Shakespeare and more:
Neuerscheinungen und Rezensionen

Mein Foto
Name: Ennka
Standort: Hamburg, Germany

Samstag, Januar 31, 2009

SWR Bestenliste Februar 2008


Platz 1 (-) 90 Punkte

THOMAS BERNHARD: Meine Preise

Gebundene Ausgabe: 139 Seiten
Verlag: Suhrkamp
Auflage: 1
Erscheinungstermin: 7. Januar 2009
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3518420553
Preis: 15,80 Euro
Mittelschwere Lektüre

Nach Thomas Bernhard kann die Kunst der Übertreibung auch die Form der Untertreibung annehmen. In Sinne einer solchen Untertreibung muß die Publikation von »Meine Preise« als Sensation gelten: Zum 20. Todestag im Februar 2009 wird diese Prosaarbeit erstmals veröffentlicht. Bernhard hat sie 1980 fertiggestellt, zu Lebzeiten aber nie publiziert. Der Text gliedert sich in neun Kapitel und einen Anhang. Zornig Rückschau haltend, zieht Bernhard darin eine Bilanz der ihm verliehenen Literaturpreise. Detailliert schildert der begnadete Komiker die Tragödien, zu denen sich die Überreichung seiner Literaturpreise jeweils entwickelte. Ob Bremer Literaturpreis, ob Staatspreis für Roman, ob Grillparzer-Preis, ob Georg-Büchner-Preis: Als Auslöser von Skandalen dienten sie dem Geehrten allemal. Für den Autor sind die mit den Preisen verbundenen Geldbeträge aber auch ein Anlaß, sich in Abenteuer zu stürzen.

Auf die gesamte Menschheit schimpfend und über sich selbst den Kopf schüttelnd entwirft Thomas Bernhard ein Selbstporträt des Autors als Preis- und Preisgeldempfänger. Diese Selbstdarstellung setzt da ein, wo die bisher in Buchform erschienene Autobiographie endet - bei seiner frühen Anerkennung nach dem ersten Roman - , und schließt mit dem Austritt aus der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Diese bisher unveröffentlichte komödiantische Prosa zeigt Bernhard auf dem allerhöchsten Stand seiner Kunst: Schimpfend, staunend, verfluchend-verlachend hadert Thomas Bernhard mit der Welt im allgemeinen, dem Kulturbetrieb im besonderen und ganz speziell mit sich selbst mittendrin.

Leseprobe beim Suhrkamp Verlag

Platz 2 (-) 73 Punkte

PETER ADOLPHSEN: Das Herz des Urpferds

Gebundene Ausgabe: 112 Seiten
Verlag: Nagel & Kimche AG, Verlag, Zürich/Frauenfeld
Erscheinungstermin: 30. Juli 2008
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3312004140
Preis: 12,90 Euro
Mittelschwere Lektüre

In äußerster Verdichtung verknüpft Peter Adolphsen die Geschichte der Erde mit dem Aufeinandertreffen zweier Menschen an einem Sommertag im Jahr 1973 in Austin, Texas. Geschult an Borges und Cortázar, ausgerüstet mit Ironie und Scharfsinn, präsentiert der originellste Schriftsteller der jüngeren Generation aus Dänemark eine aberwitzige und zugleich zwingende Abfolge von Materie, Energie und dem Zufall, aus dem unser Leben besteht.

Leseprobe bei Nagel und Kimche

Platz 3 (-) 61 Punkte

DANIEL KEHLMANN: Ruhm

Gebundene Ausgabe: 203 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag GmbH
Erscheinungstermin: 16. Januar 2009
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3498035433
Preis: 18,90 Euro

Mittelschwere Lektüre

Ein Mann kauft ein Mobiltelefon und bekommt Anrufe, die einem anderen gelten nach kurzem Zögern beginnt er ein Spiel mit der fremden Identität. Ein Schauspieler wird von einem Tag auf den nächsten nicht mehr angerufen, als hätte jemand sein Leben an sich gerissen. Ein Schriftsteller macht zwei Reisen in Begleitung einer Frau, deren größter Alptraum es ist, in einer seiner Geschichten vorzukommen. Ein verwirrter Internetblogger wiederum wünscht sich nichts sehnlicher, als einmal Romanfigur zu sein. Eine Krimiautorin geht auf einer abenteuerlichen Reise in Zentralasien verloren, eine alte Dame auf dem Weg in den Tod hadert mit dem Schriftsteller, der sie erfunden hat, und ein Abteilungsleiter in einem Mobiltelefonkonzern verliert über seinem Doppelleben zwischen zwei Frauen den Verstand. Neun Episoden, die sich nach und nach zu einem romanhaften Gesamtbild ordnen, ein raffiniertes Spiel mit Realität und Fiktionen: ein Spiegelkabinett. Ein Buch über Ruhm und Verschwinden, Wahrheit und Täuschungen - voll unvorhersehbarer Wendungen, komisch und brillant.

