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Name: Ennka
Standort: Hamburg, Germany

Dienstag, Dezember 11, 2007

SWR Bestenliste Dezember 2007


1. (4.-5.) 81 Punkte

ANNETTE PEHNT: Mobbing

Roman.

Piper Verlag
mittelschwere Lektüre

Wenn das Schlimmste passiert ist, muss man sich endlich nicht mehr davor fürchten, sagte Joachim. Er warf den Briefumschlag auf den Küchentisch. Und mit einem merkwürdigen Ausdruck der Erleichterung fügte er hinzu, sie haben es geschafft. Was sie gegen ihn vorbrachten, war gelogen. Aber Feinde, Gespenster, Verschwörungen gehörten seit Jahren zu unserem Leben. Jetzt musste er wenigstens nicht mehr über die Arbeit reden, jetzt hatte er keine Arbeit mehr. Was aber würde aus ihm werden, was aus uns? - Annette Pehnts klarer, feinsinniger Roman »Das Haus der Schildkröten«, von Kritik und Publikum begeistert aufgenommen, widmete sich einem großen Tabu, dem Altern. Mit »Mobbing« gelingt ihr jetzt in der Verbindung aus Anteilnahme und literarischer Distanz ein glänzender Roman um ein drängendes Thema.

"Es ist bemerkenswert, welche Entwicklung die 40jährige Annette Pehnt in den sieben Jahren ihrer schriftstellerischen Arbeit genommen hat. Man könnte sagen: von fantastischen Fluchten zum sozialen Realismus. ... 'Mobbing' jedenfalls ist ein kluger kompakter Roman über einen beispielhaften Ausschnitt unserer Gesellschaft." (Hubert Winkels)

2. (-) 61 Punkte

A.L. KENNEDY: Day

Roman. Aus dem Englischen von Ingo Herzke.

Wagenbach Verlag
leichtere Lektüre

England im Jahr 1949. 'Day' ist ein großer Roman über die Brutalität des Kriegs und seine Schrecken, über Freundschaft, die im Angesicht ständiger Todesgefahr entsteht und über die Unwägbarkeiten und Verwicklungen der Liebe. Erstaunlich leicht und ungezwungen erzählt A. L. Kennedy von der Last der Geschichte und von denen, die sie überlebten. Alfred Day kam der Krieg sehr gelegen. Auf der Suche nach Lebenssinn und Erfüllung fand er hier endlich seine große Aufgabe, echte Freunde und die große Liebe. Sein Leben begann und endete mit dem Zweiten Weltkrieg. In der Air Force ist er zum Mann gereift, als Heckschütze eines Lancaster-Bombers fand er seine Bestimmung, in der Crew seine Familie und in Joyce seine große Liebe. Worauf er nicht vorbereitet war, ist die Zeit danach, die Kriegsgefangenschaft und die Leere, die sich mit dem Frieden einstellt. Seine Crew ist tot, und Joyce hat er offenbar verloren.

3. (4.-5.) 48 Punkte

DENIS JOHNSON: Der Name der Welt

Roman. Aus dem Englischen von Thomas Überhoff.

Rowohlt Verlag
mittelschwere Lektüre

Zwei Leben, die sich auf einer Party flüchtig berühren: Mike Reed, Assistenzprofessor für Geschichte an einer Universität im amerikanischen Mittelwesten, trifft dort eine beschwipste Schönheit: Kunststudentin, rothaarig, in einem blauen Samtkleid. Er nimmt sie kaum wahr vier Jahre zuvor hat er seine Frau und seine Tochter bei einem Verkehrsunfall verloren, noch immer fühlt er sich im dunklen, ausweglosen Tunnel seiner Trauer gefangen. Einige Zeit später begegnet er der Studentin wieder: Bei einer gewagten Performance im Kunstseminar kommt er zu spät, muss unmittelbar vor der Bühne Platz nehmen und starrt der nackten Rothaarigen, die sich dort produziert, direkt zwischen die Beine. Zutiefst verstört spürt er ihr fortan nach, sieht sie als Nackttänzerin in einer Bar und dann als stimmgewaltige Sängerin beim Gottesdienst einer ländlichen Sekte, der Frieslander. Und wie so oft bei Johnson laufen zwei unvereinbare Existenzen auf einen Moment der Begegnung zu, der an eine Epiphanie grenzt, mit dunklen Untertönen von Verdammnis und Erlösung ... (Leseprobe vorhanden)

