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Dienstag, Mai 06, 2008

SWR Bestenliste Mai 2008


Bücherlisten gibt es ohne Ende. Fast jeden Tag läuft eine Fernsehsendung, in der Neuerscheinungen besprochen und Bücher angepriesen werden. Die SWR Bestenliste versucht sich meistens abseits des Mainstreams, nicht ausgerichtet an den Bestseller-Listen, sondern an der Frage, welchen Bücher sich die Rezensenten mehr Leser wünschten. In bester Slam-Tradition mit Punkten bewertet. Insofern sehr modern.

1. (10.) 66 Punkte

SILVIA BOVENSCHEN: Verschwunden

S. Fischer Verlag
Mittelschwere Lektüre

Nach dem großen Erfolg von "Älter werden" jetzt "Verschwunden": Ein Erzählreigen über Menschen und Dinge, die verloren gehen.
Ein Freundeskreis, ein fester Kern, einige lose Bekannte. Von ihnen allen lässt sich Daniela Geschichten vom Verschwinden erzählen. Gustav erzählt ihr von einer Frau, die auf offner Strecke aus dem Zug steigt, Josepha vom Riesen auf einer Nordseeinsel, eine nervöse Dame beichtet einen Anschlag auf das Christkind, und Olga ist verzweifelt, weil in ihrer Wohnung eingebrochen wurde, man hat ihr den Laptop gestohlen, nun ist alles weg, ihre Adressen, ihre Mails, alle ihre Aufzeichnungen. Auch die Beamten der Spurensicherung glauben an die Endgültigkeit dieses Verschwindens. Konrad erzählt von Isolde, deren neuer Freund, in den sie sich so sehr verliebt hatte, plötzlich und ohne Ankündigung vom Erdboden verschluckt zu sein scheint.
Daniela kommt nicht mehr hinaus in die Welt, ist also angewiesen auf die Erlebnisse anderer. Oder ist das vielleicht nur ein Vorwand? Versucht Daniela in Wahrheit mit den Geschichten vom Verschwinden gegen das Verschwinden anzukämpfen? Denn nichts ist unheimlicher als die Lücke, die jemand hinterlässt, der verschwindet. Bald reden und schreiben alle nur noch vom Verschwinden. Das hat Daniela erreicht. Mit radikalen Auswirkungen.

2. (-) 51 Punkte

WILLIAM FAULKNER: Licht im August

Roman. Deutsch von Helmut Frielinghaus und Susanne Höbel.
Rowohlt Verlag
Mittelschwere Lektüre

Ein Klassiker der Weltliteratur, 1932 geschrieben, schon kurz darauf in Deutschland veröffentlicht, jetzt neu übersetzt.
Mit sinnlicher Leidenschaft entrollt Faulkner in diesem Klassiker der Literatur des 20. Jahrhunderts drei Lebenswege in der weiten Landschaft des Mississippi: Lena Grove, eine junge Schwangere auf einer fremden Landstraße, sucht ihren Geliebten. Am Ende hat sich ihr Schicksal in der Begegnung mit einem anderen Mann erfüllt, aber das Chaos sündhafter Verstrickung entlässt sie wieder fast unberührt. Joe Christmas, ein schwarzer Wanderarbeiter, findet hingegen keinen anderen Ausweg aus Unterdrückung und Gewalt, als selbst zum Mörder zu werden. Der Geistliche Gail Hightower durchschaut das Gewebe aus religiösem und rassischem Fanatismus, kann sich aber nicht aus seiner Verklärung der «glorreichen» Südstaatenvergangenheit befreien ...
Faulkners zwingende Modernität, sein multiperspektivischer, psychologischer Stil machen «Licht im August», 1932 geschrieben, bereits 1935 bei Rowohlt veröffentlicht, zu einem der wirkungsmächtigsten Romane des 20. Jahrhunderts hierzulande vor allem nach dem Krieg, als er in einer rororo-Zeitungsausgabe einem breiten Publikum zugänglich wurde. Anlässlich seines hundertjährigen Bestehens bringt der Rowohlt Verlag Faulkners besten und bekanntesten Roman in einer Neuübersetzung von Helmut Frielinghaus und Susanne Höbel, versehen mit einem Nachwort von Paul Ingendaay, neu heraus.

