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Montag, Juni 09, 2008

SWR Bestenliste Juni 2008


Bücher, denen sich die Juroren mehr Leser wünschen. Das ist die Absicht der SWR Bestenliste. Dementsprechend positiv, dass im Juni 2008 wieder etliche tatsächlich neue Titel auf der Bestenliste vorhanden sind. Im Folgenden sind dies:

1. (-) 55 Punkte

KAREN DUVE: Taxi

Gebundene Ausgabe: 313 Seiten
Verlag: Eichborn
Auflage: 1 (Mai 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3821809531
ISBN-13: 978-3821809533
Mittelschwere Lektüre

Taxifahren können viele - doch grandios darüber schreiben kann nur Karen Duve
Eine ziellose Jugend, eine spießige Familie, eine frustrierende Ausbildung - da kommt die Annonce "Taxifahrerin gesucht" schon fast wie die Rettung schlechthin daher. Auch wenn Alex Herwig leider ein Gedächtnis wie ein Sieb hat. Trotzdem büffelt sie Straßennamen und Wegstrecken - und hat das Glück auf einen extrem gnädigen Prüfer zu treffen. Bald sitzt sie zum ersten Mal im Wagen und schwitzt Blut und Wasser, weil sie die Straße nicht kennt, nach der ihr erster Fahrgast fragt. Und Alex wird - halb wider Willen - von einer Kollegen-Clique aufgesogen, die aus abgebrochenen Studenten, gescheiterten Künstlern, misanthropischen Gar-nicht-Akademikern und frauenfeindlichen Verklemmten besteht - bis sie Marco trifft, einen extrem kleingewachsenen aber umso bestimmter agierenden jungen Mann ...
Karen Duve erzählt mit gewohnter Brillanz, Lakonie und Unbarmherzigkeit von einer jungen Frau, der das Leben nichts schenkt, die einen Beruf hat, in dem sie andauernd Leute trifft, denen das Leben erst recht nichts schenkt. Komisch, erbarmungslos, ehrlich bis auf die Knochen: Ein waschechter Duve-Roman. "Ich meldete mich auf eine Anzeige, in der nicht nur Taxifahrer, sondern ausdrücklich auch Taxifahrerinnen gesucht wurden. 1983 war es in Stellenanzeigen noch nicht üblich, jedem Beruf auch eine weibliche Endung anzufügen. Man tat es nur, wenn man andeuten wollte, dass man praktisch jeden nahm."

2. (-) 49 Punkte

WOLFGANG HILBIG: Werke

Band I: Gedichte
Gebundene Ausgabe: 537 Seiten
Verlag: Fischer (S.), Frankfurt
Auflage: 1 (Mai 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3100336410
ISBN-13: 978-3100336415
Schwierigere Lektüre

Als Wolfgang Hilbig am 2. Juni 2007 starb, verlor die deutschsprachige Literatur eine einzigartige Stimme. Bis zuletzt gelangen ihm Gedichte von dunkler, träumerischer Schönheit sie waren der Anfang und das Ende seines Schreibens. Selbst in seinen großen Romanen war der lyrische Ton unüberhörbar. Ausgehend von den Traditionen der Romantik, des Symbolismus, des Expressionismus und geprägt von den Alltagserfahrungen eines Arbeiterlebens in der DDR, schuf er sich seine eigene Sprache: leidenschaftlich und voll brennender Sehnsucht, elegisch, grüblerisch, zärtlich. Es spricht ein Widerständiger und Verletzter, ein "Traumverlorener, ein versprengter Paradiesgänger" (Süddeutsche Zeitung) es spricht ein Dichter, ein Mensch.

"Hilbigs erstmals gesammelte Gedichte ? zeigen ihn als trunkenen Wiedergänger der nachtschwarzen deutschen Romantik. Noch tiefer ist er in seiner Todesnähe, noch tiefer in seiner Unstillbarkeit der Liebe, noch tiefer in der Unerfüllbarkeit seiner Sehnsucht." (Rainer Schmitz)

3. (-) 40. Punkte

FRANZ DOBLER: Aufräumen

Roman
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: Kunstmann, Antje, Verlag
Erscheinungsdatum: 5. März 2008
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3888975077
ISBN-13: 978-3888975073
Leichtere Lektüre

