Jan Kott: Shakespeare heute
Autor: Jan Kott
Titel: Shakespeare heute
Broschiert: 386 Seiten
Verlag: Alexander Verlag; Auflage: Erw. N.-A. (April 2002)
ISBN-10: 3923854463
ISBN-13: 978-3923854462
Kein neues Buch, aber ein durchaus lesenswertes. Im Verlagstext steht, es gebe wenig kritisch-essayistische Bücher, die das Theaterleben unserer Zeit so nachhaltig beeinflußt haben wie dieses. Es fällt mir schwer, dies zu verifizieren. Sofort denke ich an Stanislawski oder Peter Brook. Letzterer hat selbst viel veröffentlicht, hat aber auch ein Vorwort für Jan Kotts "Shakespeare heute" geschrieben:
«Kotts Existenz führt einem plötzlich vor Augen, wie selten es ist, daß ein Gelehrter oder ein Interpret irgedwelche Erfahrungen von dem gemacht hat, was er beschreibt. Es ist ein beunruhigender Gedanke, daß der größte Teil der Kommentare, die Shakespeares Leidenschaften und seine politischen Vorstellungen betreffen, von weltabgeschiedenen, behüteten Gestalten hinter efeubewachsenen Mauern ausgebrütet werden.
Im Gegensatz dazu ist Kott ein Elisabethaner. Wie für Shakespeare und für Shakespeares Zeitgenossen ist für ihn die Welt des Fleisches und die Welt des Geistes unteilbar. Beide existieren auf schmerzhafte Weise in ein und demselben Körper: der Dichter hat die Füße im Schlamm, den Blick in den Sternen und einen Dolch in der Hand. Jeder lebendige Prozeß ist unleugbar durch Widersprüche gekennzeichnet. Es gibt ein allgegenwärtiges Paradox, das nicht diskutiert, sondern gelebt werden muß: die Dichtung ist eine ungezähmte Magie, die die Gegensätze miteinander verschmilzt.»
Jan Kott war Poet, Übersetzer, Theater- und Literaturkritiker. Er galt als einer der besten polnischen Essayisten. Seine Interpretationen sind nicht nur Erfindungen eines besessenen Literaturwissenschaftlers, sondern spiegeln direkt seine eigenen persönlichen Erfahrungen wider. Kott ist mittlerweile tot. Er starb 2001 in in Santa Monica. Geboren wurde er 1914 in Warschau, studierte zunächst Jura, dann Französisch.
Während des Zweiten Weltkriegs oft in Lebensgefahr, arbeitete Kott wissenschaftlich, schrieb und war politisch im Untergrund aktiv. Die deutsche Besatzungszeit überlebten Kott und seine Frau Lidia dank der Hilfe ihrer Freunde. Jan Kott, seit 1949 Professor für Literaturwissenschaft, u. a. in Warschau, engagierte sich als Publizist, Feuilletonist und Theaterkritiker. Im Jahre 1964 unterschrieb er den berühmten Brief der 34 Intellektuellen gegen die Zensur und die Einschränkungen der kreativen Freiheiten. Für Shakespeare heute erhielt er ein Jahr später den Herderpreis, das Buch wurde in etwa 30 Sprachen übersetzt und erweckte internationales Aufsehen.
«Die deutsche Übersetzung des TitelsShakespeare heute hat (im Gegensatz zur engl. oder franz. Ausgabe) die Gelegenheit, Shakespeare zu unserem Zeitgenossen, zum (Zeit-) Genossen Shakespeare, zu machen verpaßt, was schade ist. Denn der eigentliche Sinn des Buches von Kott könnte auf einen Titel wie Genosse Shakespeare reduziert werden, in jenem Sinne, den nur die vollkommen verstehen können, welche im Kommunismus gelebt haben. Das Buch, welches in den Jahren geschrieben wurde, in denen sich die totalitären Gesellschaften konsolidierten, bringt alles, was in Shakespeares Schauspielen dem Bösen des Totalitarismus gleichgestellt werden kann, zum Vorschein: mißbräuchliche Verurteilungen, Torturen, zunehmende Zerstörung des moralischen Kerns im Menschen, Vertreibung jener, die die Wahrheit sagen, Beförderung der Schmeichler, Furcht, Terror und besonders der Machtrausch, die alles zerstörenden Mechanismen der Macht,die Macht der Macht, die selbstverständlich unglückbringend ist. Es war zu beweisen, daß Shakespeare ein Schauspieldichter sein könnte, der um das Jahr 1960 im Haus nebenan wohnt oder als Nachbar im 3. Stock, der im Bühnenbild seiner Epoche zeigt, was jeder Mensch in Polen oder in Rumänien in dieser Zeit durchlebt.»
