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Mittwoch, Januar 09, 2008

Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten


Autor: Jonathan Littell
Titel: Die Wohlgesinnten
Broschiert: 1408 Seiten
Verlag: Berlin Verlag; Auflage: 1 (Februar 2008)
ISBN-10: 3827007380
ISBN-13: 978-3827007384
Preis: 36,- €

Im Februar 2008 kommt Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ (frz.: Les Bienveillants) nun im Berlin Verlag auch auf Deutsch heraus. In Frankreich war das Buch der Überraschungserfolg 2006: dort wurden vom ca 900 Seiten (bei uns sogar 1400 Seiten) starken Buch bereits wenige Wochen nach Erscheinen über 200.000 Exemplare verkauft. Mittlerweile sind es über 800.000 Exemplare. Die beiden wichtigsten Literaturpreise Frankreichs folgten auf dem Fuße: der Grand prix du roman de l'Académie française 2006 sowie der Prix Goncourt 2006.

Worum geht es: „Die Wohlgesinnten“, wie der Roman auf Deutsch heißt, ist die fiktive Lebenserinnerungen Dr. jur. Maximilian Aues, eines Offiziers der Waffen-SS, der für die Organisation der „Endlösung“ zuständig war. Detailliert beschreibt er darin Ereignissen des Zweiten Weltkrieges und insbesondere des Holocaust. Auch Jahre später zeigt er keine Reue, sondern bedauert vielmehr, seine Mission nicht vollständig erreicht zu haben.

Die faz beschreibt es so: »Max Aue war als Freiwilliger aus ideologischer Überzeugung der SS beigetreten - und aus Haß auf seine Mutter, eine Französin, die den Vater verließ, in ihre Heimat zurückkehrte und Max als Jugendlichen von seiner einzigen Liebe trennte, der Zwillingsschwester Una. Er ist homosexuell und hoch kultiviert. Max Aue studiert Jura. Eichmann erkennt seine Fähigkeiten und setzt ihn bei der Planung der Ausmerzung aller Minderheiten ein. Aue ist von der Notwendigkeit dazu überzeugt. Er glaubt an den Nationalsozialismus wie die Juden an ihr Gesetz. Seine Bürotätigkeit wird zur Beschreibung der totalitären Bürokratie.
Er ist auch in Stalingrad, nimmt an den Einsatzgruppen in der Ukraine teil und tötet Juden, aber seine Gedanken sind bei Tschechow. Die Henker und die Opfer werden mit gleicher Faszination und Meisterschaft porträtiert, die Verbrechen klinisch beschrieben. Im besetzten Paris begegnet Max Aue den faschistischen Intellektuellen. Ernst Jünger tritt auf. Der Sturmbannführer ist in Auschwitz und am Ende des Kriegs auch noch in Hitlers Bunker.«


Nun könnte man dem Roman ein wenig Geschichtsklitterung vorwerfen, Glorifizierung einer bösen Zeit gar. Denn wie soll man die Geschichte eines sympathisch beschriebenen Nazischergen, der nicht die geringste Reue zeigt, literarisch sonst einordnen? Deswegen nimmt es umso mehr Wunder, dass gerade Jorge Semprun, ehemals literarisches Gewissen der Linken in Frankreich, Träger des Friedenspreises des Dt. Buchhandels und vieles mehr, in Zusammenhang mit Littells „Wohlgesinnten“ zitiert wird: »Ich war wie erschlagen von diesem unglaublichen Buch. Es ist das Ereignis unserer Jahrhunderthälfte. Ich sehe nicht, welches Buch in den nächsten Jahrzehnten an seine Wirkung heranreichen könnte.«

In einem kurzen Radiobericht auf NDR Kultur hieß es gestern Nachmittag, neben Schlink und Walsers neuen Werken würde dieses Buch sicher zum Hauptdiskussionsstoff für den Bücherfrühling 2008. Damit ist in der Tat zu rechnen.

Die Leseprobe beim Berlin-Verlag zeigt zur Zeit in meinem Browser nur leere Seiten, dafür hat die FAZ einen Reading-Room für das Buch eingerichtet. Sukzessive werden dort die ersten 120 Seiten des Romans zu lesen sein.

Rezensionen finden Sie hier: , faz.net, Frankfurter Rundschau, Neue Zürcher Zeitung, Die Presse, Spiegel, Standard, Stuttgarter Nachrichten, Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, taz, Zeit; Zitty Magazin, DRS2 - Schweizer Radio (Audio), ZDF (aspekte) (Die ZDF-Mediathek hat auch einen Video-Beitrag über Littells "Wohlgesinnte", der leider nicht direkt verlinkbar ist. Einfach dort im Suchfeld "Wohlgesinnten" eingegen.

Ein Interview mit dem „Shoa“-Regisseur Claude Lanzmann über den Roman stellt der Buch- und Medienversand Kohlibri als pdf zur Verfügung.

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