SWR Bestenliste Juni 2007
1. (5.) 73 Punkte
PETER KURZECK: Oktober und wer wir selbst sindRoman.Stroemfeld Verlag mittelschwere Lektüre Oktober und wer wir selbst sind, das neue Buch der großen autobiographisch-poetischen Chronik von Peter Kurzeck, geht zurück in das Jahr 1983. Es ist für den Erzähler die Zeit vor der Trennung, vor der »neuen Zeitrechnung«, die 1984 beginnt. Wieder Oktober. Du kommst aus dem Haus. Am Morgen, noch früh. Die Straße ist naß. Du kommst aus dem Haus und mußt stehenbleiben, so riecht es nach Herbst. Das abgefallene Laub. Gerade eben hast du aus der Nacht deinen Traum noch gewußt und jetzt ist er weg. Du spürst noch, wie er sich entfernt. Ein Luftzug, ein Vorhang, der sich bewegt. Flügel, die sich sacht regen, die Schatten von Flügeln, und dann ist er gegangen. Weg für immer. Die Tür fällt hinter dir zu. Man kommt aus dem Haus. Das Leben ist fremd. Schon Herbst? Der Erzähler geht mit Frau und Kind hinter Bockenheim am Bahndamm entlang. Immer auf den Horizont zu und mit den Augen die Ferne suchen. Überall Kinder. Lassen Drachen steigen. Müssen rennen im Wind. Aber wo sind die Indianerwiesen hin, die noch kürzlich hier waren? Das Jahr 1983. Ein Frankfurter Herbst, durch den wir gehen, als sei es ein einziger langer Tag. Man geht und denkt, man weiß genau, wer man ist ? und dann kommt man abends heim und das Telefon klingelt. Sein Freund Jürgen. Er ruft aus Frankreich an, aus Barjac, einer Kleinstadt weit im Süden. Dort hat er mit Pascale, die er liebt, ein winziges Restaurant, ein Restaurant mit drei Tischen. Der Erzähler am Telefon und sieht alles vor sich. »Oktober und wer wir selbst sind. Neun Jahre mit Sibylle. Ein Kind und mein drittes Buch angefangen. Nachts hört man Züge fahren. Oktober und daß wir jetzt hier sind, sagst du dir. Zum Verwundern. Und mit einem jähen schmerzhaften Stich (das spürst du am Herz): Daß nichts bleibt und wir auch nicht! Schächtelein sagt Carina zu den Lackkästchen. Kleiner als Bierdeckel und Zigarettenschachteln die Bilder mit den Flüssen, die groß wie der Himmel sind. Und manche Tage, besonders im Sommer, ist hier vor dem Laden und ringsum in allen Straßen so ein helles Licht. Überall in der Stadt und weit in das Land hinaus dieses Licht. Nicht nur die Vororte, Großbaustellen und Autobahnabfahrten ? die ganze Mainebene, Taunus, Wetterau, Spessart, Odenwald, Bergstraße. Weithin das Licht und du mußt eine Weile stehen bleiben und es dir für immer merken. Und wenn du dann weitergehst in diesem Licht, dann kommt dir vor, es ist das gleiche Licht wie auf den kleinen Bildern. Der Abglanz des Abends. Bilder, die nur aus kaum drei Strichen bestehen, also hauptsächlich Licht auf den Bildern. Wie kostbare Seide das Licht, wie sehr heller Tee. Darjeeling. Das gleiche Licht, in dem du manchmal am Abend müd heimgehst. Und einmal, das weißt du, einmal wirst du in so einem Licht aus der Stadt hinaus. Zu Fuß. Wie ein Wanderer auf einem Bild. Vielleicht als Kind einmal so ein Bild gesehen und den Wanderer auf dem Bild. Und ihm lang nachgesehen, weil er vorher mit dir gesprochen hat und dir zugenickt, bevor er dann weiterging in das Bild hinein. Aber kein Licht jetzt. Die Scheibe beschlagen. Nebel und Dämmerung. Und immer wieder große und kleine Monde an der Scheibe vorbei. Immer andere. Langsam. Halbmonde, Monde und Nebelsonnen. Einmal der Tee noch zu