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Freitag, Februar 20, 2009

Kulturzeit, 20.02.2009


Selten habe ich Tina Mendelsohn, Redakteurin bei der 3sat Kulturzeit, derart bissig und hart erlebt. "Freud sagt ja, dass man mit ungefähr drei Jahren in die anale Phase kommt, das heißt, unheimlich stark an den eigenen Ausscheidungen interessiert ist.", eröffnete sie die Unterhaltung mit dem leicht verdutzten Schriftsteller Heinz Strunk, Autor des jüngst erschienenen Romans "Fleckenteufel". Und sie fuhr fort: "Könnte es sein, dass bei Ihnen diese Phase andauert?"

Im besten Fall kann man Frau Mendelsohn unterstellen, sie wolle mit dieser Eröffnung offensiv-bildlich das Thema "Provokation" einläuten. Denn um nichts anderes geht es bei dem Band "Fleckenteufel" - eine kalkulierte Provokation, ein Versuch, an den Erfolg von Charlotte Roches "Feuchtgebiete" anzuknüpfen und dem sensibilisierten Buchmarkt so noch ein paar Euro aus der Tasche zu ziehen. Mendelsohns Einleitung hätte funktionieren können, wenn Strunk ihre Provokation als solche entlarvt hätte. Statt dessen wirkt ein Großteil dessen, was er im folgenden Interview von sich gibt, kleinlaut apologetisch. Seine anale Phase sei schon seit längerem vorbei, gibt er leicht trotzig von sich, er habe aber seine "humoristische Laufbahn" (meint er Studio Braun?) damit eingeläutet. Eigentlich sei dieses Segment seit 2002 ad acta gelegt. 2002 - das ist das Jahr, in dem er die Arbeit an seinem erster Roman "Fleisch ist mein Gemüse" begann, halb- bis dreiviertel-biographisch, eher einfühlsam als provozierend, augenzwinkernd melancholisch. Ein voller Erfolg, sowohl bei den Lesern als auch dem Feuilleton. Über 300.000 verkaufte Exemplare. Verfilmt, mittlerweile in Hamburg auch zur "Operette" zweitverwertet.

Hier ist die Frage, warum er dann im Jahr 2009 mit einem Roman auf den Markt schießt, der wieder ganz auf den alten "Pippi-Kacka-Schwuli-Wichsi-Kotzi"-Humor baut, nahezu zwangsläufig. Und ebenso zwangsläufig gibt Strunk zu, dass es da einen direkten Zusammenhang mit dem überragenden Erfolg von Charlotte Roches "Feuchtgebieten" gebe. Nein, wirklich? "Fleckenteufel" als Replik auf die "Feuchtgebiete" zu betrachten, wie Strunk das tut, ist vielleicht etwas hoch gegriffen. Woody Allen würde sagen: "Nein, eigentlich keine Replik. Ich habe schlicht die Idee geklaut." Und wenn Strunk halbwegs ehrlich wäre, sähe seine Antwort ganz ähnlich aus.

Tina Mendelsohn hebt an dieser Stelle die Augenbraue und senkt den Blick: Eine Replik? "Das heißt, Sie haben eine Antwort gegeben?" fragt sie erstaunt. "Ist das eine speziell männliche Antwort?" Und wieder macht Strunk einen Rückzieher. Nein, eigentlich keine Antwort, und schon gar keine männliche, denn inhaltlich und stilistisch sei "Fleckenteufel" eben doch etwas ganz anderes. Dann versucht er wieder Land zu gewinnen, in dem er großspurig behauptet, er, Strunk, habe auf diesem Gebiet seine Kernkompetenz , ein Humormonopol. Und der Zuschauer ist geneigt, ihm, der verzweifelt nach Worten sucht, zu glauben. Nicht, dass er diese "Kompetenz" besitze - aber dass Strunk das wirklich von sich denkt.

Mendelsohn kommt auf den mäßigen Erfolg zu sprechen, den die "Feuchtgebiete" nach deren Veröffentlichung in England haben. Sei dies denn ein typisch deutsches Thema? Sie geht noch weiter: Strunk lasse seinen Protagonisten ja haufenweise Landser-Hefte lesen - sei dies vielleicht ein Hinweis auf das typisch Deutsche auch in seinem Roman? Wieder tritt Strunk einen geordneten Rückzug an: "Keine Ahnung", sagt er, eigentlich sei dies lediglich ein Rückgriff auf den Fundus eigener Erinnerungen. Denn als Jugendlicher habe er eben jene Landserhefte gelesen. Später habe er dann umgeschwenkt auf Charles Bukowski. Genau wie sein Romanheld Thorsten Bruhn. Und Bukowski sei auch so etwas wie sein literarisches Vorbild gewesen. Auch wenn er inzwischen eher zur Lektüre von Botho Strauß neige. Nun gut.

Die 3sat Kulturzeit war nie ein angepasstes Programm, nie Hofberichterstattung für das Feuilleton. Gelegentlich habe ich Tina Mendelsohn auch zuvor schon provokant in ihren Fragen erlebt. Nie aber trat dieses Gefälle, diese Geringschätzung für einen Autoren derart klar zu Tage wie in diesem Interview. Immer wieder zerlegt sie Strunks Antworten, enthüllt sie als Wortblasen. Und selten habe ich einen Autoren defensiver erlebt als hier. Er weiß, dass dieser Roman nach zwei gelungenen Werken ein Fehler war und er seinen eigenen Ruf damit zerschoss. Er weiß, dass sein Schielen nach neuem, schnellen Geld - um in seiner eigenen Terminologie zu bleiben - ein Griff ins Klo war. Genüsslich demontiert Tina Mendelsohn den Autor. Eine Art öffentlicher Hinrichtung, die fast schon wieder für den Autor einnimmt. Das sah wohl auch 3sat so, und hat den Videomitschnitt in seiner Mediathek veröffentlicht. Wer das Gesamtkunstwerk mitsamt Anmoderation und Filmtrailer erleben will, kann dies auf myspace tun.

Infos zum Buch:
Autor: Heinz Strunk
Titel: Fleckenteufel
Klebebindung: 224 Seiten
Verlag: Rowohlt TB-Verlag Reinbek
Erscheinungsdatum: 16. Januar 2009
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3499252244
ISBN-13: 978-3499252242

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Auch als Hörbuch erhältlich

Lesen Sie auch die ausführliche Rezension des Romans bei Shakespeare and more
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