Mit Musik kennt Beat, der Held dieses Romans, sich aus. Mit Frauen auch. Immerhin hat er viele Filme gesehen, viele Bücher gelesen. Was zwar nicht immer hilft, manchmal aber schon.
Drei Jobs braucht Beat, um sich über Wasser zu halten: Er kellnert im Heaven, schreibt gelegentlich Musikkritiken und beliefert einen Pornoproduzenten mit »Ideen«, mit Bildern, die er aus seinem Leben »schießt«. Doch aus seiner beengten Lebenssituation hat ihn das nicht geführt, es ist keine gute Zeit für die Generation der schwindenden Chancen.
Wie ein Seismograf nimmt Beat die unterschwellige Aggression wahr, die die Leute mühsam oder gar nicht mehr unter Kontrolle haben. Wie der Mann, der vor ihm in der Straßenbahn sitzt und plötzlich ausrastet. Wann ist er selbst soweit? Er muss dringend aufräumen in seinem Leben. Vor allem jedoch muss er die Sache mit dem Pornoproduzenten und der Polizei klären. Erst dann kann er sich auf Monika konzentrieren, die Frau mit den Singles. Die Musik liebt und auflegt. Mit der das Leben anders sein könnte.
»Aufräumen« erzählt vom Leben eines Mannes, der am Rande der Gesellschaft steht und nicht wieder in sie hinein findet. Er erzählt von Blessuren und Verletzungen, von Wutschüben und Hoffnung, von früheren Wünschen und jetzigen Illusionen. Von Frauen und vom Träumen, von der Kraft der Musik und, immer wieder, von der Liebe.

4. - 5. (-) 36 Punkte

KATHARINA FABER: Fremde Signale - Ein Album

Roman
Gebundene Ausgabe: 329 Seiten
Verlag: Bilgerverlag
Auflage: 1 (März 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 390801090X
ISBN-13: 978-3908010906
leichtere Lektüre

Katharina Fabers Roman erzählt die Geschichte der drei jungen Toten Michail, Linette und Boris, die als Schutzengel ausgeschickt sind, über das Leben eines in den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts geborenen Mädchens zu wachen.
Wenn die Toten als Schutzengel zu uns reden, tun sie das nicht in einer Sprache oder mit den Zeichen einer Sprache. Wenn sie warnen, werden sie oft nicht verstanden, weil die Signale, die sie uns übermitteln, fremde Signale sind.
»Attali wäre uns um ein Haar gestorben. Sie hat zu viel Lavendelblüten gegessen. Ich war allein mit ihr. Boris war wieder unmöglich lange bei seiner Mutter und Michail war bei seinem Vater, der vor ein paar Wochen aus einem Straflager entlassen wurde.«

4. - 5. (4.) 36 Punkte

FRIEDERIKE MAYRÖCKER: Paloma

Gebundene Ausgabe: 198 Seiten
Verlag: Suhrkamp
Auflage: 2. (Februar 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3518419560
ISBN-13: 978-3518419564
Mittelschwere Lektüre

Paloma: Das Buch trägt den Namen der Tauben im Flieder, der geflügelten Boten im Azur. 99 Briefe auf der Kreisbahn eines Jahres, von Mai 2006 bis April 2007: "lieber Freund, die weiszen Lilien, die du mir zur Tür gelegt hast, sind eine grosze Lust mein Schreibzimmer voll Glanz und Duft : das wird mich anfeuern zu schreiben", hebt der erste von ihnen an, in den Frühling geschrieben, den dichtenden Vögeln nach. "Fern Schreiben" sind es, an den Freund, den Leser und an ihn, den abwesenden Verbündeten, der dahin ist und doch nie gegangen. Während draußen die Gegenstände wie Bühnenkulissen wechseln und das Leben sich im Fenster vis-à-vis spiegelt, hält Friederike Mayröcker Zwiesprache mit sich selbst: "bin den ganzen Tag am Lauschen: Worte, Wortbilder, Sätze, (...) fliege immer wieder auf und nieder, hierhin und dahin."
Paloma ist ein kühnes, poetisches, wildes Buch über den Umgang mit sich und die "Menschen Verhältnisse", die Generalinventur einer großen Dichterin. Über das Schreckgespenst des Alters, die Geisteszerrüttung, den Schwindel siegt eine tiefe Lebenslust, die Glut des Schreibenwollens und die rücksichtslose Hingabe an die alles verwandelnde, tragende, die zum Himmel auffahrende Sprache: "Möchte saphirene Texte schreiben tatsächliches Blau."