"Nichts hat er falsch gemacht: Der Nachfolger der "Vermessung" ist kein historischer Roman geworden. Es ist überhaupt kein Roman geworden, sondern ein komplexes Geschichtengebilde, ein literarischer Irrgarten aus neun aufeinander bezogenen, ineinander spielenden Erzählungen. Ein längerer Ausflug durch die Spiegelwelten unserer Zeit." (Elmar Krekeler)

Leseprobe beim Rowohlt Verlag

Platz 4 (-) 52 Punkte

NICO BLEUTGE: Fallstreifen

Gebundene Ausgabe: 96 Seiten
Verlag: C.H. Beck
Auflage: 1
Erscheinungstermin: 29. August 2008
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3406576874 12,90 Euro
Mittelschwere Lektüre

Das Gedächtnis ist ein stummes Archiv, in das nur die Erinnerung und die Wörter Leben hineinbringen. Doch das Erinnern liefert keine festen Bilder oder Geschichten, es sind nur Späne, Sprachsplitter und kleine Impulse, die aufleuchten, um sich bald schon zu verändern. Nico Bleutges Gedichte folgen dieser Bewegung mit ihrem Rhythmus und ihrem Klang, immer nah an der Wahrnehmung, immer nah an den Rißlinien von Sprache und Welt: "was sich da häutet, / schichtet, nah sich aufeinander schiebt. / das kriecht die wirbel noch entlang, / drückt nach in den knochen".

In seinem zweiten Band erkundet der junge Lyriker zwischen eigener Geschichte und Landschaften das Terrain der Erinnerung, über die Uwe Johnson einmal geschrieben hat, sie gleiche einer mächtigen grauen Katze hinter Fensterscheiben, unnahbar, stumm und verlockend. Und er knüpft da an, wo er mit seinem vielgelobten Erstling "klare konturen" aufgehört hat. Seine neuen Gedichte führen in die Vergangenheit hinein, machen historische Schichten und Stimmen lesbar, von der Zeit des Barock bis zu den Resten des Zweiten Weltkriegs auf der Insel Sylt. In einem unverwechselbaren Ton zeigen die Verse so, was ein Gedicht eigentlich leisten kann: Feineinstellungen an Sprache und Wahrnehmung.

Leseprobe beim Verlag C.H. Beck

Platz 5 (-) 45 Punkte

WALTER KAPPACHER: Der Fliegenpalast

Gebundene Ausgabe: 171 Seiten
Verlag: Residenz
Auflage: 1. Aufl.
Erscheinungstermin: Januar 2009
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3701715107
Preis: 17,90 Euro
Mittelschwere Lektüre

August 1924: H. ist auf der Rückreise und macht Halt in Fusch, einem Kurbad in den Salzburger Alpen, wo er mit seinen Eltern vor dem Krieg lange Sommer verbrachte. Inzwischen hat sich viel verändert: Freunde sind ihm abhanden gekommen, sein Ruhm liegt Jahre zurück, sein Schaffen ist bedroht von einer labilen Gesundheit und den leisesten Störungen. Auch im abgelegenen Bad Fusch hat die neue Zeit Einzug gehalten, an der er nur mehr als Beobachter teilnimmt, der sich selbst zunehmend fremd geworden ist. Bei einem Spaziergang wird H. ohnmächtig. Als er wieder zu sich kommt, lernt er den jungen Doktor Krakauer kennen, den Privatarzt einer Baronin. Auch er ist ein Rückkehrer in einer fremden Welt. H. sucht dessen Freundschaft, doch da ist die Baronin und da ist die Einsamkeit, der er nicht mehr entkommt. Walter Kappacher erzählt von einem Leben, das die Zeit überholt hat: mit fesselnder Intensität und luzidem Einfühlungsvermögen, so souverän wie virtuos. Er bestätigt damit seine Ausnahmestellung in der deutschsprachigen Literatur: ein Seltener (Peter Handke).