4. (-) 45 Punkte

FORD MADOX FORD: Zapfenstreich

Roman. Aus dem Englischen von Joachim Utz.

Eichborn.Berlin Verlag
mittelschwere Lektüre

Eines der größten Romanwerke des 20. Jahrhunderts »Würde man Fords Tetralogie vergraben und in dreihundert Jahren aus der Erde holen, könnten sich die, die dies tun, ein exaktes Bild vom England des angehenden 20. Jahrhunderts machen und wüssten im Grunde genommen alles, was es darüber zu wissen gibt.« Louis Bromfield Bewegungslos und unfähig, ein Wort zu sagen liegt Mark Tietjens auf einer überdachten Krankenliege vor Groby Hall, dem Gutshaus der altehrwürdigen englischen Familie. Der Schlag hat ihn getroffen, als er am Tag des Waffenstillstands erfuhr, dass die Alliierten darauf verzichteten, nach Deutschland einzumarschieren, um den Feind endgültig zu besiegen. Aber Frieden und Ruhe findet Mark auch auf dem Krankenbett nicht - die Frau seines Bruders Christopher will den Familiensitz an eine reiche und vulgäre Amerikanerin vermieten; und zwar nur, um ihn zu ärgern und die Familie zu demütigen. Seit Jahren schon führt sie einen erbitterten Ehekrieg gegen ihren Mann, der inzwischen verarmt ist und sich in die Arme einer Geliebten geflüchtet hat. Den letzten und abschließenden Band seiner großen Tetralogie Parade's End erzählt Ford aus der Perspektive des gelähmten Bruders, um den herum die Schlachten und Intrigen toben.
Der vierte und letzte Band von Fords Erster Weltkrieg-Tetralogie um den letzten Gentleman einer untergehenden Epoche.

5. (-) 43 Punkte

FERDINAND SCHMATZ: Durchleuchtung

Ein wilder Roman aus Danja und Franz

Haymon Verlag
schwierigere Lektüre

Ein Künstlerroman ? aber was für einer: die poetische Reise in die fragile Innenwelt einer Künstlerseele, die sich in einem kühnen Strom aus Beobachtung und Beschreibung, Träumen und inneren Dialogen verankert.
Da wird einer in die Röhre geschoben, bildlich und tatsächlich durchleuchtet und hinterfragt, und stellt sich selbst in Frage. Er, das ist Franz, der Künstler. Kontrapunkte setzen Professor Pokisa, der Arzt, und Danja, die Frau an Franz? Seite. Aber vielleicht ist sie ja auch nur ein Spiegelbild von Franz, eines, das ihm über die Brüche in seinem Dasein und Sosein hinweghilft, oder ist er eines von ihr? Eine poetische Reise in die fragile Innenwelt einer Künstlerseele, die sich in einem kühnen Strom aus Beobachtung und Beschreibung, Träumen und inneren Dialogen verankert. Immer wieder unterbrochen vom Erzähler, der sich ungeniert einmischt, wenn Franz die Geschichte davongaloppiert. Ferdinand Schmatz entwickelt in seinem "wilden Roman" ein schelmisches und hintergründiges Spiel um Bild und Idee, Beschreibung und Identität, umkreist grundlegende Fragen von menschlichem Sein und Schein, von Sprache und Kunst. Wie das alles ausgeleuchtet wird und in Franz gespiegelt, ergründet und ironisiert, wie das vielschichtig durcheinanderwirbelt in einem Sog aus Gegenwärtigem und Erinnertem, aus Essay und Erzählung, das macht den Reiz und die große Kunst dieses Romans aus. (Leseprobe vorhanden)

6. (-) 41 Punkte

MICHAEL KLEEBERG: Karlmann

Roman.

