Shakespeare and more:
Neuerscheinungen und Rezensionen

Mein Foto
Name: Ennka
Standort: Hamburg, Germany

Donnerstag, Juli 03, 2008

Lesen! Elke Heidenreich am 04.07.2008


Eigentlich wollte Götz Alsmann nur sein Lieblingsbuch "Der Orientalist" mit in die Kölner Kinderoper bringen. Doch dann schlug er vor, auch über einen der bedeutendsten Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, Ivan Turgenev, zu sprechen - eine Idee, die Elke Heidenreich ausdrücklich begrüßte.
Ansonsten wieder die übliche Mischung bedeutender und gut lesbarer Bücher und Hörbücher, für die Elke Heidenreich bekannt ist. Der mare-Verlag beispielsweise schrieb uns Buchhändler bereits im Vorfeld an, mit dem Hinweis, nach der Sendung könne es zu Lieferengpässen kommen und man solle doch ordern, solange ihr Titel noch vorrätig sei. Da ist sicher etwas dran: die Bücher, die Elke Heidenreich in Lesen! vorstellt, entwickeln sich in aller Regel zu Bestsellern.
Diesmal dabei:

Franz Kafka: Das Schloß

Gelesen von Ulrich Matthes
10 CDs, Laufzeit 13 Stunden 20 Minuten
Deutsche Grammophon, 2008
ASIN: B00116XWNO


Klaus Wagenbach (Hg.): Franz Kafka - Bilder aus seinem Leben

Gebundene Ausgabe, Leinen, Fadenheftung,
256 Seiten mit ca. 650 Abbildungen, Duotone
Verlag Klaus Wagenbach, 2008.
ISBN 978-3-8031-3625-1

Bilder aus dem Leben Franz Kafkas. Mit einem umfangreichen Textteil: ein Lesebuch mit Bildern. Ein Bilderbuch zum Lesen. Seit 1951 sammelt Klaus Wagenbach fotografische Dokumente über Franz Kafka; in fünf Jahrzehnten entstand ein einzigartiges Archiv mit hunderten von Aufnahmen.
Dieses Archiv ist Grundlage des vorliegenden Bandes, der alle wichtigen Bilder zum Leben Kafkas enthält.
Die begleitenden Texte von Klaus Wagenbach fassen in Einführungen zu den einzelnen Kapiteln die jeweilige Lebenssituation zusammen. Besonders wichtige Dokumente oder Fotografien werden erläutert und mit Zitaten ergänzt.
Sämtliche wichtigen Personen, Orte und Landschaften in Kafkas Leben treten auf, die Arbeits- und Schreibstätten werden vorgestellt.

Tom Reiss: Der Orientalist

Auf den Spuren von Essad Bey
Aus dem Amerikanischen von Jutta Bretthauer
Gebundene Ausgabe, 506 Seiten mit 26 Abbildungen
Osburg Verlag, 2008
ISBN: 978-3-940731-05-0

»Vater: Ölmillionär. Mutter: radikale Revolutionärin. So begann mein Dasein.«
Und es sollte ein Leben voller Spannungen und unerwarteter Wendungen werden, das den jungen Juden Lev Nussimbaum, 1905 in Baku geboren, in den Jahren der russischen Revolution über Zentralasien, Persien und die Türkei schließlich bis ins Berlin der Wilden Zwanziger Jahre führte. Dort machte er sich, inzwischen zum Islam konvertiert, als Essad Bey (alias Kurban Said) einen Namen als international anerkannter Autor, unter anderem des noch heute verlegten Bestsellers Ali und Nino. Nach einem Intermezzo in New York zog er nach Wien, floh vor den Nazis nach Italien und starb 1942 in Positano.
Tom Reiss zeichnet das faszinierende Porträt einer schillernden Persönlichkeit und ihrer turbulenten Zeit, deren kurze, doch romanhaft anmutende Lebensgeschichte den Leser in den Bann schlägt und tief bewegt.

Joyce Carol Oates: Du fehlst

Aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz
Gebundene Ausgabe, 496 Seiten
S. Fischer Verlag, 2008
ISBN 978-3-10-054014-0

Als Nikki Eaton, Anfang dreißig, unabhängig und eigenwillig, endlich ihr schlechtes Verhältnis zu ihrer Mutter klären will, wird diese Opfer eines Raubüberfalls. Wäre Nikki zehn Minuten eher bei ihrer Mutter eingetroffen, hätte sie deren Tod vielleicht noch verhindern können. Jetzt muss sie sich mit dem plötzlichen Tod ihrer Mutter Gwen auseinandersetzen. Bisher hatte sie diese pflichtschuldig an Feiertagen besucht, immer auf der Hut vor deren Einmischung in ihr Leben. Nun trifft sie der Kummer um Gwens Tod unerwartet und heftig. Engagiert und spannend beschreibt Joyce Carol Oates das Spektrum der Veränderungen und verwirrenden Gefühle in Nikkis Trauerjahr: Lähmung, Wut, Sorge und auch Erkenntnis. Mit Du fehlst hat Oates einen Pageturner geschaffen, ein großartiges Buch.