"Wie Walter Kappacher diese Gedanken, Assoziationen und Übersprungshandlungen zu Ketten und Sätzen verwebt, in die sich jemand immerfort verheddert, ohne dass der Leser, dem das alles klar und stark vor Augen steht, je in Mitleidenschaft gezogen würde, ist großartig, ... Walter Kappacher gibt Hugo von Hofmannsthal eine Stimme, einen Ton, als dieser selbst keinen hat - ein faszinierendes literarisches Solo." (Felicitas von Lovenberg)

Leseprobe beim Residenz Verlag

Platz 6 (-) 36 Punkte

JOCHEN SCHMIDT: Schmidt liest Proust

Gebundene Ausgabe: 608 Seiten
Verlag: Voland & Quist
Auflage: 1
Erscheinungstermin: September 2008
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3938424315
19,90 Euro
Mittelschwere Lektüre

Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" gehört zu den großen Werken des 20. Jahrhunderts, die man sich ein Leben lang noch zu lesen vornimmt.

Jochen Schmidt hat es getan: "Proust ist kein Aphrodisiakum, sondern ein Führer durch die Höllen der Eifersucht. Zum Glück ist er daneben auch ein völlig unterschätzter Ironiker."

Auf der CD zum Buch liest Jochen Schmidt aus "Schmidt liest Proust".

"Man könnte sagen, dass man nicht sterben sollte, ohne Proust gelesen zu haben. Aber in Wirklichkeit ist man dann noch gar nicht geboren." (Jochen Schmidt)

Lese- und Hörprobe beim Verlag Voland & Quist

Platz 7 (-) 34 Punkte

WILHELM GENAZINO: Das Glück in glücksfernen Zeiten

Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Hanser
Auflage: 1
Erscheinungstermin: 4. Februar 2009
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3446232655
Preis: 17,90 Euro

Leichtere Lektüre
Der Arbeitsmarkt kennt keine Gnade, erst recht nicht für Philosophen. Daher tritt Dr. phil. Gerhard Warlich eine Stelle als Wäscheausfahrer an und richtet sich ein in dieser nicht allzu aufregenden, aber sicheren Existenz. Doch als seine Freundin Traudel sich ein Kind wünscht, bringt das Warlich, der eigentlich nur "halbtags leben" möchte, vollkommen aus dem Gleis. Wilhelm Genazino erzählt diese Geschichte eines traurigen Helden und seiner viel weniger traurigen Freundin mit verblüffender Lakonie. Keiner beschreibt die menschliche Verzweiflung an Leben und Liebe so ironisch und brillant wie er.

Platz 8 (2) 27 Punkte

MARION POSCHMANN: Hundenovelle

Gebundene Ausgabe: 126 Seiten
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Auflage: 1
Erscheinungsdatum: 25. August 2008
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3627001490
Mittelschwere Lektüre

Hundenovelle handelt von einer ungewöhnlichen Begegnung: Am Stadtrand läuft der Erzählerin ein schwarzer Hund zu, verwildert, hungrig, aber von eigenartiger Schönheit. Der Hund lässt sich nicht abschütteln und drängt sich durch den Türspalt in ihre Wohnung. Sie kauft ihm zögerlich Tiernahrung, bringt ihn in einen Hundesalon. Mit dem imposanten Tier tritt ein Gegenüber in ihr Leben, das auf verstörende Weise immer mehr Platz in ihrer Einsamkeit einnimmt. Es sind die Hundstage, die Zeit der größten Sommerhitze, verbunden mit dem Erscheinen des Sternbilds "Großer Hund" am Horizont, dessen hellster Stern Sirius seit jeher als Künder besonderer Ereignisse und als Stern des Totenreichs gilt.

