Jerome Bouvier: Clichy sans Cliche
Verlag Robert Delpire, kart., n.p., 30 €
Vielleicht ist es ganz passend, für eine Vernissage der besonderen Art gerade Freitag, den 13. auszuwählen. Ein Jahr nach dem Tod von Zyed und Bouna, die sich auf der Flucht vor der Polizei in einem Transformatorenhäuschen der EDF verstecken wollten und dort von tödlichen Stromschlägen gegrillt wurden, hat Jérôme Bouvier 12 renommierte Fotografen gebeten, aus ihrem persönlichen Blickwinkel heraus Clichy-sous-bois frei von Klischees zu fotografieren.
Clichy-sous-bois ist nicht ohne Probleme. 25% der Einwohner sind arbeitslos, bei den Jugendlichen sind es wesentlich mehr, um die 40% soll die Zahl liegen. Perspektiven gibt es nicht. Zwar wurden nach den Unruhen des letzten Herbstes viele Zusagen gemacht, geändert hat sich aber nichts Wesentliches, zumindest, wenn man die Bewohner des Viertels fragt. Es wäre auch verwunderlich, wenn neue Firmen sich ausgerechnet nach jenen Unruhen vom letzten Herbst in Clichy niederließen, um so neue Arbeitsplätze zu schaffen. Aber auch ein Arbeitsamt sucht man hier vergebens. Und eine Anbindung an Paris ist nur mittels Bussen gegeben. Tagsüber braucht man so für die Strecke auf Sichtweite anderthalb Stunden. Nach Einbruch der Dunkelheit fahren die Busse neuerdings gar nicht mehr. Aus Sicherheitsgründen. Denn mehrfach in den letzten Tagen wurden Busse überfallen und angezündet.
Nun also sind die Fotografen in Clichy eingefallen und haben ihre Bilder gemacht. Clichy im Sonnenuntergang, schwarze Kinder auf dem Bolzplatz, wehende Wäsche vor einem Fenster. Poetisierte Versionen eines prosaischen Alltags im Vorort. Die so entstandenen Bilder der Fotografen wurden vergrößert und überall in der Stadt verteilt: auf Werbewänden und auf übergroße Planen gedruckt. So wehen sie nun von Hochhäusern herab, hängen dort, wo sonst großflächig für Unterwäsche und Parfüm geworben wird. Dort, wo sonst die Aushänge für die Clubs der Nachbarschaft in Nacht- und Nebelaktionen mit Tapetenkleister angepappt werden. An Fassaden, Zäunen und Wänden. Und natürlich dort, wo solche Fotoausstellungen normalerweise ihren Platz haben: im Kulturzentrum "Espace 93" etwa. Bezahlt hat die Aktion die Stadt. Ob diese künstliche Idylle etwas bewirken kann, ist hingegen fraglich.
Mitgemacht haben bei dem Projekt Yann Arthus-Bertrand, Jane Evelyn Atwood,
Alexis Cordesse, Jean Louis Courtinat, Jacques Grison, William Klein, Sarah
Moon, Marie-Paule Nègre, Marc Riboud, Joël Robine, Paolo Roversi
und Michel Vanden Eeckhoudt. Die Ausstellung wird in Clichy sous Bois noch bis
zum 10. November zu sehen sein und dann nach Paris wandern, voraussichtlich
vom 15. bis 28. November 2006, ins Pariser Rathaus, Salle des Prévôts.
Der Bildband zur Ausstellung Clichy
sans cliché
ist im französischen Verlag Robert Delpire erschienen, jenem Verlag, der
auch zuerst die Werke von Fotografen wie Cartier-Bresson, Brassaï, Doisneau
oder Lartigue veröffentlichte. Der Band im Format 24x28 enthält 200
Fotos der zwölf Künstler und kostet um die 30,- €.
weitere Quellen:
Homepage des Projektes
Clichy sans Cliché
(mit einigen Photos)
Clichy-sous-Bois "noch immer ein Pulverfass"
Die
ganz normale Perspektivlosigkeit - Ein Jahr nach den Krawallen in Pariser Vororten
stellen Fotografen ihre Arbeiten vor
Labels: Buchrezensionen


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