Margaret Atwood: Moralische Unordnung

Aus dem Englischen von Malte Friedrich
Gebundene Ausgabe, 256 Seiten
Berlin Verlag, 2008
ISBN 978-3827007094

Moralische Unordnung ist der Roman von Margaret Atwoods Leben. All ihren Scharfsinn, ihren erbarmungslosen Humor richtet sie wie Scheinwerfer auf das eigene Leben, und das Ergebnis zählt zum Besten, was wir von dieser großen Erzählerin kennen.
Nur die erste Geschichte bricht aus der Chronologie dieses Lebens aus. Sie zeigt ein älteres Paar, das aus dem Kanada der Gegenwart in der Phantasie der Frau plötzlich in die Spätzeit des Römischen Reiches versetzt wird: Die Barbaren kommen! Dann aber führt das Buch in die Kindheit der Erzählerin Nell, schildert die kluge, lebenstüchtige, aber ein wenig kühle Mutter, den praktischen, robusten Vater, einen Insektenforscher, und die viel jüngere, psychisch labile Schwester. Als Nell das Elternhaus verlässt, verdient sie ihr Geld mit freier Lektoratsarbeit. Sie lernt den Mann ihres Lebens, Tig, kennen, der aber noch mit Oona verheiratet ist und zwei Söhne hat. Vor dieser Ehe läuft Tig nur sehr langsam davon, quälend lang dauert es, bis er sich wirklich trennt. Diese "alte Geschichte" von der Ehefrau und der Geliebten, wie Lillie, eine liebenswerte Immobilienmaklerin, es nennt, ist der Kern des Buches - und Lillie selbst ist ein Kabinettstückchen von Atwoods Porträtkunst.
Aber da sind noch andere solcher Glanzstücke: Tig, der überaus gutwillige, aber gerade deshalb fast unerträgliche Mann, Oona, die Tig und Nell zusammenbringt, dann aber nicht aushält, was sie angerichtet hat, und schließlich die Tiere, Gladys, das trotzige Welsh Pony, und der neurotische Hund Howl. Dies ist ein großartiges Buch, in dem die ganze stilistische Virtuosität, die Leichtigkeit, der Witz und die Ironie Atwoods wie Scheinwerfer auf ihr eigenes Leben gerichtet werden. Ein atemberaubendes Experiment.

Ivan Turgenev: Aufzeichnungen eines Jägers

Aus dem Russischen von Peter Urban
Gebundene Ausgabe, 704 Seiten
Manesse Verlag, 2007
ISBN 978-3-7175-2058-X

Der Titel vermittelt in einer Art verharmlosender Camouflage, es würde in diesem Buch um landläufiges Jägerlatein gehen. Doch die zaristische Zensurbehörde ließ sich durch diese Finte nicht lange hinters Licht führen und verbot die "Aufzeichnungen eines Jägers" noch im Erscheinungsjahr. Die Schilderung menschenunwürdiger Zustände, die aufklärerisch-realistische Figurenzeichnung, vom Leibeigenen bis zum Gutsbesitzer, vom Handwerker bis zum kleinen Beamten, wirkte trotz Verbots als Sprengstoff in der Diskussion um die Aufhebung der Leibeigenschaft in Rußland.
Mit der Novellensammlung von 1852 trat Turgenev die Erbschaft der Puschkinschen Erzählkunst an. Die "Aufzeichnungen" begründeten im Nu seinen Ruf als Erzähler von europäischem Format. Die sanfte Ironie, die die Erzählhaltung wie in einem scheinbar absichtslosen Erlebnisbericht prägt, erhöht die Drastik des Geschilderten ungemein wirkungsvoll. Peter Urban, maßgeblicher Kenner und Vermittler russischer Weltliteratur, erschließt in seiner Neuübersetzung den Bedeutungs- und Nuancenreichtum des Werks mit der ihm eigenen Meisterschaft.

William Faulkner: Licht im August

Aus dem Amerikanischen von Helmut Frielinghaus und Susanne Höbel
Gebundene Ausgabe, 480 Seiten
Rowohlt Verlag, 2008
ISBN 978-3-498-02068-2

Mit sinnlicher Leidenschaft entrollt Faulkner in diesem Klassiker der Literatur des 20. Jahrhunderts drei Lebenswege in der weiten Landschaft des Mississippi: Lena Grove, eine junge Schwangere auf einer fremden Landstraße, sucht ihren Geliebten. Am Ende hat sich ihr Schicksal in der Begegnung mit einem anderen Mann erfüllt, aber das Chaos sündhafter Verstrickung entlässt sie wieder fast unberührt. Joe Christmas, ein schwarzer Wanderarbeiter, findet hingegen keinen anderen Ausweg aus Unterdrückung und Gewalt, als selbst zum Mörder zu werden. Der Geistliche Gail Hightower durchschaut das Gewebe aus religiösem und rassischem Fanatismus, kann sich aber nicht aus seiner Verklärung der «glorreichen» Südstaatenvergangenheit befreien ...
Faulkners zwingende Modernität, sein multiperspektivischer, psychologischer Stil machen «Licht im August», 1932 geschrieben, bereits 1935 bei Rowohlt veröffentlicht, zu einem der wirkungsmächtigsten Romane des 20. Jahrhunderts hierzulande vor allem nach dem Krieg, als er in einer rororo-Zeitungsausgabe einem breiten Publikum zugänglich wurde. Anlässlich seines hundertjährigen Bestehens bringt der Rowohlt Verlag Faulkners besten und bekanntesten Roman in einer Neuübersetzung von Helmut Frielinghaus und Susanne Höbel, versehen mit einem Nachwort von Paul Ingendaay, neu heraus.

