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Donnerstag, Oktober 12, 2006

Literatur-Nobelpreis 2006


Und wieder hereingelegt. Waren in den letzten Jahren ständig Außenseiter Gewinner des Literatur-Nobelpreises, geht er dieses Jahr an den seit langem von den Buchmachern dazu favorisierten Orhan Pamuk. Dieser hatte im Jahr zuvor bereits den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels abgeräumt, befindet sich mit seinem aktuellen Roman Schnee also eindeutig auf der Siegerstraße.

Der Preis ist sicherlich strategisch sinnvoll verliehen, geht es doch in Schnee wie auch den meisten seiner älteren Werke (s.u.) um den Zusammenprall westlicher und östlicher Werte, um das kulturelle Zusammenspiel von Islam und Christentum, um Okzident und Orient. Der 54-Jährige habe "auf der Suche nach der melancholischen Seele seiner Heimatstadt neue Sinnbilder für Streit und Verflechtung der Kulturen gefunden", hieß es in der Begründung des Nobelpreiskomitees. Dementsprechend erklärte der Präsident der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck: "Mit Pamuk erhält ein Autor den Nobelpreis, dem der Gedanke einer europäischen Friedenspolitik, die auch die Türkei einschließt, wichtiges Anliegen seiner schriftstellerischen Arbeit ist. Mit ihm wird ein Garant des Anti-Nationalismus geehrt." Gegen ein tagespolitisch derart brisantes Thema kommt z.B. der ebenfalls in der engeren Auswahl gestandene Philip Roth, der in seinem Roman Jedermann das Altern und die damit verbundenen Krankheiten thematisiert, natürlich nicht an.

Hinzu kommt, dass Pamuk in seiner Heimat, der Türkei, Anfeindungen nationalistischer Kreise ausgesetzt ist. Pamuk musste sich wegen des Vorwurfs der "Verunglimpfung des Türkentums" in seiner Heimat vor Gericht verantworten, weil er in einem Interview gesagt hatte, in der Türkei seien „eine Million Armenier und 30.000 Kurden umgebracht“ worden.. Die Anklage gegen ihn wurde erst nach internationalen Protesten eingestellt. Der Friedens-Nobelpreis setzt hier ein Zeichen und unterstützt Pamuk in seiner kritischen Position.

Pamuks Werke wurden bislang in mehr als 30 Sprachen übersetzt und in über 100 Ländern veröffentlicht. Auf deutsch liegen derzeit vor:

In Vorbereitung ist die Essaysammlung "Istanbul: Erinnerungen an eine Stadt" (Carl Hanser Verlag, München, Nov. 2006)

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