Literatur im Foyer, 3sat 14.11.07
| Eher etwas für Nachtschwärmer und Festplattenrecorder ist die Wiederholung der Sendung Literatur im Foyer heute Nacht um 4:35 Uhr in 3sat (Erstausstrahlung 11.11.2007). Titel der Sendung: Der Herbst der Biografen - Lebensgeschichten von Stefan George und Ernst Jünger. Die Sendung wird übrigens am 16.11.2007 noch einmal um 00:30 im SWR-Fernsehen gezeigt. |
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Ernst Jünger und Stefan George - unumstritten große, doch stets umstrittene Gestalten des 20. Jahrhunderts. Gerade sind zwei neue, viel beachtete Biografien auf den Markt gekommen. Helmuth Kiesels Jünger-Biografie zeigt einen sperrigen Autor, der sich aller einfachen Einordnungen widersetzt. Und Thomas Karlaufs George-Biografie weitet sich von einer simplen Bestandsaufnahme zu einem Sittenbild der deutschen Gesellschaft am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Genau wie Jünger ist auch George nicht unberührt vom aufkommenden Nationalsozialismus, ohne sich ihm mit Haut und Haaren zu verschreiben. Wie steht es mit George und Jünger? Erleben wir eine neue "biografische Mode"? Darüber streiten mit den Biografen Thomas Karlauf und Helmuth Kiesel der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering (Universität Göttingen) und der Literaturkritiker Edo Reents (FAZ). Hier noch einmal die Daten zu den beiden Büchern, um die es geht: |
Helmuth Kiesel: Ernst JüngerGebundene Ausgabe: 720 SeitenVerlag: Siedler (2007) ISBN-10: 3886808521 ISBN-13: 978-3886808526 Dass Ernst Jünger immer noch Sprengstoff bietet, demonstriert Helmuth Kiesels umfassende Biografie: Ernst Jünger (1895-1998) hat stets polarisiert und fasziniert, weil er sich in kein Schema fügt: Er war ein typischer Bildungsbürger und zugleich ein Feind des Bürgertums. Er war ein unermüdlicher Arbeiter und experimentierte mit Drogen. Er galt als der Exponent des rechten Konservatismus und wurde trotzdem für manche Achtundsechziger »eine Art Geheimtipp, umgeben von der Aura des intellektuell Obszönen«, wie Joschka Fischer einmal bemerkte. Berühmt und berüchtigt sind Jüngers ästhetisierende Darstellungen von Krieg und Gewalt, die ihm den Ruf einbrachten, ein Militarist zu sein und dem Nationalsozialismus den Weg bereitet zu haben. In der Tat vertrat Jünger in den zwanziger Jahren extreme nationalistische und anti-liberale Positionen, vom NS-Regime distanzierte er sich jedoch schon vor Hitlers Machtübernahme im Jahr 1933. In seiner Biographie entwirft Helmuth Kiesel ein neues Bild dieser großen Reizfigur des 20. Jahrhunderts. Er führt die intellektuelle und ästhetische Reichhaltigkeit seiner Schriften vor Augen, ohne deren brisante politische Implikationen zu unterschlagen. Die erste Biographie, die den umstrittensten deutschen Autor weder hofiert noch verteufelt - sondern ihm im wahrsten Sinne des Wortes gerecht wird. |
Thomas Karlauf: Stefan GeorgeGebundene Ausgabe: 816 SeitenVerlag: Blessing (1. Oktober 2007) ISBN-10: 3896671510 ISBN-13: 978-3896671516 Thomas Karlaufs George-Biografie wurde zu dem größten Überraschungserfolg dieses Herbstes: Als Dichter, Prophet und Mittelpunkt eines Kreises ihm grenzenlos ergebener Jünger zählte Stefan George (1868 - 1933) zu den einflussreichsten Figuren der deutschen Geistesgeschichte. Das Denkmal, das sich der »Meister« errichtete, war vielen Zeitgenossen allerdings zu hoch, und nach 1945 geriet George in Vergessenheit. Nach langjähriger Vorarbeit legt Thomas Karlauf die erste George-Biographie in deutscher Sprache vor: ein faszinierendes Stück Zeit- und Sittengeschichte am Vorabend der Katastrophe. Stefan George war unter den deutschen Dichtern im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zweifellos der einflussreichste. Er hat die deutsche Lyrik entscheidend geprägt. Seinen Ruhm verdankte George allerdings weniger seinen Gedichten als vielmehr der Tatsache, dass er sich so perfekt inszeniert hat wie kaum jemand vor ihm. Legendär - und bis heute umstritten - war auch der so genannte George-Kreis, ein dem Dichter treu ergebener Männerbund. An diesem Kreis schwärmerisch begeisterter Jünglinge entwickelte Max Weber sein Modell der »charismatischen Herrschaft«. An der Person Georges lässt sich zeigen, was Macht über Menschen wirklich bedeutet. In seinem Werk finden sich zahlreiche Berührungspunkte mit dem Nationalsozialismus (George starb 1933), viele sahen in ihm einen »Wegbereiter«. Und doch steht am Ende dieses Weges das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944: Verübt hat es Claus von Stauffenberg, einer der letzten Vertrauten Georges. Thomas Karlauf hat die gesamte Forschung aufgearbeitet, seine Biographie ist wissenschaftlich auf dem neuesten Stand und wunderbar lebendig erzählt. "Diese Biographie lässt alles weit hinter sich, was in der letzten Zeit an literarischen Biographien erschienen ist. Karlaufs Buch ist so frisch und frei erzählt, so klug in seiner Argumentation und so bewusst in seinen Auslassungen, dass man dieses Stück Geistesgeschichte atemlos liest wie einen Thriller." Frank Schirrmacher, Frankfurter Allgemeine Zeitung "Es ist ein unglaubliches Buch geworden. Ein Buch, in dem alles beschrieben ist, was Deutschlands Wahn und Unglück von der Jahrhundertwende bis zu Georges Tod im Jahr 1933 gewesen ist. ... Was für ein Leben. Was für ein Buch." Volker Weidermann, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung "Der Dichter Stefan George war zeitlebens ein Rätsel, sein Kreis glich einer Sekte. Jetzt holt eine furiose Biografie den großen Untoten der deutschen Geistesgeschichte in die Gegenwart zurück. ... Es ist die erste kritische Biografie über George. Karlauf hat in sieben Jahren Arbeit ein glänzend recherchiertes und spannend geschriebenes Buch verfasst, das wissenschaftliche Maßstäbe setzt und Bestseller werden kann. ... Karlauf läßt in seinem Panorama der George-Zeit eine Welt künstlerischer Exzesse aufleben, deren Bewohner heutige Popliteraten wie brave Schwiegersöhne erscheinen lassen ... Besser als Karlauf kann man den schmalen Grad zwischen Enthüllungsbestseller und Literaturgeschichte nicht bewältigen." Malte Herwig, Der Spiegel |
Labels: Bücher im Fernsehen


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