Platz 9 (-) 26 Punkte

PHILIP ROTH: Empörung

Verlag: Carl Hanser
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Auflage: 1
Erscheinungsdatum: 04.02.2009
ISBN: 978-3446232785
Leichtere Lektüre
Preis: 17,90 Euro

Er ist jung, anständig und fleißig, er revoltiert ein einziges Mal, und er bezahlt dafür mit seinem Leben. Marcus Messner beginnt 1951 sein Studium am konservativen College von Winesburg in Ohio. Während der Koreakrieg ins zweite Jahr geht, durchlebt Marcus eine Geschichte, die von Unerfahrenheit handelt, von Widerstand, Sex, Mut und Irrtum. Kaum ist er im College, kommt es zu einem ersten, ihn völlig verstörenden Erlebnis mit einem fragilen jungen Mädchen, und er begegnet einer Form der Diskriminierung, die ihn empört. Wider Willen wird Marcus zum Rebellen, gegen seine Kommilitonen, aber auch gegen seinen Vater - und er bleibt hartnäckig bis zum bitteren Ende.

"Geniales Psychogramm eines zerrissenen Charakters."
Elle, 2/09

Platz 10 -11 (-) 25 Punkte

GABRIELA AVIGUR-ROTEM: LOJA

Gebundene Ausgabe: 551 Seiten
Verlag: Suhrkamp
Auflage: 1
Erscheinungsdatum: 8. Oktober 2008
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3518420126
Mittelschwere Lektüre
Preis: 24,80 Euro

Nach 25 Jahren kehrt Loja Kaplan nach Israel zurück. Sie gehört zur ersten Generation von Kindern, die als Israelis groß geworden sind. Nach dem Tod ihres Vaters hat sie mit Anfang Zwanzig das Land verlassen, alle Brücken zu ihrer Vergangenheit abgebrochen. Nun ist Davidi, ein enger Freund ihres Vaters, gestorben und hat sie als Erbin bestimmt. In seinem alten Haus im Orangenhain wird die Welt, werden die Menschen ihrer Kindheitsjahre wieder gegenwärtig, Einst und Jetzt schwingen ineinander. Nach und nach entdeckt sie, daß Davidi ihr ein Geheimnis hinterlassen hat: die Geschichte, die ihn und Lojas Vater tragisch verbindet und die sie, die beiden begeisterten Archäologen, immer bemüht waren, im dunkeln zu lassen. Auf der Suche nach ihrer bislang totgeglaubten Mutter fährt Loja schließlich nach Terezín, dem einstigen Ghetto Theresienstadt.

Gabriela Avigur-Rotem gelingt es mit außergewöhnlicher sprachlicher Kraft, das Israel der 1950er und 1990er Jahre zu evozieren. Mit der Geschichte ihrer eigenwilligen Protagonistin Loja erzählt sie auch die einer ganzen Generation, der ersten Generation von Israelis, die erst spät gewahr wird, wie vielschichtig ihr Erbe ist.

Leseprobe beim Suhrkamp Verlag

Platz 10-11 (-) 25 Punkte

FERNANDO VALLEJO: Blaue Tage

Gebundene Ausgabe: 222 Seiten
Verlag: Suhrkamp
Auflage: 1
Erscheinungsdatum: 13. August 2008
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3518420188
Preis: 22,80 Euro
Mittelschwere Lektüre

Eine Kindheit in Medellín, der verläßlich chaotischen Stadt, in der Fernando Vallejo in den vierziger Jahren des fast schon betrauerten vergangenen Jahrhunderts aufwächst. Leichen schwimmen schon damals in den Flüssen, doch noch ist Kindheit ein Zelt blauer Tage. Eine Idylle hat Fernando Vallejo dennoch nicht zu erzählen. Zu wach, zu empfindlich reagiert das Kind auf die Stumpfheit seiner Mitwelt, auf gedankenlose Rede und falsche Töne, zu ausgeprägt ist sein Widerspruchsgeist. Blaue Tage ist das Porträt des Künstlers als garstiges Kind und liebessehnsüchtiges Wesen.

Fernando Vallejo ist der brillanteste Stilist Lateinamerikas, ein Radikalsubjektivist und Großtyrann der literarisch geschliffenen Polemik. Für seinen Roman Der Abgrund nahm er 2003 den Literaturpreis Rómulo Gallegos mit der Geste allumfassender Misanthropie entgegen (und stiftete die Preissumme Medellíns Heimen für aufgelesene Straßenhunde). Fernando Vallejos Kunst ist es, Überempfindlichkeit, Verzweiflung und Sehnsucht in die Drastik und auch Komik des Erzählens davon zu überführen. Blaue Tage ist das Paradox einer Schimpfkanonade als Trostbuch.

Leseprobe beim Suhrkamp Verlag

Labels: