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Montag, November 06, 2006

SWR-Bestenliste November 2006


Wie immer mit ein klein wenig Verspätung nachgetragen kommt hier die SWR-Bestenliste November 2006. Erstaunlich viele neue Titel haben sich hier eingefunden - vielleicht ein Ergebnis der Frankfurter Buchmesse und der Berichterstattung über sie in den Medien. So sind tatsächlich wenig Titel darunter, über die in den Medie nicht bereits ausführlich berichtet wurde.

 

1. (-) 89 Punkte
IMRE KERTÉSZ: Dossier K. Eine Ermittlung

Leseprobe bei Perlentaucher

Imre Kertész gilt als einer der großen künstlerischen und denkerischen Deuter der Welt nach Auschwitz. Sein Werk wird meist autobiographisch gelesen, doch ist es zugleich notwendig komponiert nach den Gesetzen von Stil, Vorstellungskraft, Fiktion. Wie steht es mit seinem Leben in Verbindung? Unter welchen Bedingungen, in welchen Lebenszusammenhängen ist es entstanden? Mit "Dossier K:" legt Kertész seine Autobiographie vor. Es ist eine Selbstbefragung im Dienste ästhetischer und historischer Wahrhaftigkeit, ein platonischer Dialog, den der Autor mit sich selbst führt.
Sie erschließt nicht nur die intimen Zusammenhänge von Leben und Werk mitsamt ihren poetologischen Voraussetzungen, sondern ist, im besten Sinne des Wortes, Zeitzeugenschaft - von Kertész' familären Wurzeln in der versunkenen jüdischen Kultur Vorkriegsungarns über die Schrecken des Nationalsozialismus bis hin zu jenem Leben zwischen stalinistischen Schauprozessen, Aufstand und Diktatur, das Kertész im Budapest des Kalten Krieges führen mußte.




2. (-) 61 Punkte
NORBERT WEHR (Hg.): Schreibheft 67

Mit einer Entdeckung - dem rumänischen Dichter Ghérasim Luca: Sprechliteratur, Literatur der Körperlichkeit. Und einer Wiederentdeckung - dem Autor der "Textbücher", Helmut Heissenbüttel: Denkliteratur, Literatur der Buchstäblichkeit.




3. (-) 42 Punkte
CARLOS FUENTES: Unheimliche Gesellschaft. Sechs phantastische Erzählungen

Engel und Dämonen, Gespenster und Vampire treiben ihr Unwesen mit schönen Frauen und selbstbewussten Männern. Schmal ist der Grat, der Leben und Tod, Diesseits und Jenseits voneinander trennt. Das Unheimliche kommt mit leichtem Schritt, und das alltäglich Vertraute verliert den Boden unter den Füßen. Carlos Fuentes erzählt mit subtiler Grausamkeit und anspielungsreicher Ironie.
Sechs phantastische Erzählungen, sechs Variationen des Bösen. Die Mythen Mexikos bilden den Hintergrund dieser geheimnisvollen Geschichten, die auf einen ganz und gar unvorhersehbaren surrealen Show down zulaufen.
»Die Literatur ist eine Form des Exorzismus. Sie treibt die Dämonen aus, die wir in uns haben«, so Carlos Fuentes über sein Buch.




4. (3.) Punkte
WOLF HAAS: Das Wetter vor 15 Jahren

Seit fünfzehn Jahren studiert Vittorio Kowalski wie besessen das Wetter in einem fernen Alpendorf. Er kennt die Hoch-und Tiefwetterlagen eines jeden Datums auswendig, ist mit den täglichen Luftdruckschwankungen, Niederschlagsmengen und Sonnenscheindauern per Du. Eines Tages wird er mit diesem verrückten Spezialwissen sogar Wettkönig bei Wetten, dass ..?. Niemand kann sich diese Leidenschaft erklären. Nur in dem achthundert Kilometer entfernten Urlaubsort seiner Kindheit sitzt eine junge Frau vor dem Fernseher, die den schüchternen Wettkandidaten nach fünfzehn Jahren wiedererkennt. Anni war die Tochter der Zimmervermieter, Vittorio der Sohn der deutschen Urlaubsgäste. Die beiden Kinder verbrachten jeden Sommer gemeinsam – bis sie in ein Jahrhundert-Unwetter gerieten, das sie für immer trennte.
"So etwas hat die deutsche Literatur überhaupt noch nicht gesehen": Was die FAZ über Haas Krimis schrieb, gilt erst recht für diesen Liebesroman.
Mehr zu diesem Titel, inkl. Links zu Hör- und Leseproben, sowie Online-Rezensionen hier im Literaturblog




