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Name: Ennka
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Freitag, September 01, 2006

Sibylle Lewitscharoff: Consummatus


DVA, geb., 240 S., 18,90 €

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Noch eins jener Bücher, die bereits seit einem halben Jahr auf dem Markt sind und in dieser Zeit viel Aufmerksamkeit erfahren haben, ist Sibylle Lewitscharoffs Consummatus: «Stuttgart, April 2004. Ralph Zimmermann sitzt im Café Rösler, leert zu viele Gläser Wodka, während Stationen seines Lebens Revue passieren – Tod der Eltern, Kindheit, vor allem die fatale Liebe zu einer Underground-Sängerin, mit der er bis zu ihrem Tod einige Monate lang durch Europa kreuzte.
Die Sehnsucht hatte den Mann ins Jenseits geführt. Mit der Pflicht, Bericht zu erstatten, wurde er von dort zurückgeschickt. Seitdem sind die Toten um ihn, seitdem muß er daran herumrätseln, was sich im Jenseits gezeigt hat: kluge Tiere, zaghafte Tote, die eine Schleuse meiden, hinter der man Jesus lachen hört. Selbst im Café halten sich die Toten in seiner Nähe auf. Andy Warhol, Jim Morrison und Edie Sedgwick sind mit von der Partie, die Eltern auch und natürlich seine Geliebte.
Stunden später macht sich Zimmermann auf den Weg und gerät in ein Unwetter. Schnee hüllt ganz Stuttgart ein. In den Flocken treiben die Toten ihr zartestes Annäherungsspiel», heißt es im Verlagstext.

Das Buch springt munter zwischen der Perspektive des desillusionierten Gymnasiallehrers Ralph und der immer noch reichlich aufgekratzten Toten: seiner Freundin Joey, ständig umgeben von jenen Ikonen der 70er Jahre: Warhol, Morrison, Sedgwick, letzterer Star der Factory. Munter brabbeln sie durcheinander, wild phantasiert von Sibylle Lewitscharoff, die die gängigen Allerweltsweisheiten über das Leben nach dem Tod von Kübler-Ross bis Ghost - Nachrichten von Sam zusammensammelt, zusammenschreibt und daraus ihren ganz eigenen Cocktail mixt, immer leicht flüsternd, im Stil des Enthüllungsjournalismus: "Wollen Sie etwas über das Leben nach dem Tod erfahren? Psst, hier können Sie es."

Als Zeuge nimmt sie dafür Ralph selbst, der einmal hinüber gehen darf, inmitten einer Menge Blut, und dann doch zurück gekommen ist. Vielleicht deswegen Zugang hat zu den Stimmen. Er besucht dort seine Freundin wie seinerzeit Orpheus, auch wenn das in diesem Buch nicht in einen Spannungsbogen gewoben ist, sondern höchstens in einen Bilderbogen. Seitenweise beschreibt Lewitscharoff seine Erfahrungen, seine ersten Gehversuche auf der anderen Seite. Und natürlich begegnet er den prägenden Gestalten vergangener Tage, zugegebenermaßen anderen als Joey sie in ihrem Dunstkreis mit sich schleppt: «Luther und Robert Bosch waren darunter, Kulenkampff, Friedrich Gundolf und Kurt Georg Kiesinger, aber auch Herr Schrempf, der Hausmeister aus unserer Siedlung, der auf seinem Garderobenbrett im Flur zur Abschreckung eine Polizeimütze liegen hatte.» All das mag logisch klingen, spricht aber eher dafür, dass hier eine Autorin ihre eigene Drogenerfahrungen aufarbeitet.

Damit dem Buch ein wenig tiefere Bedeutung zukommt, mixt Lewitscharoff ihre Fantasien mit ein wenig griechischer Mythologie, profanem Christentum und einer Mütze Zeitgeschichte. Neues zu sagen hat sie dabei nicht. Consummatus, eigentlich consummatum est - es ist vollbracht, die letzten Worte Jesu am Kreuz. Als Titel des Buches richtungsweisend, denn die Autorin ist Religionswissenschaftlerin von Haus aus. Und spätestens jetzt wird klar: doch, sie meint es ernst. Ihr Buch soll hinweisen auf das, was danach kommen mag. Will anregen, über die eigene Zukunft nachzudenken. Sicher, die Fantasie wird das, was Lewitscharoff anreißt, eine Weile weiterspinnen und vielleicht mit eigenen Erlebnissen füllen. Aber das setzt voraus, dass sich der Leser die 240 Seiten hindurch dem Buch aussetzt. Ein Pageturner ist ihre stellenweise zugegebenermaßen witzig geschriebene Fantasie über das Leben danach jedenfalls nicht.

Weitere Rezensionen finden Sie unter: Die Presse, FAZ, Frankfurter Rundschau, Tagesspiegel, taz, Die Zeit, Das Erste (Video) 3sat (Video-Interview), BR, NDR Info, Kultur Extra, Falter, Literaturkritik, Titel-Magazin

 

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