DVA
mittelschwere Lektüre

Juli 1985: Ein Augenblick für alle: Boris Beckers erster Sieg in Wimbledon. Ein Augenblick, in dem alles möglich scheint. Auch für Charly Renn: An seinem Hochzeitstag fühlt sich Karlmann »Charly« als Sieger. Er hat seine Traumfrau geheiratet. Kleebergs Roman durchleuchtet Familie und Freunde, das Lieben und Arbeiten seines Helden mit so unerbittlicher Präzision, dass die Banalität des Alltäglichen seine verborgene Faszinationskraft enthüllt. Ein Roman über die Zeit und was sie mit dem Menschen macht.
Ein junger Mann hat am Vormittag geheiratet und sitzt am Nachmittag vor dem Fernseher. Dort erlebt er mit, wie ein deutscher Tennisspieler auf dem berühmtesten Center Court der Welt beweist, dass man das Unmögliche schaffen kann, wenn man nur will. Und sein Glaube und seine Zuversicht übertragen sich auf Karlmann »Charly« Renn. Auch der ist heute ein Sieger. Er hat seine Traumfrau geheiratet, und der Ausgang des Wimbledon-Finales ist ein gutes Omen für die Zukunft. Dies ist Charlys Tag. Oder hätte es sein können, wäre da nicht das unerwartete Geschenk seines Vaters, das seine hochfliegenden Träume korrigieren wird. Michael Kleeberg betreibt mit literarischen Mitteln nicht weniger als eine Anthropologie des Männlichen. Charly Renn nämlich ist ein Jedermann, ein Mann, den man zu kennen glaubt. Einer, der begehrt, sucht, funktioniert, sich fügt und vom Ausbruch träumt. Aber so, wie Michael Kleeberg ihn beobachtet und durchleuchtet, hat man ihn noch nicht gesehen. · Ein furioser Zeit- und Gesellschaftsroman · Michael Kleeberg zählt zu den wichtigsten deutschsprachigen Schriftstellern (Leseprobe vorhanden)

7. (-) 35 Punkte

MARGUERITE DURAS: Hefte aus Kriegszeiten

Aus dem Französischen von Anne Weber.

Suhrkamp Verlag
mittelschwere Lektüre

Hefte aus Kriegszeiten hat Marguerite Duras die vier dichtbeschriebenen Schulhefte genannt, die sie lange Zeit in ihrem legendären »blauen Schrank« aufbewahrte. Die Aufzeichnungen aus den Jahren 1943 bis 1949, vom Beginn ihrer schriftstellerischen Laufbahn, sind von ganz eigenem Reiz. Hier finden sich bereits die zentralen Themen ihres Lebens und späteren Werks: Kindheit und Jugend in Indochina; die ambivalente Beziehung zur Mutter und zu den beiden Brüdern; die Beziehung zu einem Vietnamesen, die sie später in ihrem berühmtesten Roman, Der Liebhaber, gestaltet. Marguerite Duras protokolliert das qualvolle Warten auf ihren in Buchenwald internierten Mann, Robert Antelme, dessen Rückkehr, die Trennung von ihm, erzählt von ihrem Engagement in der Résistance, vom Tod ihres ersten Kindes, der Geburt des Sohnes Jean.

"Wenn auch Marguerite Duras mit diesen Heften aus Kriegszeiten sicher nicht ?neu zu entdecken ist?, ...so erweisen sie doch eines, nämlich die Kontinuität eines Werkes, dessen Autorin von Anfang an gleichzeitig die Entblößung wie die Überhöhung der eigenen Person betrieb und dabei keine Zweideutigkeiten scheute, diese vielmehr lustvoll auf die Spitze trieb." (Peter Hamm)

8.-9. (-) 33 Punkte

DON DeLILLO: Falling Man

Roman. Deutsch von Frank Heibert.