5. (-) 38 Punkte
ANGELA KRAUß: Wie weiter

Sonntagmorgen. In den Weiten des Dschungels vor dem Fenster erwachen die Zootiere. Der Schlafgefährte liegt noch in seinen Männerträumen. Auf dem Boden tappt ihr Kastanorka entgegen, ein Elefant, der in eine Schachtel paßt. Das Leben, die Liebe, die Zukunft. Wie weiter?
Früher war es immer von allein weitergegangen, als Zukunft nur ein anderes Wort für Märchen gewesen war. Bis zum Revolutionsherbst 1989, als die Geschichte sich überschlug und alles Vorstellbare Vergangenheit wurde. Die Zukunft gehörte nicht dazu. Läßt sie sich berechnen? Kann man vorbereitet sein? »Mit jedem meiner Liebesmenschen führe ich ein anderes Leben, eins von den vielen, die noch in mir bereitliegen. « – Leben als Zwiesprache mit »der weiten Welt ringsum, voller Tausendfüßler aller Art« und mit drei Liebesmenschen: mit Leo, dem damals, als es schon mal ganz falsch weitergegangen war, Amerika das Leben gerettet hat, mit Toma, der tatarischen Nomadin, die immer weiter gen Osten zieht, und mit dem Mann an ihrer Seite: »Eröffne ihm nur klar umrissene Ausschnitte deiner Sehnsucht. Halte das wahre Ausmaß deiner Erwartungen geheim. Es liegt jenseits seiner Möglichkeiten.« Das Leben, die Liebe, die große Geschichte – alles zieht Angela Krauß in den Zauber ihres neuen Prosakunststücks, aus ihm leuchtet jene Ahnung von Glück, die das Weitermachen beflügelt.




6. (-) 37
THOMAS STANGL: Ihre Musik

Leseprobe beim Verlag

Zwei Frauen, ihre Wohnung, ihr Stadtviertel und ihre Erinnerungen: das ist das Material, aus dem Thomas Stangl seinen zweiten Roman komponiert hat. Schauplatz ist die Leopoldstadt, geschichtsträchtiger Wiener Stadtteil, in dem Emilie und ihre Tochter Dora ihr ganzes Leben verbringen, bis zum Ende.
In einer überwältigenden Sprach- und Bilderflut, in der sich die Wirklichkeit ständig aufzulösen droht, beschwört Stangl einerseits eine bestimmte Topographie, ein Wien, das so überwältigend kaum je zu lesen war, andererseits die Zeit, das Vergehen der Zeit, die Vergangenheit, den schmerzlichen Verlust, den das ununterbrochene Voranschreiten der Geschichte bedeutet, ihr immergleiches Münden in den Tod. Das erzählende Ich erscheint wie ein Gespenst in den Kulissen des Realen, ein Gespenst, das durch seine übergroße Nähe zu den Personen das Unheimliche erzeugt und aus dem Geschichtsroman fast eine Geistergeschichte macht.
Wie in einem Taumel stürzen wir in die Erinnerungen und Vorstellungen der beiden Frauen hinein und drohen in ihnen verloren zu gehen. Hier ist Literatur mehr als eine wie gut auch immer geschriebene Geschichte:
Stangl ist ein einzigartiger Erforscher des Bewusstseins, ein Reisender in Bereichen, in denen nur die Literatur Ergebnisse zutage bringt – was er schon in seinem Debutroman Der einzige Ort bewies, der ihm den aspekte-Preis einbrachte und dazu einhelliges Kritikerlob: »eine Offenbarung!« (Roger Willemsen), »ein grandioser Roman« (FAZ), »kongenial« (NZZ).




