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Donnerstag, Oktober 05, 2006

Robert Littell: Die kalte Legende


Fischer, geb., 448 S., 19,90 €
Leseprobe beim Fischer-Verlag

Schon seit zwei Monaten hält sich Robert Littells Roman "Die kalte Legende" auf Platz 1 der KrimiWelt-Bestenliste. Und das mit gutem Grund. Sie lieben die alten Detektivromane? Littell stellt Ihnen mit Martin Odum einen abgehalfterten New Yorker Privatdetektiv vor, der sein ganzes Berufswissen aus alten Bogart-Filmen bezog, der sich mit der Suche nach entlaufenen Hunden und Photos betrügender Ehefrauen über Wasser hält und eines Tages von einer aufreizend gut aussehenden jungen Frau besucht wird, für die er nach ihrem verschwundenen Gatten suchen soll. Ganz klassisch, und doch originell beschrieben.

Oder Sie lieben die alten Spionagegeschichten im Stil Le Carrés? Auch dann ist dieser Roman ideal für sie. Denn Odum war früher CIA-Agent und hält noch immer Kontakt zur Firma. Von seiner einstigen Chefin erhält er das Verbot, nach diesem Mann zu suchen. Unter Androhung der Liquidierung, sollte er den Anweisungen zuwider laufen. Das macht ihn neugierig.

Selbst wenn Sie die ganzen alten Krimithemen todlangweilig finden, und eigentlich etwas Aktuelles lesen wollen, einen Thriller, der sich mit den derzeitigen weltpolitischen Themen auseinander setzt, sind Sie mit Littells Die kalte Legende optimal bedient: der Libanon-Konflikt ebenso wie der in Tschetschenien, die CIA in Südamerika, Osama bin Laden ? all diese Themen werden munter in den Roman eingeflochten, ohne aufgesetzt zu wirken. Sie sehen: Robert Littell befriedigt die unterschiedlichsten Lesebedürfnisse ? und dies, ohne die Genrekonventionen zu untergraben.

Aber damit ist noch nichts über das Buch gesagt: Odum ist mit seinen diversen Tarn-Lebensläufen, die die CIA ihm angetragen hat, mittlerweile völlig durcheinander. Zum einen gibt es eine Gedächtnislücke, die er beim besten Willen nicht geschlossen bekommt. Und zum anderen könnte er nicht sagen, wer von all diesen Personen, deren Legende er im Laufe der Zeit angenommen hat, wirklich ist. Nicht, dass ihm das Probleme bereitete. Im Gegenteil: eigentlich schlagen sich alle Figuren im Buch auf die eine oder andere Art mit dem Thema Identität herum, quasi als Zeitsymptom. Ob eine Sekretärin sich am Telefon noch immer mit ihrem alten, längst abgelegten Namen meldet, um die Kunden nicht zu verunsichern, oder ein Taxifahrer die Rolle seines toten Bruders einnimmt, um damit seiner Mutter eine Freude zu machen. Identitätstausch wird in Zeiten zunehmender Virtualisierung von Existenzen immer normaler.

In diversen Rückblenden erzählt uns Robert Littell von der Suche Odums nach dem verschwundenen Gatten, einer Suche, die gleichzeitig auch in die Zeit seiner Gedächtnislücke zurückführt. In jene Zeit, nach der zu suchen ihm seine Chefin strengstens untersagt hat. Und so steht der Held des Romans an seinem Kumulationspunkt in dem Konflikt, entweder zu sterben, wenn er sich nicht an die verdrängten Fakten erinnert - oder zu sterben, weil er das verbotene Wissen reaktivierte. Ein eigentlich unlösbares Dilemma.

Erzählt wird die Geschichte streng subjektiv, also aus Sicht der handelnden Personen, ohne autkoriale Einschübe, wie sie in der Literatur des 19. Jahrhunderts noch sehr beliebt waren. Mittlerweile ist die auktoriale Schreibe, also der Kommentar des Autors, der über den Dingen steht, allerdings verpönt, was oft dazu führt, dass die Autoren an ihrem Stil überhaupt nicht mehr zu erkennen sind, weil sie ganz hinter der subjektiven Erzählstimme verschwinden. Littell bedient sich eines Tricks, um trotz allem nicht ins Triviale abzurutschen: er wechselt häufig - auch mitten im Kapitel - die Erzählperspektive, versenkt sich aber derart in die jeweils erzählende Sichtweise, dass die Lebenssicht und der Kontext der jeweiligen Person deutlich wird. Damit schafft er Erzählbilder, die dicht an den Vorbildern, der russischen Literatur des frühen zwanzigsten Jahrhunderts orientiert sind. Interessant werden diese Wechsel der Sprachstile vor allem dann, wenn der Held Odum zwischen seinen verschiedenen Ichs hin- und her springt und mit seiner jeweiligen Vita auch seine Diktion verändert.

Um dies zusammen zu fassen: Der Sprachstil des Romans erfordert ein kurzes Einlesen, weil er nicht ganz dem heute gängigen Stil entspricht, ist aber immer noch nahe genug daran, als dass der Leser nicht schnell in den Bann gezogen würde. Durch seine Perspektivwechsel gelingt es Littell jedoch, barock ausladende Szenen zu schildern und in andere Welten zu entführen, die gefangen nehmen. So nimmt er fast spielerisch die Hürde vom Unterhaltungsroman zur Literatur. Kein Wunder also, dass sämtliche Rezensenten begeistert von dem Buch sind, egal aus welcher Ecke sie kommen. Robert Littells Die kalte Legende lässt einfach keine Wünsche offen.

Rezensionen: Westdeutsche Zeitung, Freitag, Deutschlandradio Kultur (Audio-File), RBB, WDR5, Alligatorpapiere, Freitag, Hinternet,

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