Andreas seinen Job und die Wohnung, verkauft seine Habe und holt sich einen Wagen. Und weil Andreas ein wenig in der Vergangenheit lebt, ist dieser Wagen natürlich ein 2 CV, eine Ente. Aus dem selben Grund fährt er damit in seine alte Heimat, dorthin, wo die einstige Freundin mittlerweile mit seinem besten Freund eine Familie gegründet hat. Denn irgendwie treibt ihn die Frage, was eigentlich gewesen wäre, hätte er ihr seine große Liebe gestanden, statt einfach nur ihr Freund zu sein.
Peter Stamms Sprache bedient sich souverän eines bildreichen Vokabulars. Sie handhabt sinnliche Eindrücke ebenso wie abstrakte Gedanken, auch wenn Stamm bereits zu Beginn des ersten Kapitels darauf hinweist, dass abstrakte Gedanken eigentlich nicht die Sache seines Protagonisten sind. Was ihn nicht daran hindert, schon wenig später ausführlich über die Leere in dessen Leben zu sinnieren. Dies alles liest sich leicht, die Bilder im Kopf entstehen quasi von selbst. Und mit den Bilder nimmt einen die Stimmung gefangen, in der der Protagonist sich befindet. Den ennui ebenso wie später jene latente Aufregung des Aufbruchs, mit der sich Andreas auf den Weg in ein neues Leben macht.
Wer von einem Roman nicht mehr erwartet als gute Unterhaltung, ist mit Peter Stamms An einem Tag wie diesem also bestens bedient. Und wer seinerzeit die existenzialistischen Romane eines Camus, Sartre oder Moravia beiseite gelegt hat, weil ihm die Lektüre zu anstrengend war, der mag hier eine erste Ahnung von dem bekommen, was diese Romane zu bieten hätten. Stamm streift die Themen an der Oberfläche. Er arbeitet mit ihnen, aber so, dass sie für das große Publikum taugen. Damit mag er sich beim Lektorat beliebt machen, und leichter verfilmbar wird es sicherlich auch. Ein wenig schade ist es doch, dass er sein Thema verschenkt.
Weitere Rezensionen finden Sie auch bei: FAZ, FR, Der Standard, Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Weltwoche (auch als Audio-File), Wiener Zeitung, Die Zeit, Schweizer Illustrierte, Deutsche Welle, Deutschlandradio, NDR, Poetenladen, Rezensionen.ch, Satt, Webcritics
Der Verlag stellt außerdem ein Gespräch zwischen dem Programmleiter Deutschsprachige Literatur Oliver Vogel mit Peter Stamm als Audio-File zur Verfügung. Ein weiteres Interview hat Literaturnetz geführt. Daneben lohnt es sich, einmal die Homepage des Autoren zu besuchen. Dort finden sich unter anderem die aktuellen Termine seiner Lesungen.
Labels: Buchrezensionen


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