Verlag Kiepenheuer & Witsch
mittelschwere Lektüre

Ein kühnes Meisterwerk -Don DeLillos großer Roman über den 11. September. New York in Asche und Rauch am 11. September. In eindringlichen Bildern zeichnet Don DeLillo den Ablauf der Ereignisse nach: von den Tätern zu den Opfern, von Hamburg nach New York. In unvergesslichen Szenen entsteht das Leben einer Familie, die berührende Geschichte einer Liebe, das Leben nach der Katastrophe. Keith Neudecker, der im World Trade Center gearbeitet hat, kann sich am 11. 9. aus einem der brennenden Türme retten. Er sieht, was geschieht, ohne es zu begreifen, und schlägt sich wie in Trance zu seiner Ex-Frau Lianne und seinem kleinen Sohn Justin durch. In ihrer Verzweiflung klammern sich Keith und Lianne aneinander, sie wollen aus der Einsamkeit der Angst in ein gemeinsames Leben zurückfinden. Gespräche, vor allem in Liannes Familie, kreisen um den Schock, um den Terrorismus als ständige Bedrohung. Justin und seine Freunde versuchen im Spiel ihre Angst vor den Terroristen zu überwinden. Keith durchlebt immer wieder das Trauma der Flucht aus den Türmen, und Lianne irrt ziellos durch die Stadt. Und dann sieht sie voller Entsetzen Falling Man, einen Performance-Künstler. Nur mit einem Seil gesichert, stürzt er sich als Chronist des Zeitalters des Terrors hoch oben von den Wolkenkratzern in die Tiefe. Der Terror bestimmt die Realität, aus der sich Keith, letztlich unfähig zu lieben, in die glitzernde Scheinwelt von Las Vegas zurückzieht - als professioneller Pokerspieler. Lianne und Justin bleiben zurück in New York. Mit seiner großen sprachlichen Kunst und seiner packenden Erzählweise gelingt es Don DeLillo in »Falling Man«, das scheinbar Unsagbare überzeugend in Wort zu fassen.

Keith Neudecker ist am 11. September in einem der Türme des World Trade Centers. Er überlebt die Katastrophe und flüchtet zu seiner Ex-Frau. Aber nichts ist mehr wie zuvor. Nach dem Terror ist vor dem Terror. Jetzt regiert die Angst den Alltag. Der Performance-Künstler "Falling Man" stellt einen stürzenden Menschen nach. Die Wiederholung des Sprungs, um den Aufschlag zu bannen.

8.-9. (-) 33 Punkte

THOMAS MANN: Doktor Faustus

Große kommentierte Frankfurter Ausgabe,
Band 10/1-2, Text und Kommentar

S. Fischer Verlag
mittelschwere Lektüre

"Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde". Ein Teufelspakt um der Kunst willen, die Verführungskraft des Bösen, die Bereitschaft, die Moral der Ästhetik zu opfern - Thomas Manns Auseinandersetzung mit Deutschland und dem Nationalsozialismus in einer mustergültig kommentierten Ausgabe.
Auf der Grundlage des Faust-Stoffes hat Thomas Mann in seinem 1947 erschienenen Musiker-Roman eine Parabel für die Verstrickung des Künstlertums in die politische Katastrophe des Nationalsozialismus geschaffen. Kein anderer Roman dieses Autors ist dermaßen kontrovers und erhitzt diskutiert worden - noch Jahrzehnte nach seinem Erscheinen. Ruprecht Wimmer verdanken wir den konzisen Abriss dieser komplizierten Wirkungsgeschichte, einen Apparat mit textkritischen Hinweisen und zahlreichen Sachinformationen sowie den Abdruck sämtlicher durch Selbstzensur geopferten Passagen. (Leseprobe vorhanden)

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