heiß. Einmal trinkst du ein Glas und gleich bleibt die Zeit stehen. Gleich auch so eine Nähe zu dir selbst. Du trinkst drei-vier Gläser in kaum fünf Minuten. Und stehst da, noch eben dein ganzes Leben im Gedächtnis und jetzt fällt nichtmal dein Name dir ein. Wer bin ich? Und warum hier? Wie die Wandbehänge, Götter, Kerzenständer und Seidenkimonos leuchten. Du stehst, du suchst dich. Suchst in deinem Gedächtnis und dann kann dir geschehen, daß dir vorkommen will, daß dein Leben, dein eigenes unwiderrufliches Leben in vielen Bildern und Bilderfolgen hier auf den Wandbehängen und Kimonos dargestellt ist. Und auch in den Rätseln und Ornamenten auf den Teebüchsen, die dich blenden. Jetzt nicht, ein andermal wirst du dir das alles ansehen und jede Einzelheit wiedererkennen. Bild um Bild. Mit brennenden Augen. So stehst du und mußt auf dich einreden und horchst auf deine Gedanken. Wie mein Herz klopft! Und dann erst merkst du, wie müde du bist. Wie die Tage dröhnend vorbeigestürzt sind.« (Verlagstext) |
2. (-) 64 Punkte
WERNER BRÄUNIG: RummelplatzRoman. Herausgegebenvon Angela Drescher. Aufbau Verlag mittelschwere Lektüre Der berühmteste ungedruckte Roman der Nachkriegszeit. Eine literarische Sensation: nach 40 Jahren erstmals veröffentlicht. Schlimmer als die Ruinen sind kurz nach Kriegsende die Entwurzelung und der desolate Zustand der Menschen. In der "Wismut", dem riesigen Abbaubetrieb für Uranerz, treffen sie aufeinander, die Heimkehrer und Glücksritter, deutsche Bergleute und sowjetische Schachtleitung. Dieser Staat im Staate spiegelt die Situation in der einen deutschen Republik, den verbissenen Aufbauwillen ebenso wie sich abzeichnende Fehlentwicklungen, die im 17. Juni 1953 kulminieren. Werner Bräunig schlägt in seinem Roman den Bogen vom Erzgebirge bis zum Rhein. Dieses großartige Panorama des Nachkriegsdeutschlands vermittelt ein so ungeschminktes Bild der frühen Jahre, daß der Roman in die Kritik von Ulbricht und Honecker geriet und nicht veröffentlicht werden konnte. Was der verbotene DEFA-Streifen "Spur der Steine" für den Film darstellte, ist "Rummelplatz" für die Literatur. In keinem anderen Roman sind die Gründerjahre in Ost und West so ungeschönt und dabei literarisch gelungen dargestellt. Nun wird er erstmals vollständig publiziert. Leseprobe bei Weltbild.de ansehen |
3. (-) 59 Punkte
NICOLAS BORN: Briefe 1959-1979Herausgegeben von Katharina Born.Wallstein Verlag leichtere Lektüre Der früh verstorbene Autor auf dem Weg zu einem Klassiker der Nachkriegsmoderne. Nach den Gedichten jetzt die Briefe und Briefwechsel: mit Peter Handke, Günter Kunert, F.C. Delius, Günter Grass, Rolf Dieter Brinkmann, Dieter Wellershoff, ... Hörprobe beim SWR anhören |
4. (2.) 40 Punkte
CORMAC McCARTHY: Die StraßeRoman. Deutsch von Nikolaus Stingl.Rowohlt Verlag mittelschwere Lektüre Ein Vater und sein Sohn wandern durch ein verbranntes Amerika. Nichts bewegt sich in der zerstörten Landschaft, nur die Asche im Wind. Es ist eiskalt, der Schnee grau. Ihr Ziel ist die Küste, obwohl sie nicht wissen, was sie dort erwartet. Sie haben nichts als einen Revolver mit zwei Schuss Munition, ihre Kleider am Leib, eine Einkaufskarre mit der nötigsten Habe ? und einander. ?Die Straße? ist die bewegende Geschichte einer Reise, die keine Hoffnung lässt, nur die verzweifelte Liebe des Vaters zu seinem kränkelnden Sohn. Von der US-amerikanischen Kritik als ?Meisterwerk? (Booklist) und als ?das dem Alten Testament am nächsten kommende Buch der Literaturgeschichte? (Publishers Weekly) apostrophiert, ist dies der Höhepunkt von McCarthys außergewöhnlichem literarischem Werk. Hörprobe beim SWR anhören Rezensionen beim Perlentaucher lesen |
