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Mittwoch, September 20, 2006

Petra Hammesfahr: Belas Sünden


Rowohlt TB, 318 S., 9,90 €

Leseprobe bei Weltbild

Petra Hammesfahr gehört zu den Vielschreiberinnen der deutschen Literaturszene. Als sie 1991 mit ihrem ersten Roman Die Frau, die Männer mochte, der gerade bei Rowohlt neu herausgegeben wurde, auf den Markt trat, war das der Startschuss für drei weitere Romane noch im selben Jahr. Diesen Schnitt von drei bis vier Romanen hielt sie bis ca. 2000. Bis dahin hatte sie mehrere ihrer Bücher selbst umgeschrieben und unter neuem Namen wiederveröffentlicht.

Ich habe mich einmal an ihrem Roman Belas Sünden versucht, mehr oder weniger wahllos, vielleicht noch, weil mich das Thema des Künstlerromans faszinierte, denn der Bela, um den es geht, ist Musiker, der von einer Jazzer-Karriere träumt, während er in billigen Restaurants billige Schlager spielt. Als er die Gelegenheit bekommt, einen eigenen Laden aufzumachen, in dem er abends am Klavier sitzen kann, ergreift er die Chance, ungeachtet der Schwierigkeiten, die damit für ihn, seine Lebenspartnerin und deren Tochter entstehen. Denn zu der rustikalen Gaststätte, die er billig erwirbt, gehört auch eine Wohnung, die höchstens nach diversen Umbaumaßnahmen wirklich wohnlich werden könnte. Da für Künstler - auch seine Partnerin Lisa gehört dazu - der Besitz von Zweit- oder gar Drittwohnungen ein nicht leistbarer Luxus ist, ziehen die drei in das Loch, das sich bei näherer Besichtigung als unbewohnbar herausstellt: Die Zimmer sind bestenfalls Kammern, Trennwände nicht heraustrennbar, die Nasszelle hat direkten, unverschließbaren Zugang zum Hinterhof, einzelne Zimmer sind nur beheizbar, wenn nicht noch andere stromfressende Elektrogeräte angeschaltet sind.

Soweit eine Geschichte, die durchaus Spaß macht. Denn Künstlerträume haben viele von uns gehegt, insofern ist der Wiedererkennungswert enorm. Und wer hat in seinem Bekanntenkreis niemanden, der es einmal mit einer Kneipe versucht hat, und sei es für ein halbes Jahr? Und der an den widrigen Umständen scheiterte.

Aber die Stoßrichtung von Petra Hammesfahr ist eine völlig andere. Sie erzählt einen reinen Frauenroman, wählt die Perspektive der Lisa, selbst angehende Schriftstellerin, die zwecks Lebensunterhalt in einer Drogerie arbeitet und sich dort in einen Kunden verliebt, in Bela. Der Roman erzählt vom langsamen Zusammenkommen der beiden, von den diversen Schwierigkeiten der Beziehung, von Belas Sinnlichkeit und seinen Marotten. Und er tut dies mit all den zugehörigen Klischees einer Frau, die über ihre Beziehung spricht, über den Mann, der sie vergöttert, der genau das mit ihr tut, was Frauen lieben. Und der natürlich ein, zwei gravierende Handicaps besitzt: Bela ist bi, und seine Freundschaft zu Andreas wird während der Jahre mit Lisa Bestand haben. Und er ist auch mit anderen Frauen untreu. Einmal erwischt Lisa ihn, wie er im Gastraum nach Ladenschluss eine Blondine vögelt. Immer wieder auch findet sie Anzeichen dafür, dass er eine Frau in Lisas Abwesenheit mit in die Wohnung genommen hat. Völlig unbedeutend, sagt Bela.

Eine dritte Ebene kommt hinzu. Sie eröffnet den Roman, und auch wenn sie über weite Strecken in Vergessenheit gerät, bildet sie den roten Faden dieses Buches: In Lisas Schlafzimmer wird eine Leiche gefunden. Zunächst gehen alle davon aus, es müsse sich um Bela handeln. Doch erweist sich das irgendwann als Irrtum. Wer es ist und wie er dahin kommt, das ist der Spannungsfaden, der die Geschichte vorantreiben soll. Sich auf diesen Faden zu verlassen erscheint jedoch gewagt. Denn dafür ist Petra Hammesfahr zu weitschweifend in ihrer Erzählung.

Erst spät im Roman bekommen die einzelnen Schicksale Konturen. Wir erfahren Zusammenhänge, Themen, Konstellationen, die über weite Strecken nicht einmal angedeutet waren. Dies ist wohl die eigentliche Schwäche des Romans: es braucht Durchhaltevermögen, um an die Substanz des Buches heranzukommen. Zu verschlungen ist das Labyrint, das Hammesfahr baut, um dessen Mitte auch nur erahnen zu können. Bis dahin erleben wir eine mehr oder weniger traditionelle Liebesgeschichte mit viel Wiedererkennungspotential und einer gehörigen Portion Klischee.

Irgendwo in der Mitte des Romans sagt die Protagonistin des Romans, die Autorin Lisa Szabo von ihrem neuen Romanprojekt, das Buch würde durch sämtliche Genreraster fallen, sei weder Krimi noch Liebesgeschichte und daher wohl schwer verkäuflich. Ich glaube, Petra Hammesfahr wusste sehr genau, dass sie damit eigentlich den hier vorliegenden Roman Belas Sünden. und die zu erwartenden Reaktionen auf ihn beschrieb.

Eine weitere Rezension zu Belas Sünden.von Petra Hammesfahr finden Sie bei: Radio Bremen (Aufio-File mit Hörprobe)

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