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Sonntag, März 04, 2007

Stephan Valentin: Weisse Eichen


Titel: Weiße Eichen / Stephan Valentin
Verfasser: Valentin, Stephan
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Nußloch : Pfefferkorn-Verlag
Erscheinungsjahr: 2007
Umfang/Format: 141 S. ; 205 mm x 115 mm
ISBN: 978-3-9807298-5-7
3-9807298-5-0
Einband/Preis: Ln. : EUR 14.90
Sachgruppe: Deutsche Literatur ; Belletristik


Ich ertappe mich, beim Lesen einen alten Charles-Aznavour-Titel zu summen. Nach einem Moment der Irritation erinnere ich mich an den Liedtext, und verstehe, warum er sich so penetrant in mein Bewusstsein drängt: »Tous les visages de l'amour«. Obwohl Stephan Valentin das Wort „Liebe“ nicht in den Mund nimmt, geht es in seinem neuen Roman »Weiße Eichen« um nichts anderes als diese unterschiedlichen Gesichter der Liebe.

Da ist Philipé, der seine Zeit im Knast nur durch die liebevollen Briefe seiner Freundin Ninas überstanden hat und der, kaum wieder draußen, merken muss, dass all seine Bezugspersonen, Nina voran, von ihm nichts mehr wissen wollen. Da ist Gerda, die mit ihrem dementen Mann in einer viel zu großen Villa lebt, die ihren Mann konsequent siezt und dabei fast zärtlich um ihn besorgt ist. Da ist Jacqueline, der Transvestit, gerade von einem Lover verlassen, einsam, resigniert. Das ist alles Liebe. Die Sehnsucht nach einem kleinen bisschen Liebe. Erst am Ende des Romans, bei den weißen Eichen, die aussehen wie dürre Gespenster, laufen einige der Erzählfäden zusammen.

15 Personen tauchen auf der Liste auf, die ich mir aus lauter Verzweiflung irgendwann angefertigt habe. Die meisten dieser Personen werden in dem 130-Seiten-Roman irgendwann zu Protagonisten, und erst allmählich – mit Hilfe der Liste, die aufgrund ihrer zahlreichen Querverweise immer mehr wie ein Mind-Mapping aussah – wurden die Verbindungen zwischen diesen Personen deutlich. Ohne die Liste wäre ich zeitweise aufgeschmissen gewesen. 15 Personen auf engem Raum mag beim Film funktionieren, wo Gesichter und Settings das Wiedererkennen erleichtern. Im Kurzroman, wo sie zunächst wenig mehr als isolierte Namen sind, die erst mit der Zeit an Kontur gewinnen, ist es eine ganze Menge.

Zugegeben: ich habe falsch angefangen zu lesen. Völlig unvorbelastet von Rezensionen nahm ich das Büchlein in die Hand und gab nach den ersten 20 Seiten auf. Die meist nur zwei bis drei Seiten langen Kurzkapitel sind mit den Namen der Protagonisten überschrieben, die nichts miteinander zu tun zu haben scheinen. Sie kommen als Miniaturen daher, als kurze Szenen aus dem Leben einzelner Menschen, als Momentaufnahmen. Sicher, sie sind gut geschrieben, voller sinnlicher Details, in kurzen, knappen Sätzen. Aber eben nicht mehr als schriftstellerische Etüden, weit entfernt von einer Verdichtung, wie sie etwa Hemingway als Zwischensequenzen von „In unserer Zeit“ erreichte. Kein Grund, mich dem weiter auszusetzen.

Mehr aus professionellem Ehrgeiz startete ich dann an einem Sonntagnachmittag einen zweiten Anlauf. Diesmal mit Papier und Stift bewaffnet, mit einer Kanne Earl Grey neben mir, las ich das Buch in einem Zug. Und ich denke, dies ist die einzig sinnvolle Art, dieses Buch zu lesen. Die zahlreichen puzzleartigen Querverweise zwischen den Kapiteln funktionieren nur, wenn sie zeitlich nah konsumiert werden. Dann erst wird aus dem verliebten Pärchen im Park Ludwig und Theresa, aus dem alten Mann, der etwas verloren am Straßenrand steht, Johann. Als dies zu entdecken, macht Spaß. Es zeugt von der Fähigkeit des Autors, ein kleines Universum zu schaffen. Aber es ist viel für einen Nachmittag. Ich rate dringend zum Anlegen einer Liste.

Der Autor Stephan Valentin, oder vielleicht auch nur der Verlag, bezeichnen das Werk als „Shortcut-Roman“, in Anlehnung an Robert Altmans gleichnamigen Film: »Shortcuts, kurze Momentaufnahmen, Standbilder, Überblendungen und Retrospektiven… Aus diesen kleinen Sequenzen und Episoden entsteht so ein Roman, in dem alle Figuren gleichberechtigt sind und durch ihr schlichtes Mensch-Sein bezwingen.« Ob er damit ein neues Genre in der Literatur etablieren kann, bleibt fraglich. Der Versuch erinnert mich an Sartres Romantetralogie „Die Wege der Freiheit“, in der der Autor die Technik der filmischen Überblendung konsequent zur Überleitung der einzelnen Sequenzen benutzt. Sicher originell, aber so anspruchsvoll in der Konstruktion, dass der Verlag bei späteren Auflagen dazu über ging, die einzelnen Episoden durch deutliche Absätze voneinander zu trennen, um das Lesen ein wenig zu erleichtern. Bei Stephan Valentin nun liegt der Verdacht nahe, er habe beim Konstruieren von „Weiße Eichen“ bereits das Drehbuch im Kopf oder in der Hinterhand. Oder er schiele auf eine Verfilmung.

Das ist so abwegig nicht. Zum einen wird sein Erstling „Der Ameisenfeind“ derzeit verfilmt – und das ist für Autoren immer eine veritable Einnahmequelle. Zum anderen schreibt Valentin selbst regelmäßig Drehbücher für die ZDF-Serie "SOKO 5113". Er kennt sich also im Plotten von Filmen bestens aus. Aber Romane funktionieren eben nur zum Teil mit den Erzählstrukturen von Filmen. Oder anders herum: dieser Roman funktioniert eben nur dann, wenn er wirklich wie ein Film in einem Rutsch gelesen – und die Dichte nicht durch Lesepausen unterbrochen wird. Zu minimalistisch sind die Anspielungen und Querverweise, als dass sie über längere Strecken im Gedächtnis blieben.

Das andere Problem des Romans ist seine Beliebigkeit. Die Figuren und ihre Probleme haben die Größe von Daily-Soap-Episoden. Zwar kreisen sie alle wie in Richard Curtis’ Episodenfilm „Tatsächlich… Liebe“ um das Thema Liebe, sind aber so alltäglich, dass sie beim Lesen keine nachhaltige Wirkung entfalten. Die Protagonisten sind frei von dramatischen Zielen, und so erübrigt sich jede Chance des Mitgehens oder gar Mitfieberns. Ich beobachte sie einen Moment lang beim Leben, weniger mit dem Sog der Altman-Shortcuts denn der gepflegten Beliebigkeit eines „Big-Brother“-Zusammenschnitts. Es bleibt der Charme eines Sonntagnachmittag-Puzzles. Am Ende ist auch das letzte Teil an der richtigen Stelle platziert. Ich schaue mir das Ergebnis noch einmal an, befriedigt, es zusammengesetzt zu haben, und lege es zurück in den Karton. Um es für immer zu vergessen.

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