Steffen Popp: Ohrenberg oder der Weg dorthin
Kookbooks, geb., 144. S., 17,90 €
Vor der Hörprobe sei gewarnt. Steffen Popp liest Steffen Popp, langweilt sich über sich selbst, versucht sich an einer Art Poetry-Slam-Singsang der Xochil Schütz-Schule, der ihm mangels pushenden Publikums gründlich misslingt. Ohrenberg oder der Weg dorthin ist offensichtlich Slam-erprobte Poesie, auf fünf bis zehn Minuten Redezeit unterhaltsam, dicht, wortgewaltig. Modern und jung. Aber wie Slam-Poetry so oft: sie wirkt eben nur als Happen, wirkt in Buchform zerdehnt, ermüdend, überflüssig.
Steffen Popp ist Lyriker. Junger Lyriker, Jahrgang 78, studiert Literaturwissenschaften, was sonst. Fast alle Lyriker haben ein Problem: sie können, sie wollen nicht plotten. So ist auch dieser Roman nur von einem roten Faden gehalten, der ohne zu erreichendes Ziel auskommt: Aschmann, niedergelassen irgendwo in Finnland, am Ende seines Lebens, macht sich auf, seinen ehemaligen Chef zu besuchen, der in thüringischen Bergland einen alten Funkturm bewohnt. Ohrenberg heißt dieser Chef, der von dem bevorstehenden Besuch weiß, aber nicht begeistert ist. Beide rekapitulieren ihre Vergangenheit, auch die gemeinsame. Ankommen wird Aschmann nicht. Denn dann müsste aus Gedanken Handlung werden. Und die ist nicht Popps Ding. Also philosophiert er vor sich hin, lässt die beiden Protagonisten, Aschmann und Ohrenberg, denken. Ausführlich und hochpoetisch.
Nun ist Stringenz oft nicht der jungen Lyriker Wesen. Ich denke an den philosophischen Poeten des Alltags André Dessaules, an seine Konfrontation, auch dort oft tiefschürfende Gedankenkaskaden, wild zusammengesucht rezipierend, gut anhörbar/lesbar als kleiner Happen, aber bitte nicht zu hinterfragen auf eine Grundlinie, auf eine persönliche eigene Meinung. Diese kann von Stunde zu Stunde wechseln, je nach Bedarf und Gebräuchlichkeit. So wird auch aus Popps Lyrik-Prosa ein buntes Sammelsurium westlichen Denkens:. «Da steht Goethe neben Schreber, da kriechen Kafka’sche Käfer durch die Gegend, da gibt es ein wenig Berkeley, Locke und Hume, Leibniz, Fichte, Husserl, Bergson, eine Menge Hegel und Marx, etwas Horkheimer und Adorno, dann heideggert es wieder munter vor sich hin. Doktor Benn lässt ebenso grüßen wie Beckett, seine Endzeitpaare, seine nüchterne Glorifizierung des Schweigens, der Leere und des Raums», analysiert Meike Feßmann im Tagesspiegel. Versuche, daraus eine persönliche Meinung der beiden Protagonisten zu extrahieren, scheitern. Sie sind nahezu austauschbar, erkennbar vielleicht noch an ihren Erinnerungsfetzen, die sich gelegentlich einschleichen, am Gefälle aus Macht und Kapital, formal vielleicht noch am Wechsel von erster und dritter Person. Aber das ist Technik, nicht Inhalt.
Im Glanz eines visionären Sonnenaufgangs bricht der Text schließlich ab. Wo soll er auch hinführen? Ein letztes Mal ruft Popp ein strahlendes Bild auf. Das ist seine Stärke, seine Unterschrift unter den Text. Mein Tipp: Falls Sie in Berlin leben, schauen sie mal, ob Popp nicht auf irgendeinem Slam auftaucht. Es lohnt sich. Falls Sie sich aber Ohrenberg oder der Weg dorthin kaufen: genießen Sie das Buch in kleinen Happen, nicht als Roman, sondern als Lyrik. Sonst verklebt Ihnen schnell der Magen.
Weitere Rezensionen finden Sie unter: FAZ, FR, Tagesspiegel, Literaturkritik, Textem
Labels: Buchrezensionen


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