7.-8. (5.) 36 Punkte
ERNST-WILHELM HÄNDLER: Die Frau des Schriftstellers

Der Ich-Erzähler steht sichtlich unter Schock: Als habe er einen Zusammenbruch erlitten, hockt er mitten in der Nacht unter der Dusche seiner Münchner Wohnung, das heiße Wasser droht, ihm die Haut zu verbrennen. Am Abend war er zufällig dem einflußreichen Literaturagenten T. begegnet, den er nie wieder hatte treffen wollen, sofort war die schlimmste Geschichte seines Lebens wieder hochgekocht.
T. hat vor einiger Zeit versucht, den Schriftsteller im Auftrag des renommierten Guggeis Verlags abzuwerben und ihm ein glänzendes Angebot gemacht. Das jedoch an eine seltsame Bedingung geknüpft war: Er sollte das neue Manuskript eines anderen Autors, Tonio Pototsching, selbst fertig schreiben. Als der Erzähler diesen ungewöhnlichen Auftrag schon ablehnen will, trifft er auf Laura, die Noch- oder Exfreundin Pototschings, und verliebt sich in sie. Und er nimmt er den dubiosen Auftrag an. Er ahnt nicht, daß er damit in eine bösartige Intrige hineingezogen wird, angezettelt von dem ungleich erfolgreicheren Schriftsteller und seinem Agenten. Eine Intrige, die ihn fast das Leben kostet, zumindest sein literarisches. Denn Pototsching unternimmt nichts weniger, als ihm seine eigene Biographie zu rauben. Im Glauben, Herr seiner Biographie zu sein, muß er tatenlos zusehen, wie Pototsching Besitz von seinem Leben ergreift, sich seine Kindheit aneignet und mit seiner Hilfe ein enthüllendes Buch verfaßt. Ein Roman über die Krise der Fiktion.




7.-8. (7.) 36 Punkte
BOTHO STRAUß: Mikado

Hörprobe beim SWR

"Zu einem Fabrikanten" - so beginnt eine Geschichte dieses Buches -, "dessen Gattin ihm während eines Messebesuchs entführt worden war, kehrte nach Zahlung eines hohen Lösegelds eine Frau zurück, die er nicht kannte und die ihm nicht entführt worden war." Zufall, Schicksal, Fügung? Die Kalendergeschichten, Märchen und Träume erzählen von Merkwürdigkeiten, die selten gut ausgehen, in denen die geringste Bewegung oftmals in einem katastrophalen Erdbeben endet. Wunderbare Erzählungen, die mit dem Zufall spielen, der Doppelbödigkeit und dem Unheimlichen.




9-. (2.) 35 Punkte
SILVIA BOVENSCHEN: Älter werden

Leseprobe beim Verlag

»Was tue ich hier? Geht es um die Rettung meines altgewordenen Ichs ? Was habe ich mit diesem Lügengespinst meiner erinnerten Ich-Legende zu tun? Bin ich das und nur das? Aus irgendeinem Grund benötigt mein Geist diese Kontinuitätsveranstaltung. Ich bin eine fragwürdige Erinnerungsgeschichte. Ich bin ein bündelndes rückkoppelndes Als-ob, das sich eine fragwürdige Erinnerungsgeschichte schafft, um dann aus ihr zu bestehen...«
»Älter werden« gibt persönlich erzählend, räsonierend und kommentierend einen Rückblick auf das gelebte Leben und einen Ausblick auf möglicherweise Kommendes. Diese erzählten Erinnerungen und gedanklichen Spiele fügen sich zu einem poetischen Bericht über eines der zentralen Themen unserer Zeit.




10. (-) 33 Punkte
FRIEDRICH CHRISTIAN DELIUS: Bildnis der Mutter als junge Frau

Leseprobe beim Verlag

Rom, an einem strahlend sonnigen Tag im Januar 1943: Eine junge Deutsche, die kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes steht, begibt sich auf einen Spaziergang in der ihr fremden Stadt. Ihr geliebter Mann, Pfarrer in der kleinen evangelischen Gemeinde, ist an die afrikanische Front versetzt worden, der Zeitpunkt seiner Rückkehr ungewiss. Trotz der verwirrend schönen Eindrücke und all der rätselhaften Dinge, die ihr auf ihrem Weg begegnen, ist sie mit jedem Gedanken bei ihm, der doch versprochen hatte, die "römischen Freuden" mit ihr zu teilen. Doch sie beginnt zu ahnen, dass der Krieg verloren gehen könnte. In dieser opulent sinnlichen Erzählung greift Friedrich Christian Delius seine eigene Familiengeschichte auf. Die junge Frau, die mit offenen Augen, bangem Herzen und nicht nachlassender Hoffnung durch die Ewige Stadt geht, ist seine Mutter. Ob es nun dieser autobiographische Bezug ist oder der Zauber Roms, die Ängste des Krieges oder die einfühlsam geschilderte Liebesgeschichte - dieses Buch entwickelt eine Sogkraft, der man sich kaum entziehen kann.
"Liebe in allen Formen, Gattenliebe, Mutterliebe, Heimatliebe, Nächstenliebe, liegt diesem makellosen, klassisch modernen Stück Prosa zugrunde, das nicht umsonst an den Schlussmonolog des 'Ulysses' mit seinem großen Lebens-Ja erinnert." (Gustav Seibt)

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