3. (1.) 49 Punkte

MARCEL BEYER: Kaltenburg

Roman.
Suhrkamp Verlag
Mittelschwere Lektüre

Marcel Beyer hat einen neuen großen Roman geschrieben. Der "Erfinder der Wirklichkeit", der Heinrich-Böll- und Uwe-Johnson-Preisträger, der "Dichter des ganzen Deutschland" entwirft in ihm ein Panorama deutscher Geschichte von den dreißiger Jahren bis in die Gegenwart. Wie im Erfolgsroman "Flughunde" verwebt Marcel Beyer erneut Persönliches und Geschichtliches derart überzeugend miteinander, daß wir den Ereignissen im katastrophischen Deutschland des 20. Jahrhunderts gebannt folgen.
Ludwig Kaltenburg, geboren 1903, Biologe, arbeitet Ende der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts in Posen. Dort begegnet er zum ersten Mal dem Ich-Erzähler, zu diesem Zeitpunkt noch ein Kind. Im Gefolge des Zusammenbruchs des "Dritten Reichs" flüchtet der Junge mit seinen Eltern nach Dresden. Dessen Bombardierung im Februar 1945 überlebt er und beginnt ein Studium der Ornithologie, das ihn erneut in engen Kontakt zu Kaltenburg bringt. Der kann in Dresden ein eigenes Institut gründen und sich internationales Renommee erwerben. Wie erfahren die beiden Wissenschaftler, der angehende und der erfolgreiche, die Gründung und Konsolidierung der DDR in Dresden, welche Wendungen nehmen die Lebensläufe der beiden in den unterschiedlichen Stadien der DDR, wie erlebt der Ornithologe schließlich das Ende der DDR?

4. (-) 40 Punkte

FRIEDERIKE MAYRÖCKER: Paloma

Suhrkamp Verlag
Mittelschwere Lektüre

Paloma: Das Buch trägt den Namen der Tauben im Flieder, der geflügelten Boten im Azur. 99 Briefe auf der Kreisbahn eines Jahres, von Mai 2006 bis April 2007: "lieber Freund, die weiszen Lilien, die du mir zur Tür gelegt hast, sind eine grosze Lust mein Schreibzimmer voll Glanz und Duft : das wird mich anfeuern zu schreiben", hebt der erste von ihnen an, in den Frühling geschrieben, den dichtenden Vögeln nach. "Fern Schreiben" sind es, an den Freund, den Leser und an ihn, den abwesenden Verbündeten, der dahin ist und doch nie gegangen. Während draußen die Gegenstände wie Bühnenkulissen wechseln und das Leben sich im Fenster vis-à-vis spiegelt, hält Friederike Mayröcker Zwiesprache mit sich selbst: "bin den ganzen Tag am Lauschen : Worte, Wortbilder, Sätze, (...) fliege immer wieder auf und nieder, hierhin und dahin."
Paloma ist ein kühnes, poetisches, wildes Buch über den Umgang mit sich und die "Menschen Verhältnisse", die Generalinventur einer großen Dichterin. Über das Schreckgespenst des Alters, die Geisteszerrüttung, den Schwindel siegt eine tiefe Lebenslust, die Glut des Schreibenwollens und die rücksichtslose Hingabe an die alles verwandelnde, tragende, die zum Himmel auffahrende Sprache: "Möchte saphirene Texte schreiben tatsächliches Blau."

5. (-) 36 Punkte

GÜNTER HERBURGER: Der Kuss

Gedichte.
A1 Verlag
Leichtere Lektüre

"Das Gras, es schreit, / es wird geschlachtet. / Die Mädchen sind geschminkt / und trauen sich." So besingt Günter Herburger das "Frühjahr". "Gedichte sind notwendige Träume", sagt er selbst über seine Poesie, ohne sie könne er nicht leben, auch nicht längere Bücher schreiben. Voraussetzung dafür seien Wissen, Geduld, Spiellust und Zorn. Der neugierige Blick, gepaart mit perfider Beobachtungsgabe und den Horizonten der Erinnerungen, findet Bilder, die als Katalysatoren der Sprache wirken. Im Bündnis von Alltag und Weltgeschichte, Natur, Phantasie und Wissenschaft gelingen Herburger Gedichte, die das Leben mit dem Tod vereinen und trotz Schrecken sich auch vor Leichtigkeit verneigen. "Der Kuss", voll schonungsloser Zuneigung und Empathie, könnte ein rigider Klassiker des 21. Jahrhunderts werden, denn "das Paradies tut so weh".

6. (-) 32 Punkte

DEBORAH EISENBERG: Rache der Dinosaurier

Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Thomas Überhoff und Nikolaus Hansen.
Carl Hanser Verlag
Mittelschwere Lektüre

Mit genauem und doch zärtlichem Blick beschreibt die in New York lebende Deborah Eisenberg eine amerikanische Realität, die zunehmend chaotischer, brutaler und unkontrollierbarer geworden ist. "Dämmerung der Superhelden" erzählt im Rückblick von einer Freundesgruppe im extravaganten, glitzernden Manhattan zu Beginn des neuen Jahrtausends, und erst allmählich begreift man, dass das, was die jungen Leute von ihrem luxuriösen Penthouse aus beobachten, die Attacke vom 11. September ist. Andere Geschichten beschreiben Misfits, Begegnungen von Kindern und Kindeskindern und auseinanderdriftende Familien, in denen manchmal schon ein falsches Wort genügt, um alte Ressentiments wiederaufflammen zu lassen. Konzentrierte, formal perfekte Studien von Deborah Eisenberg - einer Meisterin der amerikanischen Kurzgeschichte.

