Literatur-Nobelpreis 2006
Und wieder hereingelegt. Waren in den letzten Jahren ständig Außenseiter
Gewinner des Literatur-Nobelpreises, geht er dieses Jahr an den seit langem
von den Buchmachern dazu favorisierten Orhan Pamuk. Dieser
hatte im Jahr zuvor bereits den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels abgeräumt,
befindet sich mit seinem aktuellen Roman Schnee also eindeutig auf
der Siegerstraße.
Der Preis ist sicherlich strategisch sinnvoll verliehen, geht es doch in Schnee
wie auch den meisten seiner älteren Werke (s.u.) um den Zusammenprall
westlicher und östlicher Werte, um das kulturelle Zusammenspiel von Islam
und Christentum, um Okzident und Orient. Der 54-Jährige habe "auf der Suche nach der melancholischen
Seele seiner Heimatstadt neue Sinnbilder für Streit und Verflechtung der
Kulturen gefunden", hieß es in der Begründung des Nobelpreiskomitees.
Dementsprechend erklärte der Präsident der Berliner Akademie der Künste,
Klaus Staeck: "Mit Pamuk erhält ein Autor den Nobelpreis, dem der
Gedanke einer europäischen Friedenspolitik, die auch die Türkei einschließt,
wichtiges Anliegen seiner schriftstellerischen Arbeit ist. Mit ihm wird ein
Garant des Anti-Nationalismus geehrt." Gegen ein tagespolitisch derart
brisantes Thema kommt z.B. der ebenfalls in der engeren Auswahl gestandene Philip
Roth, der in seinem Roman Jedermann
das Altern und die damit verbundenen Krankheiten thematisiert, natürlich
nicht an.
Hinzu kommt, dass Pamuk in seiner Heimat, der Türkei, Anfeindungen nationalistischer Kreise ausgesetzt ist. Pamuk musste sich wegen des Vorwurfs der "Verunglimpfung des Türkentums" in seiner Heimat vor Gericht verantworten, weil er in einem Interview gesagt hatte, in der Türkei seien „eine Million Armenier und 30.000 Kurden umgebracht“ worden.. Die Anklage gegen ihn wurde erst nach internationalen Protesten eingestellt. Der Friedens-Nobelpreis setzt hier ein Zeichen und unterstützt Pamuk in seiner kritischen Position.
Pamuks Werke wurden bislang in mehr als 30 Sprachen übersetzt und in über 100 Ländern veröffentlicht. Auf deutsch liegen derzeit vor:
- "Der
Blick aus meinem Fenster. Betrachtungen
", Essays (Carl Hanser Verlag, München, 2006)
- "Schnee
", Roman (Carl Hanser Verlag, München, 2005)
- "Friedenspreis
des Deutschen Buchhandels 2005. Ansprachen aus Anlaß der Verleihung
(MVB, Frankfurt/Main ,2005)
- "Rot
ist mein Name
", Roman (Carl Hanser Verlag, München, 2001)
- "Erniedrigung
genießen. Kapitalismus und Depression Bd. III
", (Alexander Verlag, Berlin, 2001)
- "Das
neue Leben
", Roman (Carl Hanser Verlag, München, 1998)
- "Das schwarze Buch
", Roman (Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main, 1997)
- "Die weiße Festung
", Roman (Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main, 1990)
In Vorbereitung ist die Essaysammlung "Istanbul: Erinnerungen an eine Stadt" (Carl Hanser Verlag, München, Nov. 2006)
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