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Samstag, September 23, 2006

Philip Roth: Jedermann


Hanser, geb., 160 S., 17,90 €

Leseprobe

Philip Roth gehörte von jeher zu den großen Anwärtern auf den Literatur-Nobelpreis. Immer wieder gelang es ihm, Alltägliches so zu verpacken, dass es sich leicht und spannend las. Sein Jedermann ist ein Alterswerk, 74 ist der Autor mittlerweile. Wie Martin Walser in seinem Angstblüte schildert Roth einen Mann, der die besten Zeiten hinter sich hat und nun langsam merkt, wie immer mehr Dinge nicht mehr funktionieren, wie sein Charme schwindet, seine Fähigkeit etwa, junge Frauen zu becircen. Der Held ohne Namen blickt zurück auf sein Leben, und wie fast bei jede Altem wendet er den Augenmerk immer stärker seinem Körper zu.

Fast bietet es sich an, seine Krankengeschichte aufzuzählen, die in dem Roman sehr viel Platz einnimmt und klinisch detailliert berichtet wird: Ein Leistenbruch als Kind, ein Blinddarmdurchbruch mit Anfang dreißig. Mit zunehmendem Alter folgen ernstere Beeinträchtigungene: Bypassoperationen, Hinterwandinfarkt, verengte Halsschlagadern, all die "koronaren und vaskulären Schwächen", der ganze normale physische Verfall. Aber was sagt das? Genauso wenig wie seine Lebensstationen, sein Aufwachsen als Sohn eines jüdischen Schmuckhändlers, sein Kunststudium, seine Arbeit als Art- und später Creative-Director, seine drei Ehen, sein Fremdgehen, sein Altersdomizil in einer East-Coast Senioren-Kolonie.

Jedermann wird gerahmt vom Thema Tod, der präsent ist auf jeder Seite, auch da, wo es nicht explizit um ihn geht. Das Buch beginnt mit der Beerdigung des Protagonisten und endet an genau jener Stelle, als die letzte Operation misslingt und er aus seiner Vollnarkose nicht mehr erwacht. Dazwischen beschreibt Roth die Beerdigung des Vaters nach altem jüdischen Ritual, bei dem die Gäste selbst das Grab mit Erde auffüllen - eine quälend langatmige Prozedur, die die Endgültigkeit des Todes in seiner ganzen Schärfe bewusst macht. Dies alles schildert Roth einfühlsam, eindringlich, so dass wir die Gefühle teilen können und diese Erfahrung mitnehmen in unseren Alltag, in unsere Jedermann-Welt. „Er war nicht mehr, befreit vom Sein, ging er ins Nichts, ohne es auch nur zu merken. Wie er es befürchtet hatte von Anbeginn.“

Hat das eine allegorische Dimension? Der Vergleich mit Hugo von Hofmannsthals Jedermann drängt sich auf, der reiche Mann begegnet dem Tod und muss sich rechtfertigen für sein Leben. Roth bestreitet den Zusammenhang zum mittelalterlichen Mysterienspiel, aber die Parallelen sind unverkennbar. So behauptet der Literaturkritiker Hubertus Winkler in einem 3sat-Interview, eigentlich sei in diesem Roman nichts für sich erzählt, sondern immer als Allegorie für die Vergänglichkeit. Unterhaltsam ist das nicht, schon gar nicht geeignet für ein paar Minuten Weltflucht beim Lesen. Aber es ist ungemein spannend geschrieben, manchmal zynisch, manchmal ein wenig altersweise. Roth eben.

Rezensionen finden Sie bei: Abendblatt, Berliner Zeitung, FAZ, Freitag, Rheinischer Merkur, Münchner Merkur, NRZ, Der Standard, Stuttgarter Zeitung, Süddeutsche Zeitung, taz, Der Spiegel, 3sat (Video), Deutschlandradio, MDR (Audio-File), Titel-Magazin

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