5. (6.) 31 Punkte
JEAN ECHENOZ: RavelRoman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel.Berlin Verlag leichtere Lektüre In Frankreich ein riesiger Erfolg: Echenoz? Roman zeichnet die letzten zehn Jahre im Leben des französischen Komponisten Maurice Ravel nach. »Der immense Erfolg seines Ravel bestätigt, dass auch ein anspruchsvoller Schriftsteller vom großen Publikum geliebt werden kann.« Magazine Littéraire Alles ist von ihm da: seine 60 Hemden, 20 Paar Schuhe und 75 Krawatten in der Luxuskabine der France, die ihn nach Amerika bringt, auf dem Gipfel des Ruhms die triumphale viermonatige Tournee 1928, Carnegie Hall, Boston, Detroit, Milwaukee, Seattle, die 53. Geburtstagsfeier mit Gershwin, Hollywood mit Douglas Fairbanks und Chaplin, in Wien der kriegsversehrte Paul Wittgenstein, für den er das Konzert ?Für die linke Hand? komponiert, der gefeierte, aber introvertierte Dandy an den mondänen Orten der Welt, seine Schlaflosigkeit, die ohne Ende gerauchten Gauloises, seine Manie, nicht ohne Lackschuhe auftreten zu können, der griesgrämige, allein lebende Sonderling, der geniale Musiker, seine notorische Vergesslichkeit, die ihm vom König von Rumänien noch verziehen wird, aber an seinem tragischen Ende muss er nach dem Namen des Komponisten seines ?Streichquartetts? fragen, und die Welt kommt ihm abhanden, bis er 1937 an einer Gehirnkrankheit stirbt ? all dies sind biographische Elemente, recherchierte Zeugnisse, aber alles zusammen ist es alles andere als eine Biographie. Sondern ein funkelnder ?Echenoz?, dessen fiktiver Held den Namen eines der berühmtesten französischen Komponisten des 20. Jahrhunderts trägt: Maurice Ravel. (Verlagstext) Leseprobe beim Verlag ansehen Rezensionen beim Perlentaucher lesen |
6. (-) 30 Punkte
NATASHA RADOJCIC: Halids HeimkehrRoman. Aus dem Amerikanischenvon Friederike Meltendorf. Berlin Verlag leichtere Lektüre »Wie beunruhigend nah vieles beieinander liegt: Liebe und Aggression, Zärtlichkeit und Schmerz, Moral und Verkommenheit.« Neue Zürcher Zeitung Als Halid, ein junger muslimischer Soldat, am Ende des Krieges in seine Heimat zurückkehrt, findet er nichts mehr vor, wie es einmal war. Zwar blieb das Dorf von den schlimmsten Verwüstungen verschont, doch hat sich jedes Zusammenleben von Grund auf geändert. Nachbarn sprechen kein Wort mehr miteinander, ethnisches Ressentiment drängt sich in jede Beziehung. Halid weicht vor dieser altvertrauten fremden Welt zurück. Ruhelos durchstreift er die Straßen, schaut durch die Fenster, beginnt in der Dorfkneipe zu zechen. Sogar seine Mutter meidet er. Doch dann begegnet er Mira, seiner Jugendliebe, die er Hals über Kopf verlassen hatte und die später seinen besten Freund heiratete. Er trifft eine Entscheidung, die ihn unausweichlich dem Hass und der Verachtung der zerrissenen Gemeinschaft aussetzt. Halids Heimkehr wurde in den USA mit Hemingways Fiesta und García Márquez? Chronik eines angekündigten Todes verglichen. In kraftvoll-präziser Sprache zeigt Natasha Radojcic die verheerenden Auswirkungen, die Krieg und Gewalt auf die menschliche Seele haben. Ein erschütterndes Porträt einer für immer veränderten Welt. (Verlagstext) "Was als Heimkehrergeschichte beginnt, verwandelt sich zur Chronik eines angekündigten Todes. ? Genau besehen ist es eine alte Geschichte, die hier erzählt wird. Doch sie gelingt so gut, dass es scheint, als läse man sie zum ersten Mal." (Eberhard Falcke) Hörprobe beim SWR anhören Rezension beim Perlentaucher ansehen |
