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Montag, September 11, 2006

Sasa Stanisic: Wie der Soldat das Grammofon repariert


Luchterhand, geb., 320 S., 19,95 €

Leseprobe     Hörproben: Literaturport      Bayrischer Rundfunk (Teil 1, 2, 3, 4, 5, 6)

Vor ein paar Wochen habe ich - wegen des Handke-Heinepreis-Streits - an dieser Stelle nach Büchern gesucht, die uns das Lebensgefühl der Serben vor, während und nach dem Krieg etwas näher bringen. Nach serbischer Literatur eben. In wenigen Tagen nun erscheint ein Roman, dessen Wurzeln in Bosnien, genauer in Višegrad liegen, und der sich nicht nur auf die Suche nach dem Lebensgefühl jener Zeit macht, sondern dies auch noch höchst amüsant und leicht vermittelt. Einige orakeln schon, es könne sich bei Wie der Soldat das Grammofon repariert von Saša Stanišic um den neuen Kometen am Literaturhimmel dieses Herbstes handeln. Ganz so weit will ich nicht gehen. Aber unterhaltsam verspricht das Werk zu werden, wenn man von den zahlreichen Hörproben auf den Rest des Werkes schließen kann.

Im Klappentext heißt es: «Aleksandar wächst in der kleinen bosnischen Stadt Vicegrad auf. Sein größtes Talent ist das Erfinden von Geschichten: Er denkt gar nicht daran, sich an die Themen der Schulaufsätze zu halten, viel zu verrückt sind die Erntefeste bei seinen Urgroßeltern, viel zu packend die Amokläufe betrogener Ehemänner und viel zu unglaublich die Geständnisse des Flusses Drina. Als der Krieg mit grausamer Wucht über Vicegrad hereinbricht, hält die Welt, wie Aleksandar sie kannte, der Gewalt nicht stand, und die Familie muß fliehen. In der Fremde eines westlichen Landes erweist sich Aleksandars Fabulierlust als lebenswichtig: Denn so gelingt es ihm, sich an diesem merkwürdigen Ort namens Deutschland zurechtzufinden und sich eine Heimat zu erzählen. Seinen Opa konnte er damals nicht wieder lebendig zaubern, jetzt hat er einen Zauberstab, der tatsächlich funktioniert: seine Phantasie holt das Verlorene wieder zurück. Als der erwachsene Aleksandar in die Stadt seiner Kindheit zurückkehrt, muß sich allerdings erst zeigen, ob seine Fabulierkunst auch der Nachkriegsrealität Bosniens standhält.»

Sein Stil ist einfach und anekdotisch. Wenn er im ersten Teil des Romans aus der Sicht des kleinen Aleksanders schreibt, könnten diese Passagen durchaus als Kinderbuch durchgehen, mit doppeltem Boden natürlich, ein wenig wie Pu der Bär, nur mit einer völlig anderen Blickrichtung. Denn während Christopher Robin seine Plüschtiere beim Spielen beobachtet, blickt Aleksander nicht minder aufmerksam auf die Spiele der Erwachsenen, die er zwar in vielen Punkten nicht versteht, aber mit großem Enthusiasmus beschreibt. Und wir freuen uns über seine Naivität und darüber, dass wir Dinge verstehen, die der Autor nicht zu verstehen vorgibt.

Sasa Sanisic gelingt es dabei, selbst ernste Themen wie den Tod des Großvaters noch mit einem gewissen ironischen Augenzwinkern zu beschreiben. Das ist amüsant, gelegentlich schreiend komisch. Was aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass der Krieg sich stündlich nähert, mit all seiner ihm innewohnenden Brutalität, mit Beschuss, Mord und Brandschatzung. Und mit einer Flucht in ein Deutschland, das Aleksander genauso wenig versteht wie sein eigenes Land. Das er daher beschreiben kann wie seinerzeit der Papalagi, nur eben viel, viel aktueller und daher berührender: "Im besseren Deutschland ist eine Wand umgefallen, und ab jetzt gibt es nur noch das schlechtere Deutschland. Der Wand musste das früher oder später passieren, sagen alle. Onkel Bora, der Gastarbeiter, wie ihn jede Familie braucht, sagt, das schlechtere Deutschland sei für ihn eh besser, weil es ihn bezahlt und weil es da hundert gleiche Häuser in einer Reihe gibt, so dass niemand neidisch ist. Und eine übersichtliche Verkehrsführung gibt es und die Ampeln stehen nicht nur da, sondern können wirklich grün. Und es gibt Lothar Matthäus und Tampons, die Tante Taifun passen. Das sind kleine Wattestäbchen, die schiebt sich Tante Taifun in den Arsch, um sich ein bisschen zu bremsen..." Und so weiter.

Schließlich hält es Aleksander nicht mehr in Deutschland aus. Es fährt zurück, macht sich auf die Suche nach seiner Freundin Asja, erlebt so das kriegszerstörte Visegrad. Mit ihm sehen wir, was der Konflikt aus dem Land gemacht hat. Dies wirkt dramaturgisch umso stärker, je lauter wir zuvor gelacht haben. Denn diese verlorene Leichtigkeit der Kindheit ist es, die jetzt im Land am meisten berührt. Denn der Krieg ist kein Spiel. Die Zerstörung ist echt. Was bleibt, ist eine latente Ratlosigkeit. Und das Ahnen, dass der Krieg vielleicht doch nicht so weit weg war, wie ihn die mediale Aufbereitung bis dato inszenierte.

Weitere Rezensionen finden Sie unter: Bosch-Stiftung, Die Politik.de, Süddeutsche, Der Tagesspiegel, Deutschlandradio (Audio-File), HR, Literaturnetz,


Sasa Stanisic liest am 26. September 2006 im Kulturhaus der Stadt Graz, für die er 2007 zum Stadtschreiber ernannt wurde. Er ist noch bis Mitte Dezember auf Lesetour durch Deutschland. Die aktuellen Termine finden Sie hier.

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