6. - 7. (7.) 35 Punkte

CORMAC McCARTHY: Kein Land für alte Männer

Roman. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag GmbH
Erscheinungsdatum: 10. März 2008
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3498045024
ISBN-13: 978-3498045029
Mittelschwere Lektüre

Die Verfilmung war der Abräumer bei der letzten Oscar-Preisverleihung
Hobby-Jäger Bill Moss findet bei einem morgendlichen Ausflug in der texanischen Wüste drei zerschossene Geländewagen. Drinnen sitzen Tote, aus einer aufgeschnittenen Tüte rieselt Heroin. Ein Stück weiter, entlang einer Blutspur, noch eine Leiche, die einen Koffer mit 2,4 Millionen Dollar darin umklammert. Einer schlechten Eingebung folgend, nimmt Moss den Koffer mit und macht prompt den Fehler, in der Nacht zurückzukehren, um seine Spuren zu verwischen. Da warten bereits mit MPs bewaffnete Gangster auf ihn. Zwar kann er entkommen, doch nun jagt eine ganze Bande von Killern den Jäger, namentlich ein Psychopath namens Chigurh ein Mann mit ethischen Prinzipien: Er tötet, selbst wenn die Gründe sich erledigt haben. Seine Lieblingswaffe ist ein Bolzenschussgerät. Berichtet wird all dies vom entgeisterten Provinzsheriff Bell, ebenfalls ein prinzipienfester Mann, er mit dem modernen Verbrechen nicht mehr zurechtkommt, ja nicht einmal mehr weiß, was gut, was böse ist ... Einmal mehr zeigt sich hier McCarthys radikaler Kulturpessimismus in grandioser Weise, in einem Roman, der in die Abgründe menschlicher Bosheit führt und einen das Zittern lehrt.

6. - 7. (-) 35 Punkte

PETER STAMM: Wir fliegen

Erzählungen
Gebundene Ausgabe: 175 Seiten
Verlag: S. Fischer, Frankfurt
Auflage: 1, April 2008
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3100751280
ISBN-13: 978-3100751287
Leichtere Lektüre

Heidi zeichnet das junge Mädchen, das sie nie gewesen ist. Vor Jahren wollte sie Künstlerin werden, in Wien studieren an der Akademie, aber die Reise ging nur bis Innsbruck. Jetzt hat sie Mann und Kind, die sie nie gewollt hat. Erst durch Carmen, die hübsche Lehrtochter aus der Bäckerei, fängt sie wieder an zu träumen. Bruno arbeitet seit dreißig gleichmäßigen Jahren als Portier in einem Hotel. Er war beim Arzt, ein schlimmes Ergebnis könnte ihn erwarten. Noch weiß er nichts endgültiges, es ist seine letzte Nacht vor dem Resultat. Aber es wird nichts sein, bestimmt nicht. Für einen Moment ist er ganz glücklich.
Es sind diese Momente, in denen sich etwas verändert im Leben, in denen etwas geschieht, man merkt es kaum. Momente, die der Zeit enthoben scheinen. Eine neue Welt tut sich auf, man erkennt die Sackgasse, in die man vor langer Zeit geraten ist. Und plötzlich herrscht ein anderes Licht.

"Der Ausruf 'Wir fliegen' steht in einem großen, sarkastischen Gegensatz zur Lebensrealität. Er verweist auf das Grundmodell in Peter Stamms Geschichten: dem Gleichmaß, der Desillusionierung steht eine Sehnsucht gegenüber, die nicht recht zu fassen ist und etwas Verstörendes hat. Stamm verwendet meist eine sehr einfache, schlichte Sprache. Das kann eine starke Wirkung entfalten." (Helmut Böttiger)

8. (-) 30 Punkte

SHERKO FATAH: Das dunkle Schiff

Roman
Gebundene Ausgabe: 440 Seiten
Verlag: Jung und Jung
Auflage: 1 (Februar 2008) Sprache: Deutsch
ISBN-10: 390249736X
ISBN-13: 978-3902497369
Leichtere Lektüre