Andreas Beurmann: Das Buch vom Klavier

Gebundene Ausgabe, 376 Seiten
Georg Olms Verlag, 2007
ISBN 978-3-487-08472-5

"Klavierspielen motiviert, beflügelt, begeistert. Es befreit vonZwängen, öffnet Herz und Sinne für das Schöne und Positive, weckt Freude am Leben." (Hermann Rauhe, Faszination Klavier)
Ganz im Sinne des Mottos möchte dieses Buch in die betörende Welt der Klavierinstrumente einführen, möchte Freude und Entspannung bei der Betrachtung und Erforschung jedes einzelnen vorgestellten Instruments vermitteln. Die zahlreichen, durchgehend vierfarbig abgedruckten Bilder erzählen die Geschichte vom Werden des Klaviers in seiner üppigen Mannigfaltigkeit. Mehr als einhundert Instrumente Tafelklaviere, Hammerflügel, Tangentenflügel, Konzertflügel, zuzüglich einiger nicht besaiteter Tasteninstrumente behandelt Andreas Beurmann in diesem Band mit bewundernswerter Kennerschaft. Zahlreiche Instrumente aus der umfangreichen Sammlung des Autors (heute teils im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg), bilden das Material für die Betrachtungen. Die Beschreibungen sind in chronologischer Folge angeordnet.Sie gliedern sich in die Segmente Signatur, Ausstattung, Aufbau,Mechanik, Klaviatur, Mensuren, Besaitung, Abmessungen. Jedes Instrument ist als Totalansicht und mit zahlreichen Details abgebildet. Keine andere Musikinstrumentenfamilie verfügt über eine so faszinierende Entwicklungsgeschichte wie die Klavier-Instrumente, verfügt über eine derartige Vielfalt von Tonerzeugungs-Mechaniken und Klangvarianten. Kaum ein anderesInstrument hat auch das Musikgeschehen so entscheidend geprägt und mitbestimmt, wie das Tasteninstrument.

Matthias Politycki: In 180 Tagen um die Welt

Gebundene Ausgabe, 152 Seiten
marebuchverlag, 2008
ISBN 978-3-8664-8080-3

«Fonsä, Veit, Wolfi, Zenz! Wenn ich s nicht mit eignen Augen gesehen hätte, ich würde s schier selber nicht glauben.» Wer eine Reise auf dem besten aller Kreuzfahrtschiffe macht, der hat etwas zu erzählen; wer sie als einfacher Finanzbeamter aus dem bayerischen Oberviechtach antritt, den ein Lottogewinn an Bord geführt hat, der kommt aus dem Staunen so schnell nicht mehr heraus: Johann Gottlieb Fichtl, von seiner Tippgemeinschaft mit Motivkrawatten und einem «Aldi-Smoking» aus dem Fundus des Bürgermeisteramtes für seine Reise ausgestattet, macht sich auf, die Welt im Allgemeinen und vom Penthouse-Deck bis hinunter in die Pumpensümpfe die von MS Europa im Besonderen zu erkunden.
In 184 Shortcuts berichtet er vom aberwitzigen Fünfsterneplus-Alltag an Bord und seinen nicht minder (aber-)witzigen Erlebnissen an Land: Die Reisegesellschaft entpuppt sich dabei mehr und mehr als Kuriositätenkabinett, das auf einem schwimmenden Zauberberg unserer Zeit dem Rausch der Intrigen und Gerüchte frönt und dabei grandios an Leben und Tod und all dem existenziellen Ernst vorbeifeiert, dem auch die Europa auf ihrer Fahrt durch die sieben Weltmeere nicht entkommt. Dieser Fichtl aus Oberviechtach aber, der an Bord bald zu «einem Großen, einem ganz Großen» hochgetuschelt wird, findet am Ende der Reise den Ort seiner Bestimmung: Für ihn hat das Abenteuer gerade erst begonnen.
Mit In 180 Tagen um die Welt hat Matthias Politycki den Schelmenroman des beginnenden 21. Jahrhunderts geschrieben: Das Logbuch des Herrn Johann Gottlieb Fichtl ist eine kühne Tour de farce, auf der Politycki die Idiosynkrasien unserer Gesellschaft mit satirischer Brillanz in ihre Bestandteile zerlegt. Und für den Leser zu einer ganz und gar phantastischen Reise neu zusammensetzt.