"Es gehört zu den vielen Überraschungen in Deborah Eisenbergs Texten, dass man einfache Sätze und eine einfache Geschichte liest und erst nach und nach versteht, was alles hinter den einfachen Sätzen gestapelt ist, oder was sich hinter dem "Vorhang" abspielt. Um es einfach zu sagen: Die grausame Geschichte des 20. Jahrhunderts." (Verena Auffermann)

7. (-) 31 Punkte

CORMAC McCARTHY: Kein Land für alte Männer

Roman. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl.
Rowohlt Verlag

Die Verfilmung war der Abräumer bei der letzten Oscar-Preisverleihung. Hobby-Jäger Bill Moss findet bei einem morgendlichen Ausflug in der texanischen Wüste drei zerschossene Geländewagen. Drinnen sitzen Tote, aus einer aufgeschnittenen Tüte rieselt Heroin. Ein Stück weiter, entlang einer Blutspur, noch eine Leiche, die einen Koffer mit 2,4 Millionen Dollar darin umklammert. Einer schlechten Eingebung folgend, nimmt Moss den Koffer mit und macht prompt den Fehler, in der Nacht zurückzukehren, um seine Spuren zu verwischen. Da warten bereits mit MPs bewaffnete Gangster auf ihn. Zwar kann er entkommen, doch nun jagt eine ganze Bande von Killern den Jäger, namentlich ein Psychopath namens Chigurh ein Mann mit ethischen Prinzipien: Er tötet, selbst wenn die Gründe sich erledigt haben. Seine Lieblingswaffe ist ein Bolzenschussgerät. Berichtet wird all dies vom entgeisterten Provinzsheriff Bell, ebenfalls ein prinzipienfester Mann, er mit dem modernen Verbrechen nicht mehr zurechtkommt, ja nicht einmal mehr weiß, was gut, was böse ist ...
Einmal mehr zeigt sich hier McCarthys radikaler Kulturpessimismus in grandioser Weise, in einem Roman, der in die Abgründe menschlicher Bosheit führt und einen das Zittern lehrt.

8. (-) 30 Punkte

ANNA SEGHERS: Briefe 1924 - 1952

Werkausgabe V/1. Herausgegeben von Christiane Zehl Romero und Almut Giesecke.
Aufbau Verlag
Mittelschwere Lektüre

"Ich erwarte Eure Briefe wie den Besuch der besten Freunde", so der Untertitel: Briefe an Bertolt Brecht, Egon Erwin Kisch, Peter Huchel, Walter Janka, Hans Henny Jahnn, persönliche Nachrichten des Augenblicks, ein Lebensbild und gleichzeitig ein Epochenporträt.

9. (6.-7) 29 Punkte

BRUNO SCHULZ: Die Zimtläden

Aus dem Polnischen von Doreen Daume.
Carl Hanser Verlag
Mittelschwere Lektüre

Eine der großen Kindheitsgeschichten des 20. Jahrhunderts. Die Zimtläden erzählt von der versunkenen Welt des Schtetls in Galizien: der verschrobene Vater und seine böse Gegenspielerin Adela, verwunschene Gärten und modrige Hauseingänge, überraschend entdeckte Zimmer hinter vernagelten Türen, wo die Tapeten zu leben anfangen, das flirrende Paradies des Sommers, ein Sturm, der das Gerümpel auf dem Speicher in Wallung bringt, Nächte, in denen Schneiderpuppen zum Leben erwachen. Doreen Daume hat eine neue Sprache gefunden für das an Wortschöpfungen und atmosphärischen Bildern reiche polnische Original; mit der Verbindung von Werktreue und Erfindungsgabe hat sie einen Text von hoher Eindringlichkeit geschaffen. Sie wurde dafür mit dem renommierten Zuger Übersetzerstipendium ausgezeichnet.

10. (5.) 27 Punkte

YASMINA REZA: Frühmorgens, abends oder nachts

Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel.
Carl Hanser Verlag
Mittelschwere Lektüre

Ob sie ihn auf seiner Wahlkampftour begleiten dürfe, hat Yasmina Reza im Frühjahr 2006 den damaligen französischen Innenminister Nicolas Sarkozy gefragt, und er hat sofort zugestimmt: Ein Jahr lang ist sie ihm gefolgt, von Paris bis in die tiefste Provinz, nach New York, London und Berlin, in Stahlfabriken, Schulen und Krankenhäuser und zu internen Besprechungen, bei denen kein Journalist zugelassen war. Reza erlebt den heutigen Präsidenten von Frankreich hinter den Kulissen aus nächster Nähe. Scharfsichtig, distanziert und bisweilen ironisch erzählt sie vom Leben Sarkozys, vom Pathos des politischen Alltags und seiner Monotonie. Zugleich beschreibt die meistgespielte Autorin des Gegenwartstheaters die Politik als suggestive Inszenierung. Rezas Wahlkampf-Tagebuch ist voller brillanter Beobachtungen und Details - eine Begegnung von Literatur und Politik auf höchstem Niveau.

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