Ein junger Iraker gerät unter die Gotteskrieger und flieht nach Deutschland. Ein kluger Abenteuerroman, der mit Spannung zeigt, wie ein kleines Leben von großen Umwälzungen erfaßt wird.
Das Buch erzählt die Geschichte des jungen Kerim, von Beruf Koch, der sich aus dem irakischen Grenzland auf die beschwerliche und gefährliche Reise nach Europa macht. Von früh an der Idee verfallen, sich zu verwandeln, hat er noch andere Gründe für seine Flucht, war er doch unter die Gotteskrieger geraten und mit ihnen durch das Land gezogen, bevor er sich von ihrem Weg der Gewalt lossagte. Kerim, bemüht, in Deutschland ein neues Leben zu beginnen, kann, obwohl er in dem fremden Land auch Zuwendung und sogar seine erste Liebe findet, die Vergangenheit nicht abschütteln, vielmehr scheint diese sich fortwährend auf ihn zuzubewegen.
In diesem Roman geht es nicht um den Islam, sondern um den Extremismus, der viele Erscheinungsformen haben kann, um seine Verführungsmacht und die Folgen. Extremismus entsteht nicht in einem Kopf, sondern unter realen Lebensbedingungen. So ist Kerims Geschichte die eines kleinen, konkreten Lebens inmitten großer Umwälzungen, und sein spirituelles wie auch seine realen Abenteuer sind nicht so außergewöhnlich, wie sie aus europäischer Sicht scheinen mögen. Viele haben sich wie er auf den Weg gemacht, viele sind auch wie er verstrickt worden, wenn schon nicht immer aus nachvollziehbaren Gründen, so zumindest doch auf eine Weise, welche auch die besten Nachrichtenbilder uns nicht zeigen können.

9. - 10. (-) 25 Punkte

WILLA CATHER: Meine Antonia

Roman. Aus dem Amerikanischen von Stefanie Kremer
Gebundene Ausgabe: 318 Seiten
Verlag: Knaus
Erscheinungsdatum: Februar 2008
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3813503127
ISBN-13: 978-3813503128
Leichtere Lektüre

Als Sinclair Lewis 1930 den Literaturnobelpreis erhielt, bemerkte er, dass die Auszeichnung eigentlich Willa Cather gebühre. Die heute fast vergessene moderne Klassikerin schrieb mit Meine Antonia den vielleicht eindrucksvollsten amerikanischen Roman des 20. Jahrhunderts. Es ist die Geschichte einer jener starken, mutigen Frauen, die Amerikas Herzland urbar gemacht haben:
Die unendlichen Weiten des Graslands, die Prärie im Herzen Nordamerikas - hierher zieht es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die böhmische Familie Shimerda. Wie Millionen Menschen aus der Alten Welt erhofft sie sich ein besseres Leben. Als der Nachbarjunge Jim die kleine Antonia zum ersten Mal sieht, lebt deren Familie noch in einem armseligen Erdloch. Doch das Mädchen lässt sich weder von harter Arbeit, vom tragischen Tod ihres Vaters noch von den viktorianischen Rollenvorstellungen daran hindern, die ungezähmte Natur zu erkunden, sich von der Grenzenlosigkeit des Landes mitreißen zu lassen, sich ihrem Lebenshunger hinzugeben. Antonia ist klug, zielstrebig und schön. Wild entschlossen nimmt sie ihr Schicksal in die Hand. Eine unsentimentale, meisterhaft erzählte Hommage an eine grandiose Natur und an jene Menschen, die in der Neuen Welt für ein freies Leben aus eigener Kraft kämpften. In der Neuübersetzung von Stefanie Kremer, mit einem Nachwort von Elke Schmitter.

"Wer Meine Antonia einmal gelesen hat, vergisst es nicht mehr. Ihre Heldin gehört jenem Kosmos an, in dem Oblomow und die Buddenbrooks, Emma Bovary und Anna Karenina, Lady Chatterley und Tom Saywer miteinander verkehren; sie alle lebendig genug, um ihre Schöpfer zu überleben." (Elke Schmitter)

9. - 10. (-) 25 Punkte

HIROMI KAWAKAMI: Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß

Eine Liebesgeschichte
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Hanser Belletristik
Auflage: 1 (9. Februar 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3446209999
ISBN-13: 978-3446209992
Mittelschwere Lektüre

Eine selbstbewusste Frau, ein alter, weiser Mann, reichlich Sake, etwas Walfischspeck und immer wieder Lotuswurzel - Zutaten dieser stillen, faszinierend fremden Liebesgeschichte aus Japan. Tsukiko ist achtunddreißig und lebt allein. Zur Liebe, glaubt sie, sei sie nicht begabt. Da trifft sie in einer Kneipe ihren alten Japanisch-Lehrer wieder, den sie nur den Sensei nennt. Auch er lebt allein, in einer etwas verwahrlosten Wohnung, wo er merkwürdige Gegenstände sammelt. Einer sucht die Nähe des anderen und scheint gleichzeitig vor ihr zu fliehen. Selten wurde die Annäherung zweier Menschen so subtil und zugleich eindringlich beschrieben.

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