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Sonntag, Oktober 08, 2006

Michael Robotham: Amnesie


Goldmann, geb., 448 S., 19.95 €

Leseprobe (in englisch!) bei Doubleday

Schon mit seinem Erstling Adrenalin hatte Michael Robotham einen Schuss ins Schwarze abgegeben: Ein vor Sarkasmus und Ironie triefender Psychothriller um einen Promipsychater, der unter dringendem Mordverdacht steht und als Gegenspieler einen Detective Inspector Ruiz, hartnäckig aber gerecht. Diese Personenkombination benutzt Robotham auch für seinen neuen Roman Amnesie, nur das er diesmal die Perspektive tauscht. Wurde Adrenalin noch aus der Sicht des Psychaters Dr. Joseph O´Loughlin erzählt, ist es diesmal DI Ruiz, der mit einer gehörigen Portion Galgenhumor über sein Schicksal räsoniert.

Die braucht er auch, denn gleich zu Beginn der Geschichte wird er über den Haufen geschossen, verliert dabei zwei Finger und jede Menge Blut und findet sich schließlich in einem Krankenhausbett wieder. Nachdem er aus siebentägigem Koma erwacht ist, fehlt ihm die entscheidende Erinnerung an die Schießerei. Dumm nur, dass ihm keiner glaubt, schon gar keiner der Kollegen. Die glauben, er wolle sein eigenes Ding durchziehen, und halten ihn für umso verdächtiger, je mehr er seine Amnesie beteuert.

Letztlich ist es sein einstiger Kontrahent O´Louglin, mit dessen Hilfe Ruiz zumindest so viele Puzzelteile zusammen bekommt, um sich dunkel an den Fall zu erinnern, an dem er vor seinem Unfall gearbeitet hat. Die achtjährige Mickey Carlyle, Tochter eines russischen Kriminellen, ist entführt worden, und auf der Themse, aus der Ruiz schließlich gefischt wurde, sollte die Geldübergabe stattfinden. Aber ist das überhaupt möglich? Der Fall wurde bereits vor drei Jahren geschlossen, und der Mörder des jungen Mädchens sitzt in Haft. Es ist alles ein wenig verwirrend.

Kaum ist Ruiz wieder in der Lage, sich auf seinen Beinen zu halten, verlässt er das Krankenhaus. Er ist sicher, dass das Mädchen noch lebt und irgendwo gefangen gehalten wird. Wen wundert es, wenn sein Vorgesetzter ihn daraufhin für verrückt erklärt und ihn auffordert, den Fall beiseite zu legen. Aber Ruiz lässt nicht locker, und mit unerbittlichen Recherchen und immer neuen Erinnerungsflashs kommt er der Wahrheit, und mit ihr einem Pädophilen, langsam auf die Spur.

Das Thema des Gedächtnisverlustes ist nicht neu. Erstaunlich ist höchstens, dass in diesem Monat gleich zwei Bücher mit diesem Grundmotiv auf den Plätzen 1 und 2 der KrimiWelt-Bestenliste gelandet sind. Doch der Stil, mit dem die beiden Bücher geschrieben sind, könnte unterschiedlicher nicht sein. Während Robert Littell in Die kalte Legende in ausführlichen Beschreibungen schwelgt und dabei einen ausladenden, von langen Sätzen geprägten Erzählstil frönt, ist Robothams Amnesie von kurzen Sätzen und Absätzen geprägt, die die Beschreibungen auf das Nötigste reduzieren und dadurch wesentlich schneller wirken. Ein weiterer Kunstgriff ist die Gegenwartsform, mit der er die Geschichte erzählt - auch dies gibt der Erzählung zusätzlichen Schwung.

Noch mehr Tempo gewinnt der Roman durch den Druck, der von allen Seiten auf Ruiz ausgeübt wird: die Anti-Korruptions-Einheit der Met glaubt ihm seine Amnesie nicht und wittern illegale Aktionen. Sein Vorgesetzter will ihn suspendieren, sollte er nicht den Fall ablegen. Ruiz selbst kämpft mit seinem Gedächtnis und dem Druck, die junge Mickey zu finden, die er immer noch in der Hand der Gangster glaubt. All dies macht dies Buch zu einem pageturner mit hohem Suchtfaktor.

Weitere Rezensionen finden Sie unter: Deutschlandradio (Audio-File), Hinternet, Kulturnews

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