aus: N.E.C. Yearbook 1997-1998; S. 294f
Leseprobe (Vorwort) auf glanzundelend.de lesen
Leseprobe 2 bei der Bühne Graz lesen
Titel: Shakespeare heute
Broschiert: 386 Seiten
Verlag: Alexander Verlag; Auflage: Erw. N.-A. (April 2002)
ISBN-10: 3923854463
ISBN-13: 978-3923854462
Kein neues Buch, aber ein durchaus lesenswertes. Im Verlagstext steht, es gebe wenig kritisch-essayistische Bücher, die das Theaterleben unserer Zeit so nachhaltig beeinflußt haben wie dieses. Es fällt mir schwer, dies zu verifizieren. Sofort denke ich an Stanislawski oder Peter Brook. Letzterer hat selbst viel veröffentlicht, hat aber auch ein Vorwort für Jan Kotts "Shakespeare heute" geschrieben:
«Kotts Existenz führt einem plötzlich vor Augen, wie selten es ist, daß ein Gelehrter oder ein Interpret irgedwelche Erfahrungen von dem gemacht hat, was er beschreibt. Es ist ein beunruhigender Gedanke, daß der größte Teil der Kommentare, die Shakespeares Leidenschaften und seine politischen Vorstellungen betreffen, von weltabgeschiedenen, behüteten Gestalten hinter efeubewachsenen Mauern ausgebrütet werden.
Im Gegensatz dazu ist Kott ein Elisabethaner. Wie für Shakespeare und für Shakespeares Zeitgenossen ist für ihn die Welt des Fleisches und die Welt des Geistes unteilbar. Beide existieren auf schmerzhafte Weise in ein und demselben Körper: der Dichter hat die Füße im Schlamm, den Blick in den Sternen und einen Dolch in der Hand. Jeder lebendige Prozeß ist unleugbar durch Widersprüche gekennzeichnet. Es gibt ein allgegenwärtiges Paradox, das nicht diskutiert, sondern gelebt werden muß: die Dichtung ist eine ungezähmte Magie, die die Gegensätze miteinander verschmilzt.»
Jan Kott war Poet, Übersetzer, Theater- und Literaturkritiker. Er galt als einer der besten polnischen Essayisten. Seine Interpretationen sind nicht nur Erfindungen eines besessenen Literaturwissenschaftlers, sondern spiegeln direkt seine eigenen persönlichen Erfahrungen wider. Kott ist mittlerweile tot. Er starb 2001 in in Santa Monica. Geboren wurde er 1914 in Warschau, studierte zunächst Jura, dann Französisch.
Während des Zweiten Weltkriegs oft in Lebensgefahr, arbeitete Kott wissenschaftlich, schrieb und war politisch im Untergrund aktiv. Die deutsche Besatzungszeit überlebten Kott und seine Frau Lidia dank der Hilfe ihrer Freunde. Jan Kott, seit 1949 Professor für Literaturwissenschaft, u. a. in Warschau, engagierte sich als Publizist, Feuilletonist und Theaterkritiker. Im Jahre 1964 unterschrieb er den berühmten Brief der 34 Intellektuellen gegen die Zensur und die Einschränkungen der kreativen Freiheiten. Für Shakespeare heute erhielt er ein Jahr später den Herderpreis, das Buch wurde in etwa 30 Sprachen übersetzt und erweckte internationales Aufsehen.
«Die deutsche Übersetzung des TitelsShakespeare heute hat (im Gegensatz zur engl. oder franz. Ausgabe) die Gelegenheit, Shakespeare zu unserem Zeitgenossen, zum (Zeit-) Genossen Shakespeare, zu machen verpaßt, was schade ist. Denn der eigentliche Sinn des Buches von Kott könnte auf einen Titel wie Genosse Shakespeare reduziert werden, in jenem Sinne, den nur die vollkommen verstehen können, welche im Kommunismus gelebt haben. Das Buch, welches in den Jahren geschrieben wurde, in denen sich die totalitären Gesellschaften konsolidierten, bringt alles, was in Shakespeares Schauspielen dem Bösen des Totalitarismus gleichgestellt werden kann, zum Vorschein: mißbräuchliche Verurteilungen, Torturen, zunehmende Zerstörung des moralischen Kerns im Menschen, Vertreibung jener, die die Wahrheit sagen, Beförderung der Schmeichler, Furcht, Terror und besonders der Machtrausch, die alles zerstörenden Mechanismen der Macht,die Macht der Macht, die selbstverständlich unglückbringend ist. Es war zu beweisen, daß Shakespeare ein Schauspieldichter sein könnte, der um das Jahr 1960 im Haus nebenan wohnt oder als Nachbar im 3. Stock, der im Bühnenbild seiner Epoche zeigt, was jeder Mensch in Polen oder in Rumänien in dieser Zeit durchlebt.»
aus: N.E.C. Yearbook 1997-1998; S. 294f
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