A. J. Jacobs: Die Bibel und ich
Gebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Ullstein Hc
11. September 2008
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3550087240
Zugegeben: ein gewisses Maß an Häme hat eine Rolle gespielt, als ich das erste Mal nach diesem Buch griff. Da versucht ein New Yorker Journalist, ein Jahr konsequent nach der Bibel zu leben und notiert sich seine Erlebnisse. Das kenne ich aus der evangelikalen Szene. Dort behauptet auch jeder, konsequent und nur nach der Bibel zu leben. Und von je her war ich skeptisch: warum werden dann so viele Gebote überhaupt nicht befolgt, andere zurechtgebogen und warum ähneln die Gebote, die bei diesem evangelikalen Auswahlverfahren übrig bleiben, so kolossal den moralischen Vorstellungen der christlichen Elterngeneration?
Schon nach wenigen Sätzen fühle ich mich von Jacobs bestätigt, der den Bibeltreuen im Land ethische Rosinenpickerei vorwirft und quasi als Konsequenz daraus versucht, tatsächlich ein Jahr getreu der ganzen Bibel zu leben. Er bezeichnet sich selbst als Agnostiker, was die Sache nur um so pikanter macht: ob es einen Gott gibt - wer kann das wissen? Unwillkürlich denke ich an die Bergpredigt, Matthäus 7: «Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt.» Das scheint mir doch eine gute Voraussetzung für Jacobs' Bibelprojekt.
Das Ganze hätte nun ein relativ dröges Projekt werden können, das bestenfalls in religiösen Buchhandlungen das Potential zur Stapelware hat. Aber Jacobs ist in Deutschland (und Amerika sowieso) kein Unbekannter. 2006 zeigte er mit seinem Mammutprojekt Britannica & ich, dass er aufs Angenehmste Persönliches und Wissenswertes mit einem Augenzwinkern zu vermitteln vermag. Sein Britannica-Erlebnis wurde hierzulande zum Bestseller. Den selben Stil pflegt er auch bei seinem Bibel-Buch: Auch dieses ist persönlich bis an die Big-Brother-Grenze, gleichzeitig aber voller Witz und lehrreich, ohne zu belehren. Das Buch gibt einen tiefen Einblick in fremde Kulturen, macht vertraut mit den ungewöhnlichsten Riten des Judentums und des Christentums, macht bekannt mit einigen würdigen Vertretern beider Religionen. Und ist ein Lesespaß ohnegleichen.
Dass Jacobs seine eigene Mission nicht übermäßig ernst nimmt, zeigt spätestens die Steinigungsszene im Central Park. Jacobs macht sich klar, dass im alten Testament für alles mögliche gesteinigt wurde. Homosexualität, Habsucht, Ehebruch. Weil er in diesem letzten Fall aktiv werden möchte, sammelt er ein paar Steine. Zum Glück sagt die Bibel nichts über die Größe der dafür nötigen Steine. Eine Handvoll Kiesel tun es wohl auch, meint er. Aber selbst Kieselwürfe können bekennende Ehebrecher nicht begeistern. Der nicht ganz ernst gemeinte Versuch endet in einer handfesten Prügelei.
Ich mag Leute, die über sich selbst lachen können. Und bei Jacobs komme ich aus dem Schmunzeln kaum je heraus. Dass er nebenbei handfeste Informationen bereithält, rechne ich ihm hoch an. Neue Munition gegen allzu selbstgerechte selbsternannte Bibeltreue finde ich hier zuhauf. Und erlebe ganz nebenbei, wie die Bibel einen Menschen verändert, der sich selbst als bekennenden Agnostiker bezeichnet. Ein Buch, das Lust auf mehr macht.
Verlag: Ullstein Hc
11. September 2008
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3550087240
Zugegeben: ein gewisses Maß an Häme hat eine Rolle gespielt, als ich das erste Mal nach diesem Buch griff. Da versucht ein New Yorker Journalist, ein Jahr konsequent nach der Bibel zu leben und notiert sich seine Erlebnisse. Das kenne ich aus der evangelikalen Szene. Dort behauptet auch jeder, konsequent und nur nach der Bibel zu leben. Und von je her war ich skeptisch: warum werden dann so viele Gebote überhaupt nicht befolgt, andere zurechtgebogen und warum ähneln die Gebote, die bei diesem evangelikalen Auswahlverfahren übrig bleiben, so kolossal den moralischen Vorstellungen der christlichen Elterngeneration?
Schon nach wenigen Sätzen fühle ich mich von Jacobs bestätigt, der den Bibeltreuen im Land ethische Rosinenpickerei vorwirft und quasi als Konsequenz daraus versucht, tatsächlich ein Jahr getreu der ganzen Bibel zu leben. Er bezeichnet sich selbst als Agnostiker, was die Sache nur um so pikanter macht: ob es einen Gott gibt - wer kann das wissen? Unwillkürlich denke ich an die Bergpredigt, Matthäus 7: «Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt.» Das scheint mir doch eine gute Voraussetzung für Jacobs' Bibelprojekt.
Das Ganze hätte nun ein relativ dröges Projekt werden können, das bestenfalls in religiösen Buchhandlungen das Potential zur Stapelware hat. Aber Jacobs ist in Deutschland (und Amerika sowieso) kein Unbekannter. 2006 zeigte er mit seinem Mammutprojekt Britannica & ich, dass er aufs Angenehmste Persönliches und Wissenswertes mit einem Augenzwinkern zu vermitteln vermag. Sein Britannica-Erlebnis wurde hierzulande zum Bestseller. Den selben Stil pflegt er auch bei seinem Bibel-Buch: Auch dieses ist persönlich bis an die Big-Brother-Grenze, gleichzeitig aber voller Witz und lehrreich, ohne zu belehren. Das Buch gibt einen tiefen Einblick in fremde Kulturen, macht vertraut mit den ungewöhnlichsten Riten des Judentums und des Christentums, macht bekannt mit einigen würdigen Vertretern beider Religionen. Und ist ein Lesespaß ohnegleichen.
Dass Jacobs seine eigene Mission nicht übermäßig ernst nimmt, zeigt spätestens die Steinigungsszene im Central Park. Jacobs macht sich klar, dass im alten Testament für alles mögliche gesteinigt wurde. Homosexualität, Habsucht, Ehebruch. Weil er in diesem letzten Fall aktiv werden möchte, sammelt er ein paar Steine. Zum Glück sagt die Bibel nichts über die Größe der dafür nötigen Steine. Eine Handvoll Kiesel tun es wohl auch, meint er. Aber selbst Kieselwürfe können bekennende Ehebrecher nicht begeistern. Der nicht ganz ernst gemeinte Versuch endet in einer handfesten Prügelei.
Ich mag Leute, die über sich selbst lachen können. Und bei Jacobs komme ich aus dem Schmunzeln kaum je heraus. Dass er nebenbei handfeste Informationen bereithält, rechne ich ihm hoch an. Neue Munition gegen allzu selbstgerechte selbsternannte Bibeltreue finde ich hier zuhauf. Und erlebe ganz nebenbei, wie die Bibel einen Menschen verändert, der sich selbst als bekennenden Agnostiker bezeichnet. Ein Buch, das Lust auf mehr macht.
Labels: Buchrezensionen


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