7. (10.) 28 Punkte
PAUL WÜHR: Dame GottCarl Hanser Verlagschwierigere Lektüre Zum 80. Geburtstag Paul Wührs ein Gedichtband der letzten Fragen: nach dem Ursprung der Schöpfung, nach dem Anfang des Dichtens. Eine poetische Geschichte der Gottessuche, die den Herrn in eine Dame verwandelt. Leseprobe beim Verlag ansehen |
8. (-) 25 Punkte
SJÓN: SchattenfuchsRoman. Aus dem Isländischenvon Betty Wahl. S.Fischer Verlag leichtere Lektüre Island im Winter 1883. Eine Frau ist gestorben und ein Mann geht auf die Jagd. Abba wird zu Grabe getragen, aber Friðrik will sie nicht dem Pastor überlassen. Denn der hütet ein dunkles Geheimnis und verfolgt in der eisigen Landschaft eine Füchsin, pirscht im Schneesturm an ihren Schatten heran. In einer poetisch klaren Sprache ertastet Sjón den schmalen Grat von Mensch und Natur und entführt uns in eine mythische Zwischenwelt am Rande des Polarkreises, wo an den existentiellen Abgründen der Mensch zeigt, wer er wirklich ist. Sjón ist der innovativste und aufregendste Autor Islands, für »Schattenfuchs« erhielt er 2005 den Literaturpreis des Nordischen Rates. Er hat für Lars von Trier und Björk geschrieben, sein neuer, schmaler Roman erzählt von einer Jagd, vom Jagdfieber, von der Verwandlung des Jägers in ein besonnenes Tier. Und vom Tod der Tochter und dem Unwillen, sie der Kirche zu überlassen. Leseprobe beim Verlag lesen Rezensionen beim Perlentaucher lesen |
9. (8.-9.) 23 Punkte
HANS-JOACHIM SCHÄDLICH: VorbeiDrei ErzählungenRowohlt Verlag mittelschwere Lektüre Der Schriftsteller Stevenson, der Kunsthistoriker Winckelmann, der Komponist Rosetti. Drei Künstlererzählungen um finanzielle Not und den denkbar schlechtesten Augenblick des Todes: TUSITALA: Auf dem Schiff, mit dem der niederländische Admiral Roggeveen 1721 aufbrach, um das Südland zu finden, reist der schottische Arzt Dr. Clark mit Freunden und Verwandten des Dichters nach Samoa, er will Robert Louis Stevenson besuchen. Ereignisse des 19. und des 18. Jahrhunderts spiegeln sich geheimnisvoll ineinander. TORNIAMO A ROMA: Winckelmann in Italien. Auf dem Vesuv "brieten wir Tauben an dem feurigen Flusse und nahmen unsere Abendmahlzeit nackt ein". CONCERT SPIRITUEL: "Stationen im Leben des Komponisten Antonio Rosetti ? sein Requiem wurde bei der Trauerfeier für Mozart in Prag aufgeführt ? in Wallerstein, Ludwigslust und leider nur beinahe in Berlin." Hörprobe beim SWR anhören Rezensionen beim Perlentaucher lesen |
10.-12. (-) 21 Punkte
