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Montag, Oktober 22, 2007

Julia Franck: Die Mittagsfrau


Gebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Fischer (S.), Frankfurt; Auflage: 1 (2007)
ISBN-10: 3100226003
ISBN-13: 978-3100226006

Die Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2007 ist Julia Franck; sie erhält die Auszeichnung für ihren Roman Die Mittagsfrau (S. Fischer). „Vor dem Hintergrund zweier Weltkriege erzählt Julia Franck die verstörende Geschichte einer Frau, die ihren Sohn verlässt, ohne sich selbst zu finden. Das Buch überzeugt durch sprachliche Eindringlichkeit, erzählerische Kraft und psychologische Intensität. Ein Roman für lange Gespräche“, so die Begründung der sieben Jury-Mitglieder.
Aber wie immer sagt der Preis wahrscheinlich mehr aus über die Jury als über das Buch selbst. Francks Sätze sind lang, teilweise ein wenig unorthodox unterteilt (oder in neuster deutscher Interpunktion, wer kennt schon den Unterschied). Gelegentlich verzichtet sie auf den Punkt, um sich mit einem Komma zu begnügen. Dies wirkt eher artifiziell als künstlerisch. Vielleicht noch als Reminiszenz an die Literatur jener zwanziger Jahre, wenn auch als unglückliche. Absätze findet sie überflüssig, sie teilt nur grob ihre Handlungsabschnitte damit ein, so dass ihre Absätze gern einmal über eine komplette Seite reichen. Damit wird das Lesen ein wenig anstrengender, für das Auge sind weniger Ruhepunkte auszumachen. Darüber hinaus neigt sie zur indirekten Rede. Das fördert zwar auch nicht unbedingt den Lesefluss, wirkt aber immer gut für die Literarkritik.
Diesen pseudo-literarischen Stil gleicht Franck damit aus, dass ihre Sprache bildreich, beobachtend ist. Wer sich durch den sprunghaften Text durcharbeitet, findet facettenreiche Bilder, die sich leicht festsetzen. Damit macht sie das Lesen zu einem visuellen Ersatz-Erleben, zu einem Fotoalbum, mit dem sie ihre Handlungsfäden illustriert. Diese Art des Beschreibens ist nicht neu, aber bewährt.
Inhaltlich haben wir es mit einem Entwicklungsroman zu tun, der in der Tradition der neuen deutschen Frauenliteratur steht. Wir begleiten Helene, die gegen den Trend der Zeit (zwischen dem ersten und dem zweiten Weltkrieg) Medizin studieren will, und sich damit gegen den Zeitgeist und die Wertvorstellungen der Männerwelt durchsetzt. Wir begleiten sie ebenso durch ihre diversen Beziehungen und ihre scheiternde Ehe. Nun allein mit ihrem Kind, einem Jungen, fühlt sie sich hoffnungslos überfordert. Und sie tut, wovon viele Eltern zuweilen insgeheim träumen, ohne es je in die Tat umzusetzen: sie geht mit ihm zum Bahnhof, lässt das Kind dort stehen und entschwindet in eine neue, scheinbar schwerelose Zukunft.
Dies ist der eigentliche Kunstgriff des Romans, der mit der Tat des Aussetzens beginnt und dem zunächst vorherrschenden Unverständnis des Lesers nach und nach in Rückblenden begegnet. Das sie damit den in manchen Rezensenten-Kreisen noch immer favorisierten eliptischen Erzählstil nutzt, mag als zusätzliches Kriterium für die Jury des Deutschen Buchpreises gegolten haben. Und durch den Ausgangs- und Schlusspunkt mag auch die nötige Kontroverse angeregt werden, von der es in der Jury heißt, sie sei ausschlaggebend für die Verleihung. Ob dies aber nicht nur ein billiger Trick der Autorin ist, einerseits dem geheimen Wunsch vieler Eltern Ausdruck zu verleihen und andererseits dadurch, dass sie ausmalt, was andere nur in Momenten der Verzweiflung wünschen, eben jene Kontroverse zu entzünden?

Leseprobe Julia Franck: Die Mittagsfrau - auf der Homepage der Autorin lesen
Hörprobe Julia Franck: Die Mittagsfrau - beim Fischer-Verlag anhören

Interview mit Julia Franck - in der Zeit online lesen
Video-Interview mit Julia Franck - beim HR ansehen

Rezensionen finden Sie bei: faz, faz (Glosse), Frankfurter Rundschau, Der Standard, Süddeutsche Zeitung, taz, , Deutschlandradio (auch als mp3-Audio), Titel-Forum

Eine zusammenfassende Übersicht verschiedener Rezensionen finden Sie wie immer auch beim Perlentaucher.

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