MAX GOLDT: QQRowohlt.Berlin Verlagleichtere Lektüre "Kennen Sie nicht QQ? Das steht für "quiet quality" - stille Güte. Ein neues Schlagwort aus den USA für alles, was nicht schreit und spritzt." So hieß es schon im letzten Buch von Max Goldt. Umsichtiger Schriftsteller, der er ist, hat er damit das Grund- und Hauptmotiv seines neuen Buches angekündigt: «MODERATOR: Warum legen eigentlich heute so viele Frauen Wert darauf, möglichst gemein zu sein? Jede noch so biedere Seriendarstellerin sagt im Fernsehen, dass sie am liebsten ?bitterböse? sei, und selbst meine gute Mutter liest nur noch Bücher, in denen Frauen ihre Gatten im Schornstein einmauern. PETRA HIPPROTH (Krimiautorin): Ach, das sind halt ins Ritualhafte abgedriftete Überbleibsel eines einstmals berechtigten Widerstands gegen das Postulat des Sanften. Alter Käse, streng genommen. Das wird sich schon wieder beruhigen. Ich bewege mich schon seit längerem davon weg, ich verspüre mehr so einen Drall in Richtung QQ. Leseprobe beim Verlag ansehen Rezensionen beim Perlentaucher lesen |
10.-12. (-) 21 Punkte
ANNETTE MINGELS: RomantikerGeschichten von der LiebeDuMont Verlag leichtere Lektüre »Annette Mingels vermag die altvertrauten Geschichten wie neu zu erzählen. Stück für Stück entlockt sie ihren Figuren immer neue Geheimnisse.« Volker Hage, Der Spiegel Simon und Simone sind Zwillinge, doch sie haben einander nie kennen gelernt. Als Simon die verlorene Schwester ausfindig macht, treffen sie sich in London und werden vom Gefühl überwältigt, zueinander zu gehören. Es fühlt sich an wie Liebe ? oder wie Begehren. Simone reist ab, doch bald darauf steht ihr Bruder vor der Tür und verlangt, hereingelassen zu werden. Soll sie öffnen? Ihre Romane haben Annette Mingels als Meisterin der psychologischen Beobachtung bekannt gemacht, die mit »vibrierender Spannung« (Deutschlandfunk) die Mechanismen der Liebe aufdeckt. Sie beherrscht die Kunst, ihre Figuren schonungslos einander auszuliefern. In ihren Geschichten spitzt Annette Mingels diese Gabe eindrucksvoll zu: Mit größter Intensität erzählt sie von der Liebe und ihrer Unmöglichkeit. Sie erzählt vom Chaos der Geschlechter, von Lüge und Geheimnis, vom Verlangen und von dem, was Liebe anrichtet ? illusionslos, fesselnd, verführerisch.Für ihre Erzählungen erhielt Annette Mingels zahlreiche Auszeichnungen. »Annette Mingels erzählt heiter und melancholisch zugleich von dem Alltäglichen, dessen Grausamkeit im Detail liegt.« Kulturspiegel Leseprobe beim Verlag ansehen Hörprobe beim SWR anhören Rezensionen beim Perlentaucher lesen |
10.-12. (-) 21 Punkte
MARTIN WALSER: Das geschundene Tier> Neununddreißig BalladenZeichnungen von Alissa Walser. Rowohlt Verlag mittelschwere Lektüre ?Mir wächst keine Blume im Mund?, heißt es in einer der 39 Balladen vom täglichen Leben mit dem Schmerz. Die Rede ist vom Schmerz eines Stürzenden, Geschundenen, Verletzten, der sagt: ?Würf ich jetzt ein Blatt ins Wasser/ spränge drauf, es trüge mich, ich/ schwämme davon. So aber geh ich/ unter auf dem festen Land.? Es sind zarte, dunkle Balladen von nur wenigen Zeilen Länge, aber ihre tragischen Themen sprechen für sich: das Hadern mit Dummheit und Leere, Lüge und Hass, die Klage über Unverständnis, Feindseligkeit und Folter, das Ringen mit dem Stolz, der Finsternis, der Scham. Sehnsüchte, Wünsche werden laut und verstummen gleich wieder. Am Ende jedoch - ein Aufblitzen von Helligkeit - weiß das lyrische Ich seinen Namen, trägt es ?den Mond im Geweih?. Diese Sammlung nach 1998 entstandener Gedichte, ergänzt durch einfühlsame Zeichnungen von Alissa Walser, gehört zum Persönlichsten, das Martin Walser bisher vorgelegt hat. Eine Verneigung vor dem Jubilar! (Verlagstext) Rezensionen beim Perlentaucher lesen |
Labels: Literaturbetrieb

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